Ein Weltgeheimnis in der Schlussworten des Johannesevangeliums.

Die Verse 15 bis 23 des 21. Kapitels vom Johannesevangelium verbergen ein Geheimnis im Zusammenhang mit der menschheitlichen Evolution. Ihm soll in diesem Aufsatz ein wenig nachgegangen werden. Hier zunächst die besagte Passage in einer Übersetzung aus dem Griechischen durch mich, den Verfasser:

"Nach dem Mahl sprach Jesus zu Simon Petrus: Simon, (Sohn) des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Er sprach zu ihm: Füttere meine Lämmchen. Er spricht zu ihm ein zweites Mal: Simon, (Sohn) des Johannes, liebst du mich? Er antwortet ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Er spricht zu ihm: Hüte meine Viehherde. Er spricht zu ihm ein drittes Mal: Simon, (Sohn) des Johannes, hast du mich lieb? Es betrübte Petrus aber, dass er ihn beim dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Und er antwortete ihm: Herr, du weißt alles, dir ist (daher auch) bewusst, dass ich dich lieb habe. Jesus spricht zu ihm: Hüte meine Viehherde. Amen, Amen, ich sage dir, in der Zeit deiner Jugend gürtest du dich selbst zum Kampf und ziehst hinaus, wohin du begehrst. In der Zeit deines Alters streckst du aber deine Hände aus, und ein anderer muss dich zum Kampf gürten. Und er geleitet dich dorthin, wohin du nicht willst. Das sagte er aber um anzudeuten, durch welche Art des Dahinschwindens er den Gott offenbaren würde. Und nach diesen Worten sagte er noch: Leiste du mir Folge.
Da wandte sich Petrus um und gewahrte den Jünger, den Jesus liebte, der verständnisvoll folgte. (Es war der), der sich beim Mahl zu seiner Brust hingebeugt und gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert? Als des Petrus Blick jetzt auf ihn fiel, fragte er Jesus: Herr, was geschieht mit dem da? Jesus fragt ihn: Wieso interessiert es dich, dass er mich als Kommenden erwarten soll? - Dein ist es, mir hinterher zu folgen. Das führte unter den Brüdern zu dem Gerücht, dass jener Jünger nicht stürbe. Jesus hatte aber nicht gesagt, dass er nicht sterben würde, sondern: Wieso interessiert es dich, dass er mich als Kommenden erwarten soll. Es handelt sich bei ihm um den Jünger, der hier sein schriftliches Zeugnis davon abgelegt hat. Und wir kennen die Zuverlässigkeit seines Zeugnisses."

In diesen wenigen Versen geht es um das christliche Grundgeheimnis der Liebe. Das Griechische kennt drei Begriffe für Liebe: die Agape, die Philia und den Eros. Man kann sie unserem modernen anthroposophischen Verständnis nach den drei menschlichen Seelengliedern zuordnen. Die Agape ist der Liebesausdruck der Bewusstseinsseele. In sie hinein leuchtet das Licht des Geistes. In diesem Licht erkennt sie die ewigen Gesetze, weil ihre Liebe so selbstlos ist, dass keine Eigenwesensaufwallung diese ewigen Gesetze verdeckt. Und in der Folge ist sie befähigt, sich den Verpflichtungen hinzugeben, die sie als Erkenntnis aus den ewigen Gesetzen schaut.

Die Philia hingegen ist Ausdruck für eine Liebe, welche in der Verstandes- oder Gemütsseele zu Hause ist. Sie strömt noch ganz aus dem seelischen Persönlichkeitswesen, ist ganz ichhaft im Sinne des Seelen-Egos und kann daher das Ewige nicht unmittelbar erkennen. Sie bedarf dessen Offenbarung - gewissermaßen von oben her. Ihre Attitüde zeigt sich ambitioniert. Sie engagiert sich persönlich, vermag eifersüchtig solche Werte zu verteidigen, die sie als die ihren anerkennt, aber gleichsam doch noch nicht in sich verwesentlicht hat. Sie möchte noch besitzen, weil sie nicht hat. Die Agape hat und braucht daher nicht besitzen zu wollen.

Der Eros schließlich ist der Liebesbegriff der griechischen Sprache, den man der Empfindungsseele als Ausdruck zuordnen kann. So, wie die Bewusstseinsseele in das Licht des Geistes hinein liebt, so tut es die Empfindungsseele aus der Düsternis des Leiblichen herauf. Sie erlebt sich verbunden mit den Schöpfer- oder Zeugungskräften des Göttlichen, ist aber zugleich dem luziferischen Einschlag aus der lemurischen Zeit ausgeliefert. Luzifer brachte die Erkenntnis von Gut und Böse. Und die hebräische Sprache hat daher als Wort für die Zeugung durch geschlechtliche Liebe den Ausdruck "erkennen". Abraham erkannte seine Frau und sie gebar einen Sohn. Das ist der Standardausdruck. Der Eros spielt hier am Schluss des Johannesevangeliums aber keine Rolle, wird daher nicht weiter diskutiert.

Interessant ist nun in dieser neutestamentlichen Passage, dass der Christus sich mit der Frage: "Agápeis mou", "liebst du mich?" (mit der Geisthingabe der Bewusstseinsseele) an Petrus wendet. Der antwortet aber: "Philô se", "ich habe dich lieb" (ich liebe dich aus meiner Verstandesseele heraus in ganz persönlicher Weise). Hier wird deutlich, welchen Anspruch hinsichtlich der Liebesfähigkeit der Christus an Petrus stellt, dem dieser aber nicht gerecht werden kann. Ein zweites Mal ergeht die gleiche Frage, ein zweites Mal wird sie in gleicher Weise beantwortet. Beim dritten Mal dagegen fragt der Christus nicht mehr: Agápeis mou? - sondern jetzt fragt er: Phileîs mou?

Was ist da geschehen?

Eigentlich steht hier etwas ganz Unerhörtes im Johannesevangelium. Zweimal gibt Petrus ehrlich zu, dass er den Christus nur aus der Verstandesseele heraus liebt und lieben kann. Beim dritten Mal wird diese Philia aber vom Christus in Frage gestellt. Petrus steht vor dem Problem, sich fragen zu müssen, ob denn das mit der Philia wirklich stimme. Und das ist genau der Grund, weshalb er betrübt wird. Eigentlich müsste man sagen, er fühlte sich düpiert. Wie sieht denn dieses Fragespiel von der inneren Dramatik her für Petrus eigentlich aus?

Er hat seine Liebesfähigkeit im Sinne der Agape zunächst zweimal verneint. Man kann das auch zweimal verleugnen nennen. Und beim dritten Mal ist die Frage so, dass Petrus überprüfen muss, ob nicht auch die Philia, die er als seine Liebesfähigkeit bekundet, den Christus verneint oder verleugnet. Es klingt also indirekt durch diese dreifache Frage hindurch das Wort vom Karfreitag: "Amen ich sage dir, noch ehe der Hahn dreimal gekräht hat, hast du mich dreimal verleugnet."

Was im Anschluss an diese dritte Frage folgt ist von daher interessant, dass dem Petrus Weisungen erteilt werden, die ganz aus dem militärischen Lebensgebiet genommen sind. Es heißt: in jugendlichem Alter gürtest du dich zum Kampf. Der griechische Begriff "zonnymi", der hier verwendet wird, hat die Bedeutung: sich das Gewand zum Kampf höher schürzen, sich den Gürtel anlegen, an welchem das Schwert mit der Scheide angebracht ist. Modern würde man sagen: sein Gewehr schultern und an die Front gehen. Ferner wird Petrus der jugendliche Eigenwille deutlich vor Augen geführt. All das passt vollkommen mit der Verstandesseele zusammen, welche die Menschheit zur Zeitenwende noch im Begriff war, zu entwickeln. Über diese Attitüde der Verstandesseele wird dann gesagt, dass sie in der Zeit ihres Abstiegs von anderen Kräften ergriffen werden muss, die nicht auf den Eigenwillen mehr Rücksicht nehmen. Und in diesem einem-Fremden-anvertraut-werden würde sich das Ende des Petrus als Offenbarung des Göttlichen zeigen.

Schwert, Eigenwille und Verstandesseele, all das bezieht sich auf die erste Erdhälfte der jetzigen Erdenevolution. Rudolf Steiner gibt in seinen Apokalypsebetrachtungen an, dass die erste Erdhälfte mit dem Mars, die zweite mit dem Merkur verbunden sei. Im Mars leuchtet die alte Mondenentwicklung herauf, im Merkur strahlt uns die künftige Jupiterentwicklung entgegen. Aus der Mondenentwicklung herauf schlagen die luziferischen Kräfte in die Evolution der Liebesfähigkeit des Menschen, indem sie das weibliche Element (ebenfalls Ausdruck des Mondes) ergreifen. Das männliche Element hingegen ist dem Merkur zugeordnet und weist so auf ein Künftiges hin, wie das Weibliche auf ein Vergangenes. Das Menschenwesen selbst entwickelt sich zwischen diesen beiden polaren Kräftefeldern. Und es kommt hinsichtlich seines Wesenskernes erst da auf der Erde an, wo die Erdenevolution auf dem Golgathahügel ihren Einschlag erhält am Kreuz, als die Mutter (Weib) und der Lieblingsjünger (Mann) im entsprechenden Kreuzeswort miteinander verbunden werden: Frau, siehe dein Mann, siehe deine Mutter.

Wir blicken also, wenn wir Petrus betrachten, gewissermaßen auf die erste Hälfte der Erdenevolution - die Marshälfte, in welcher die Kräfte des Krieges, des Streites, des Eigenwillens, der Eifersucht usw. walten. Begebenheiten werden persönlich genommen. In den Auseinandersetzungen und kultischen Handlungen spielen Blut und Blutrache wegen des Bluteisens eine Rolle. Dem Petrus klingen deshalb bei der Verhaftung Jesu, als er einem Soldaten bei einem Akt ihm gerechtfertigt erscheinender Selbstverteidigung das Ohr mit dem Schwert abtrennt, die Worte entgegen: Richte nicht mit dem Schwert, damit du nicht gerichtet werdest.

Die in der Marshälfte der Erdentwicklung nachwirkenden Mondenkräfte führten das Erden- und Menschenwesen in die Verdichtung, weshalb in der lemurischen Zeit zum Ausgleich der Mond aus der Erde herausgeführt werden musste. Aber verhindert wurde nicht, dass sich in der Erde das feste mineralische Element herausbildete, das die Erde zum Felsen machte. Vor diesem Hintergrund etwa kann die folgende Textstelle gesehen werden, die sich in Matthäus 16, 16-18 findet:

"Petrus antwortete: Du bist der Gesalbte, der Sohn des Gottes, des Lebenden. Jesus erwidert: Selig bist du, Simon Barjonah, denn nicht die physische Natur und das Blut haben dir das enthüllt, sondern mein Vater in den Himmelssphären. Ich aber sage dir: Du bist Petrus (gr. Petros), und auf diesen Fels-Stein (gr. Petra) werde ich meine Kirche bauen (gr. oikodomeo - bauen, aufführen, bebauen, das Fundament legen), und die Pforten der Unterwelt werden sich in sie hinein nicht öffnen können."

Petrus wird als der Fels beschrieben, der die Gewordenheit der ersten Hälfte der Erdenentwicklung symbolisiert. Seine Erkenntnis des Gesalbten entspringt nicht den hierin waltenden Kräften des Physischen und des Eisen durchdrungenen Blutes. Petrus hat sie also nicht aus seinen eigenen Fähigkeiten bekommen, sondern sie ist eine übersinnliche Erkenntnis - aus den vatergöttlichen Sphärenwelten von oben herunter. Der Christus sagt dann, dass er seine Kirche auf diesen Felsen gründen will. Gewiss - aber er sagt nicht, dass dieser Felsen identisch mit der Kirche sei. Christi Kirche ist das Reich oder die Geistgemeinschaft (gr. Ekklesia - Berufenheit), die nicht von dieser Welt sind, um mit dem Johannesevangelium zu sprechen. Aber diese Ekklesia wird getragen von der festen physischen Erde, hat ihr Fundament auf dieser, berührt sich mir ihr. Hätte, um im Bilde des eingangs zitierten Johanneswortes zu bleiben, Petrus die Fähigkeit der Agape gehabt, hätte er wahrhaft als Fels die Kirche nur tragen, sich aber nicht mit dieser identifizieren wollen. Er hätte gesagt: Ich trage die Kirche, aber ich bin nicht die Kirche. So spricht die Agape. Die Philia hingegen identifiziert sich und will besitzen. Und so erscheint es nicht verwunderlich, dass das Kirchenchristentum, welches sich auf Petrus mit dem Papsttum usw, gründet, eine Selbstidentifikation mit dem Kirchenorganismus vornimmt und sich für diese "gute Sache" dann zum Kampf gürtet (militant wird, dogmatisch regiert) und hingeht, wohin sie nach Gutdünken gehen will.

So wird die petrinische Kirche nachgerade zum Sinnbild für die Marshälfte der Erdenentwicklung, und man kann sogar ihre Entgleisungen ganz aus ihrem Institutionswesen heraus verstehen. Gegenüber der Institution Kirche können sich allerdings die Pforten des Hades öffnen. Nicht aber gegenüber dem Geistorganismus Kirche, der Geistgemeinschaft Ekklesia, die der Christus auf dem Felsen der Marshälfte der Erde gegründet hat. Und so muss dem institutionellen Kirchentum das gleiche Los bevorstehen wie dem Petrus: es wird immer mehr die Eigenführung verlieren und von anderen Kräften gelenkt werden, je weiter die Erdenentwicklung in die zweite Hälfte hinübergeht, in die Hälfte des Merkur. In diesem Zusammenhang kann die folgende Stelle des Matthäus-Evangeliums, Kapitel 21, 42 - 44 verständlich werden:

"Habt ihr niemals zur Kenntnis genommen, was in der Schrift steht? Der Stein, den die Vorarbeiter am Bau verworfen haben, dieser ist zum eigentlichen Schlussstein geworden. Das hat der Herr bewirkt und vor unserer Schau muss es als wunderbar anmuten. Deshalb erkläre ich euch: Das Reich (der wahren) Göttlichkeit (des Menschen) wird euch weggenommen und an eine andere (Zeiten) - Volksgemeinschaft weitergegeben, die mit ihm in fruchtbringender Weise umzugehen imstande ist. Denn wer auf diesen Stein fällt, der zerschellt an ihm, und auf wen dieser Stein fällt, der wird von ihm zermalmt."

Dies ist die einzige Stelle in den Parabeln Jesu, wo auf das Handwerk der Architektur eingegangen wird. Sie spricht von denjenigen, die den Schlussstein verworfen haben, als denen, welchen das Arbeitsfeld genommen wird. Und sie deutet auf andere, die es bekommen werden. Das ist der Werdegang der Menschheitsevolution, wie er von der Marshälfte weg in die Merkurhälfte voranschreitet. Gleichzeitig wird aber auch auf das Spannungsfeld Abel - Kain hingedeutet. Die Abeliten konnten als Geistesgelehrte und Weise einen Plan zum Tempelbau aufstellen (König Salomon). Aber sie hatten die Hilfe der Kainiten (Hieram Abiff) nötig, um ihn auch aufzuführen. Als Kainssöhne waren diese mit den entsprechenden handwerklichen, künstlerischen und praktischen Kenntnissen vertraut. Das will sagen: Manche machen gute Pläne, aber wenn's an die Ausführung geht, dann erkennen sie nicht das Wesentliche (Schlussstein) und müssen ihre Initiative an die Praktiker abgeben. "In deiner Jugend gürtest du dich selbst - Der Jugendliche Idealismus schmiedet Plan an Plan. Bei der Ausführung versagt er oft und muss den Plan an den Praktiker weitergeben: In deinem Alter aber schwindest du dahin und wirst von einem anderen geführt. Der Abel-Kain Zusammenhang wird im Weiteren dieses Aufsatzes noch deutlicher werden.

Zum Abschluss des Dialogs zwischen dem Christus wird Petrus gesagt: "Folge mir nach", oder besser: "leiste mir Folge."

Man sollte das einmal ganz wörtlich nehmen. Christus geht immer mit seiner Geist-Kirche Schritt für Schritt voran und Petrus soll immer Schritt für Schritt folgen; aber er ist dabei immer einen Schritt hinter dem Christus, kommt immer erst an dessen Stelle, wenn dieser schon wieder einen Schritt weiter ist. Hier leuchtet der griechische Mythos des Epimetheus in den Abschluss des Johannesevangeliums hinein, des immer zu spät Kommenden, desjenigen, der alles ergreift, was sich ihm bietet, also schließlich auch die Büchse der Pandora. Als diese sich öffnet, ergießt sich das Unheil über die Welt, d.h. Epimetheus wird von Kräften ergriffen, die er nicht mehr selbst beherrscht. Die einzige Rettungskraft wäre die Hoffnung. Aber diese bleibt in der Büchse zurück, als Pandora sie schließt bevor sie entweichen kann. Epimetheus und Petrus als derjenige, der sich mit der Institution der Kirche identifiziert, können hier synonym gebraucht werden. Alle Kräfte und Fähigkeiten, die mit der Marshälfte der Erde in Beziehung stehen, sind solche Epimetheen, Epigonen, Nachfolger, Nachhinker.

Dem gegenüber steht der Lieblingsjünger im Abschlussbericht des Johannesevangeliums. Über ihn heißt es, dass er zur Zeit des Dialoges des Christus mit Petrus voller Verständnis dem inneren Redefluss folgen konnte. Das ist gemeint, wenn gesagt wird: "Petrus sah den Jünger stehen, der folgte." Es ist eine Eigenart von okkulten Schriften, dass sie einen Umstand in mehrdeutiger Weise fassen, sodass der Einsichtsgrad des Lesers bestimmt, was ihm von der Urkunde verständlich werden kann.

Von diesem Jünger wird nun gesagt, dass zu seinen Eigentümlichkeiten das Warten auf den Christus gehöre. Petrus sieht den Christus vor sich hergehen, eigentlich immer von ihm fortgehen, und folgt ihm daher Schritt für Schritt hinterher. Johannes hingegen als Repräsentant der zweiten Erdhälfte mit den Merkurkräften steht bezüglich der realen Evolutionsgegenwart des Christus immer in einer zukünftigen Position, da, wo der Christus eigentlich erst noch hingehen muss. Aber er sieht ihn auf sich zu kommen. Und was er über den Christus zu sagen hat, ist alles das, was sich ihm offenbart als Lebenskraft, die aber erst dann zu wirken beginnt, wenn Christus die Stelle erreicht hat, von der aus Johannes ihn jetzt herkommen sieht. Da er aber selbst dann einen Schritt in die Zukunft weiter vorrückt, um dem Christus den Platz zu überlassen, wo er gerade noch stand, charakterisiert ihn die Attitüde des unausgesetzten Wartens oder Erwartens. Johannes "nimmt gleichsam bezüglich seines Standortes stets ab, damit Christus dort zunehmen könne". Johannes wird als Erwartender oder Abwartender zum Wegbereiter in der Einsamkeit, zum Rufer aus der Einsamkeit, um eine Aussage Johannes des Täufers über sich selbst sprechen zu lassen. Das ist eine michaelische Attitüde, denn Johannes wird da zum Träger Michaels, zum Ausdruck des Antlitzes Christi. Und er bringt das Feuer der Erkenntnis, welches vom michaelischen Lichtes-Wärme-Willen durchdrungen ist, vom Leuchten des Merkurs oder Morgensterns, wie es in der Apokalypse heißt. Im Johannes tritt uns folglich der Prometheus - der Voranschreiter - so entgegen wie in Petrus der Epimetheus - der Hinterherschreiter.

Von Prometheus erzählt die Sage, dass er von Zeus für seine Tat, das Feuer den Menschen gebracht zu haben, an einen Felsen gekettet wurde. Ein Adler kam und fraß jeden Tag etwas von seiner Leber, die des Nachts nachwuchs.

Welch ein großartiges Bild. Der Adler - Sinnbild der Geisterkenntnis und zugleich traditionelles Symbol des Evangelisten Johannes - frisst von der Leber, jenem Organ des Menschen, welches in sich die Jupiterkräfte und den Merkur-Prozess trägt. Prometheus-Johannes erscheint gleichsam als an den Felsen Epimetheus-Petrus gekettet. Das heißt nichts anderes, als dass die Mars- und Merkurhälfte der Erdentwicklung nicht auseinander fallen können in eine luziferische (Mars) und eine ahrimanische (Merkur), sondern ständig aufeinander bezogen bleiben. (Man findet das auch dargestellt in der Plastik des Menschheitsrepräsentanten von Rudolf Steiner auf deren linker Seite.) Die Geistkirche Christi (nicht Christus selbst) erscheint in diesem Bild als der Adler, der sich von den Jupiterkräften des Johannes-Merkur ernährt, damit sie sich in die Zukunft hineinentwickeln könne. Johannes, der Wartende, erleidet durch sein Wartenmüssen den Schmerz des Angekettetseins an alles irdisch Vergangene mit dessen Fehlern und das Hingeben seiner Erkenntnissubstanz (Leber - Jupiter) als Geistnahrung für die weitere Evolution. Genau das ist gemeint, wenn im Neuen Testament von Prophetie die Rede ist: Leid am Seienden und Nahrung durch Hinweis auf das, was zu geschehen hat. Johannes kann diese Christusforderung verwirklichen, weil er in der Agape weilt, und nicht wie Petrus in der Philia.

Das Johannnesevangelium blickt also in seinen Schlussversen auf das Prinzip des unüberbrückbaren Gegensatzes, repräsentiert durch Petrus und Johannes. Der erste trägt die Kirche Christi, ist aber nicht mit ihr identisch. Der andere ernährt sie, ist aber auch nicht mit ihr identisch. Denn diese Kirche hat ihren wahren Ort zwischen beiden. Petrus-Epimetheus ist der Repräsentant des Adamssohnes Abel, des Nachgeborenen. Johannes-Prometheus ist der Repräsentant des Adamssohnes Kain, des Vor- oder Erstgeborenen.

Zwischen Abel und Kain kam es zum Streit im Zusammenhang mit dem Opfern. Opfern kann man nur etwas, das schon da ist. Folglich wird das Abelopfer, das Opfer des Nachfolgenden, der etwas Gewordenes in Händen hält, angenommen. Dasjenige des Voranschreitenden hingegen kann noch nicht Opfer sein, weil seine Substanz noch in der Zukunft liegt. Folglich wird es abgewiesen. Und das, obwohl oder gerade weil es ein Opfer ist, dessen Substanz pflanzlich ist, also Ausdruck des reinen Lebens. Man könnte es auch anders sagen. Rudolf Steiner formulierte einmal: Das Leben der einen Epoche wird zur Form in der nachfolgenden.

Johannes-Prometheus ist verbunden zu sehen mit dem Lebensstrom der einen Epoche. Petrus-Epimetheus mit dem Geformten, zu dem das vormalige Leben wird. Zwischen beiden oder in beiden betätigt sich die Geistkirche des Christus, die mit der Kraft des Lebens eine aus diesem zuvor entstandene Form verwandelt. Gegenstand des Opfers kann immer nur die Form sein, nicht das Leben, das die zu opfernde Form erst hervorbringen muss.

So ist die Perspektive des Schlusses vom Johannesevangelium eine solche, in der man etwas vom Geheimnis der Alchymie anschauen kann. Weshalb?

Die wahre Aufgabe der Alchymie, ihr eigentliches Anliegen, ist das Goldmachen. Sie hat zur Aufgabe, alle Metalle zu ihrer edelsten Äußerung zu bringen. Diese ist das Gold. Es bedarf dazu zweier Mittel: des Steines der Weisen und der Auflösekraft. Der Stein der Weisen ist nach Rudolf Steiners Angaben der verwandelte Kohlenstoff, der eigentliche Formbildner des Physischen in der Erde.

Bezogen auf den Schluss des Johannesevangeliums wird dieser "Stein der Weisen" durch Petrus getragen oder repräsentiert. Stein der Weisen, Fels der Weisen, Schlussstein, an dem die Türen des Abgrunds sich nicht öffnen können. Er birgt das Geheimnis der Form, die nach außen trägt, was zuvor nach innen Leben war, das selbst um eine Epoche weiter geschritten ist. Diese Form muss dann zunächst hingeopfert werden, durch den Tod gehen. Im Tode verliert sie die Materie und wird reines Formwesen. Als dieses ist sie zum Stein des Weisen geworden und kann zu wirken beginnen. Das fließende und auflösende Element des Lebens wird dagegen durch Johannes repräsentiert. Er ist der Träger des Merkurprinzips, sinnlich sichtbar im einzigen flüssigen Metall - dem Quecksilber -, die Kraft des Morgensterns, des Verwandlungswissens und der Verwandlungswerkes. Mars-Eisen-Fels formt. Merkur-Quecksilber-Tropfen löst die Erstarrung der Form auf. Dazwischen wirkt die Geistkirche Christi, in welcher sich das Licht der Sonnenwesenheit Christi offenbart. Die Sonne ist das eigentliche Goldwesen, das den Stein der Weisen und den Merkur zu diesem Goldmacher-Werk verwendet.

Und in den Abschlussworten des Johannesevangelium erlebt der Leser mit, wie der Christus sowohl Petrus als auch Johannes die ihnen jeweils zueignenden Parts im großen Goldwerde- oder Sonnenwerdeprozess der Erdenentwicklung zuweist: Petrus muss sich als Träger des Steins der Weisen erkennen. Das ist immer dann der Fall, wenn er sich gürten lässt von demjenigen, der diesem Stein der Weisen in dessen Erstarrtheit die Kräfte des Auflösens oder Erlösens geben kann: Johannes. Und erst wenn beide zusammenwirken, der eine aus der Vergangenheit herauf, auf das Prinzip hinweisend - nachfolgend - und der andere aus der Zukunft her - erwartend, das Dogmatische im Prinzipiellen oder den Fundamentalismus auflösend, - indem sie beide sich - von ihrer Seite aus - dem jeweiligen Gegenwartswirken Christi hingeben, entsteht und weitet sich der Sonnenkeim im Erdinnern aus, die Erde selbst in Gold verwandelnd, und in der Folge alles, was irdisch ist.

Hiermit erschließt sich eine von vielen Möglichkeiten, eine Auffassung für das Gralsgeheimnis zu gewinnen. Im Kelch offenbart sich das Formelement oder das sakramentale Brot, im Blut Christi darin das Merkurelement oder der sakramentale Wein. Die Wandlung oder das Goldmachen aber führt der Priester Christus selbst durch, indem er Brot und Wein in seinem Leib und sein Blut wandelt.

Wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche in der Kommunion nur das Brot an die Laienschaft gibt und ihr den Wein vorenthält, dann drückt das geradezu überspitzt die Petrusattitüde des Formens aber auch des Verhärtens aus. Und in dem flüssigen, verwandelnden, auflösenden, ganz selbstlosen Wirken des Quecksilbers zeigt sich die johanneische - verborgene - Kirche, die alle Formerstarrung von innen her aufzulösen trachtet.

Am Ziel des Evolutionsprozesses von Erde und Menschheit steht nach johanneisch-apokalyptischer Auffassung das Neue Jerusalem. Es leuchtet am Ende der Offenbarung auf. Am Ende des Johannesevangeliums hingegen erscheint der Evolutionskonflikt an der Polarität, symbolisiert in Petrus und Johannes. In diesen Konflikt hinein und durch ihn hindurch lässt der Christus fortwährend sein schaffendes Weltenwort erklingen. Es ist der reine Ausdruck der Agape, den Wandel erzeugend, den Wandel bewirkend und den Wandel selbst wandelnd.

Das Neue Jerusalem wird vom Apokalyptiker so geschildert, dass sein Gestein (Stein der Weisen) Edelsteincharakter hat, sein Merkur als das Lebenswasser aus dem Thron hervorquillt und sein Gold das Baumaterial der Straßen geworden ist. Man möchte dahinter eines der sieben Ich-bin-Worte klingen hören, das all dieses geheimnisvoll zu seinem Inhalt hat:

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand gelangt in die künftigen väterlich-kosmischen Evolutionen (oder in das künftige Jerusalem) als durch mich."

Mit "Weg" wird auf das Gold gedeutet (die wirkende weggeleitende Geistkirche Christi), mit "Wahrheit" auf den Stein der Weisen (oder den seinen Eigenwillen hinopfernden Petrus) und mit "Leben" auf den Lebens- und Erlösungsstrom des Quecksilber-Merkurs, symbolisiert im fortwährend den Christus erwartenden Johannes.

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