Ringen um Evidenz im Erkennen

von Hergen Noordendorp

Zunächst eine kleine persönliche Anmerkung. Der Inhalt dieses Aufsatzes beruht auf einem persönlichen Anlass. Bisweilen werde ich von Lesern der Hermetika-Zeitung gefragt: "Wer sind Sie?" Ich empfand eine solche Frage immer wie ein Zu-Nahe-Treten, wie eine Grenzüberschreitung, die jener ähnlich ist, welche sich in der rücksichtslosen Recherchierattitüde von Journalisten ausdrückt. Meine Antworten fielen immer sehr einsilbig aus. Dennoch konnte ich mich nicht davor verschließen, solch eine Frage auf das Berechtigte in ihr zu untersuchen. Lange Zeit hielt ich mich für unfähig, das in einer sachgemäßen Weise unternehmen zu können. Letztlich wurde dann die Beschäftigung mit der Dringlichkeit einer klaren Erkenntnismethodik zum Anlass für mich, die obige Frage einmal in dem Sinne ernst zu nehmen, ob die Frage nach dem "Wer" nicht gleichbedeutend sein könnte mit der Frage nach der eigentlichen tief unter allem Tand der alltäglichen Oberflächlichkeit sich verbergenden Lebensaufgabe. Wenn man in einem Alter, wo im Erkenntnisprozess das Lebensjahrsiebt des Saturns waltet (ich bin jetzt fast 59 Jahre alt), eine solche Frage aufgreift, dann fällt ihre Beantwortung gewiss anders aus, als wenn man sie mit den Kräften des Jahrsiebts davor oder einem noch früheren anzugehen versucht. Da im Umgang mit dieser Frage aber zugleich gewisse sachliche Inhalte eine Formulierung fanden, die vielleicht nicht unnütz sein können, will ich hier das der Öffentlichkeit unterbreiten, was sich erkenntnismäßig ergeben hat:

Die Frage: "Wer sind Sie?" kann ich selbstverständlich nicht im absoluten Sinne beantworten. Sagen kann ich zu ihr bis zu einem gewissen Grade lediglich Folgendes: Ich bin weder Hellseher noch Eingeweihter. Das unmittelbare Erleben gedanklicher Wesenhaftigkeiten im Ätherlicht ist mir bislang von der geistigen Führung meines Lebens verwehrt.

Ich habe die Aufgabe bekommen, solches aus der leibfreien denkerischen Bewusstheit, nicht aus der leibfreien, imaginativen oder Äther-Wahrnehmung aufzufassen. So musste ich wirklich erst einmal sachlich oder richtig denken lernen. Ich meine damit nicht ein abstrakt verstandesmäßiges Denken, sondern zu lernen, in der reinen (sinnesfreien) Bewusstheit solche Evidenzen aufzufinden, wie sie sich sonst als Korrektiv von außen her für das an die Sinne gebundene Verstandesdenken ergeben.

Diesem Bemühen bin ich über Jahrzehnte in meinem Leben nachgegangen. Es hat sich tatsächlich in einer gewissen Weise dahin entwickelt, dass ich jetzt sensibel geworden bin für die Anwesenheit solcher verborgener Evidenzen. Sinnesbezogene Evidenzen sind stets offenbar. Evidenzen, die mit dem Äthergehirn aufgefasst werden müssen, sind offenbare Geheimnisse. Sie werden erst fassbar, wenn man im reinen Denken zu einer Auffassungsweise gelangt, die es erlaubt, einen selbstgedachten Gedanken von einem solchen zu unterscheiden, der sich aus der astralischen Welt ringsherum von einem anderen oder als ein anderes Wesen in dieses reine Bewusstsein herein denkt.

Das ist deshalb so schwer, weil das Eine wie das Andere Gedanke ist, folglich beide gleicher Art, nicht aber gleichen Ursprungs sind. Dieser Unterschied ist wesentlich. Der selbstgedachte Gedanke steht im Zusammenhang mit einem Bewusstseinskomplex, der anschließt an eine eigene biographische Erinnerung. Er bedarf, um als ein solcher erkannt werden zu können, der Grundlage einer Erinnerungsvorstellung, die mit dem eigenen biographischen Werdegang gekoppelt bleibt.

Ein in das reine Bewusstsein von einem Geistwesen hineingedachter Gedanke aber ist ohne eine solche Anbindung an eine erdenmenschliche, Biographie-bezogene Erinnerungsvorstellung. Aber als Gedanke tritt er im Bewusstsein doch so auf, als sei er eine solche.

Deshalb ist die eigentliche Übungsaufgabe, eine Erkenntnis-Methodik zu entwickeln, die aufmerksam wird auf den außerpersönlichen Erinnerungsinhalt, an den jenes Wesen, welches diesen Gedanken denkt oder gedacht hat, so essentiell gebunden ist, wie ich an den meinen. Gelingt es mir in einem solchen Gedanken einen Erinnerungsinhalt an einen Umstand aufzufinden, der nicht an meine persönlich-menschlich-biographische Natur gekoppelt ist, dann kann er eben nur Ausdruck einer geistbiographischen Erinnerung desjenigen spezifischen Geistwesens sein, welches diesen Gedanken - ins Bewusstsein hinein - gerade denkt.

Hier muss man fortwährend üben, unterscheiden zu lernen. Das erzieht eine besondere Urteilsbildung und -gewohnheit heran, durch die man allmählich immer besser lernt, autobiographische und fremdbiographische Erinnerungsinhalte im Bewusstseinsfeld zu erfassen und deren Evidenz entweder hinsichtlich des einen oder des anderen herauszufinden.

Wenn man dann genügend souverän durch solches Üben geworden ist, hat man sich ein Gebiet erschlossen, in dem man sich mit der Evidenz der Erinnerung an eigene Sinneserlebnisse die Evidenz der Wesensartung von andersartigen Geistwesen erschließen kann. Denn in der Art, wie es seine Biographie im Bewusstseinsfelde denkt, denke ich darin meine Biographie ebenfalls. Es und ich denken nach den gleichen Gesetzen und im Bewusstsein. Wie es im Bewusstsein seine Biographie erkennt und ich die meine, so gilt es auch umgekehrt: ich erkenne mit oder in demselben Bewusstsein die seine, wie es die meine.

Aber warum ist es so schwer, das auch so aufzufassen?

Die psychische Auffassungsblockade, menschlich gesehen, die zunächst überwunden werden muss, ist diejenige, dass ich mich der Täuschung hingebe, mein Bewusstsein gehöre mir. "Es gehört mir, nicht jemand anderem" - das ist die Attitüde, in der sich mein Gewaltakt als eine Täuschung verfinsternd im Bewusstsein ausbreitet.

Es muss folgendes erkannt werden: Die gedanklichen Inhalte meiner biographischen Erinnerungsvorstellung gehören mir. Das ist stimmig. Sie strukturieren meine Besonderheit. Auch das ist stimmig. Aber sie strukturieren nicht das Bewusstsein selbst, sondern erscheinen in diesem als Strukturen, denen Bewusstsein als Trägermedium dient. Nur unter dieser Voraussetzung bleibt es weiter stimmig.

Im Bewusstsein als einem Trägermedium erlebe ich zwar meine Besonderheit bewusst dadurch, dass sie sich in der Erinnerungsvorstellung von meiner Biographie daran spiegelt. Beanspruche ich überdies aber auch noch das Eigentum an diesem Bewusstseinsfeld, dann ereignet sich ein Verschließen oder Heraussondern dieses individualisierten Bewusstseinssplitters aus dem Bewusstseinsmeer unter Verlust der Reinheit. Bewusstsein spiegelt dann nicht mehr nur eine Erinnerungsvorstellung in wahrer Weise, sondern verzerrt sie in das der persönlichen Willkür und führt so zu einer irrtümlichen oder überschätzten Bewertung derselben (Ahriman - Luzifer).

Michaelisches Denken, so könnte man den denkerischen Umgang mit Denkinhalten im Bewusstsein gegenüber dem Bewusstsein selbst als einem unendlichen Meer nennen, an dem Gedanken sich nur als an einem Medium spiegeln, ist gleichbedeutend mit: geistsachliches Denken bedarf nicht eines gesonderten Geistes-Eigentums am Bewusstsein, in dem es sich vollzieht, sondern muss sich gerade jeglicher Eigentumsattitüde streng enthalten!

Denn die Absicht, einen Eigentumsanspruch auf das Bewusstsein selbst zu erheben, führt immer zu einer Verstopfung. Ich sehe diese Verstopfung ganz im pathologischen Sinne: Es ist eine geistige Konstipation oder Obstipation (je nachdem, aus welchem Kulturkreis man den Begriff nimmt.) Erst nach Heilung (Beseitigung) dieser Konstipation wird es möglich, ein Geistiges über dessen objektive Geistbiographie (gemeint ist damit sein Wesenhaftes) im denkenden Bewusstsein so zu erkennen, wie ich mich selbst erkenne an der gedanklich dort sich spiegelnden meinigen.

Alles, was dann darauf noch folgt, wird zum Ereignis des wahren geistigen Dialogs. Jetzt erst, vorher nicht. Diesen inneren Dialog zu führen, das ist es, was ich, wie oben ausgesprochen, bis zu einem gewissen Grad bisher gelernt habe. Wenn man das als Antwort auf die Frage: "Wer sind sie" anzunehmen bereit ist, dann kann ich mich damit verbinden.

Mehr als das von mir zu verlangen, ist jedem erlaubt. Aber ich werde von meiner Seite aus vorläufig nicht im Sinne des Wahrhaftigen darauf antworten können.

Hergen Noordendorp - Le Bar sur Loup, 1. November 2004

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