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(Vorwort der Herausgeber: Dieser Artikel von Dr. Ernst Marti stammt vermutlich aus dem Jahre 1958. Damals wandte sich Dr. Marti an die Wochenschrift "Das Goetheanum" mit der Bitte um eine Publikation. Er wurde abgewiesen mit der Begründung, "der Artikel sei zu esoterisch, man könne dies den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft nicht zumuten". Für die Genehmigung zur erstmaligen Veröffentlichung dieses Artikels sei der Tochter von Dr. Marti, Frau V. Kurz herzlich gedankt. - Benjamin Schmidt)
Das dreifache Böse
von Ernst Marti (1903-1985)
Wer sich mit Anthroposophie vertraut macht, erhält damit auch Kenntnis von den Wesen Lucifer und Ahriman. Durch die zahlreichen Schilderungen Rudolf Steiners in seinen Büchern und Vorträgen, durch seine malerischen und plastischen Darstellungen, durch die Mysterienspiele hat wohl jeder eine mehr oder weniger reiche Vorstellung dieser beiden Wesen, von ihrer Wesensart, von ihrer Stellung im Weltganzen, von ihren Aufgaben im Makrokosmos und Mikrokosmos, von ihren Einwirkungen in der Menschheitsentwicklung, von ihren Versuchungen und Angriffen gegen den Menschen.
Nicht so steht es mit dem dritten Bösen. Es ist nicht einmal durchgängig bekannt, dass es ein solches Wesen gibt. Oder man kennt wohl seinen Namen Asura, aber es fehlt eine differenzierte Vorstellung über seine Wesensart, Stellung und Aufgabe in der Welt und im Menschen, denn Rudolf Steiner hat darüber nur spärliche Angaben gemacht. Eine vollständige Welt- und Menschenerkenntnis muss aber heute nach einer deutlicheren Vorstellung dieses Wesens streben, denn nur die volle Erkenntnis des dreifachen Bösen als Widerpart der göttlich-guten Trinität ergibt eine wirkliche Lebenssicherheit.
Wenn man vor die Gruppe des Menschheitsrepräsentanten im Goetheanum hintritt, die ein höchster Erkenntnisquell ist, empfängt man ein umfassendes Wesensbild von Lucifer und Ahriman. Über Asura schweigt die Gruppe. Das wird zum Rätsel: Ist Asura überhaupt nicht dargestellt? Warum?
Von Lucifer und Ahriman hat Rudolf Steiner gerade im Zusammenhang mit der "Gruppe" dargelegt, wie sie mit dem Menschen zusammenhängen: Wie der Mensch in seinen Haupteskräften Lucifer ausgesetzt ist, in seinem Stoffwechsel Ahriman. Das Gedankenleben als Abschattung des verflossenen Vorgeburtlichen ist Lucifer zugänglich, der die Vergangenheit als Wesenskraft hat. Im Wollen, das vorweggenommenes Nachtodliches ist, kann Ahriman einhaken, der sich die Zukunft zu erobern sucht. Diese beiden Mächte versuchen, den Menschen an seinen Polen zu fassen. Was aber ist in der Mitte? In der "Gruppe" steht da Christus, der Menschheitsrepräsentant, der anzeigt, wie jedes Menschen-Ich steht zwischen Lucifer und Ahriman. Nun denke man sich einmal in der "Gruppe" den Christus weg, dann entsteht eine gähnende Leere in der Mitte. Und nun kann man sich an einen Ausspruch Rudolf Steiners erinnern: Christus deckt das dritte Böse zu. Weiter kann einem klar werden: In der "Gruppe" steht ja ein gutes zwischen zwei bösen Prinzipien. Man muss den Geist-vertrauenden Mut haben, einmal das Gute in der Mitte wegzudenken, dann steht man vor dem dreifachen Bösen. Dann steht es unverhüllt da.
Damit erfährt man Wesentliches über Asura. Dieses Wesen hat seinen Ort in der Mitte! Sein Bereich ist das Mittlere selbst; die Gegenwart als Mitte der Zeit, das rhythmische System als Mitte des Menschen. Es ist der eigentliche Anti-Christ.
Ahriman versucht, den Menschen zu verhärten, sein Ich an die Erde zu fesseln. Lucifer versucht, ihn aufzublähen, ihn erdenflüchtig zu machen. Der ihnen verfallende Mensch er-lebt in der Inkarnationenfolge den Ausgleich dafür durch Krankheit und Karma und wird wieder frei von ihnen; denn Lucifer und Ahriman vermögen nicht, das Ich zu zerstören. Asura aber versucht, das Zentrum des Menschen, das Ich zu vernichten. Rudolf Steiner sagt: Er vermag Stücke aus dem Ich heraus zu brechen, und die sind dem Menschen für immer verloren. Wie kann sich der Mensch davor bewahren? Indem er sich mit dem Christus durchdringt. Es ist für das gewöhnliche Leben nicht unerlässlich, Christ zu sein; die Mehrzahl der Erdenmenschen sind nicht Christen. Auch Ahriman und Lucifer kann man bestehen, ohne Christus voll in der Seele zu tragen. Für die Begegnung mit Asura ist es Existenz- entscheidend, ob ein Mensch genügend Christuskräfte in sich trägt. Asura wird in der Zukunft die stärkste Nötigung für den Menschen werden, sich mit Christus zu verbinden. Das erfahren Menschen, die Asura im Geiste begegnen. Es sind heute noch wenige. Es werden rasch mehr werden, denn heute gelangt man nicht bewusst zum Hüter, ohne vorher Asura zu begegnen. Darum ist es heute nötig, etwas von ihm zu wissen.
Wie gibt sich Asura als Wesen kund? Rudolf Steiner hat es scheinbar nicht geschildert. Wenn man aber die Erlebnisse der Menschenseelen mit diesem Wesen erfährt, sieht man, dass er es doch getan hat. Asura erscheint als das reale Nichts, als unendlich saugendes, gestaltloses Schattenwesen, als schwarze Sonne. Man lese daraufhin die Darstellung Rudolf Steiners am Schlusse des Vortrages "Die Erlebnisse des Menschen im Schlafe und nach dem Tode in der geistigen Welt", London 16.XI.1922, wo er eine Schilderung des dreifachen Bösen gibt mit der schwarzen Sonne in der Mitte. So stellt sich Asura im Geistigen dar.
Im Seelisch-Psychologischen zeigt sich Asuras Wirken dort, wo das Ich in einer Situation, die das vollwach anwesende Ich erforderte, sich verleugnet. Das ist etwas anderes als Feigheit, es ist ein Sich-auslöschen. Rudolf Steiner spricht von dem Durchbruch des Herdes des Bösen im Menschen in die Seele hinein. Wenn das geschieht, wirkt Asura als stärkster Antrieb zur Agressivität, zur Vernichtung. Das tritt anfallsweise auf wie ein Krankheitsanfall. Weiter erweist sich Sadismus als eine asurische Wirkung. An ihm lässt sich viel erfahren; er ist-eine Schwächung des Ich bei einbrechender Agressivität.
Im Physiologischen wirkt Lucifer im Entzündlichen, Ahriman im Verhärtenden; Asura in der Rhythmusstörung, besonders in der Störung des Wach-Schlafens-Rhythmus, der ein Ichrhythmus ist.
Im rein Physischen hat Asura zu seinem Wirkensfeld die Atomkraft, wie Lucifer die Elektrizität, Ahriman den Magnetismus.
So geht Asuras Wirken durch alle Ebenen des Seins hindurch. Es kann einem auch aus einer so summarischen Darstellung klar werden, wie die heutige Welt und der heutige Mensch nicht mehr verstanden werden können ohne eine Erkenntnis und Berücksichtigung Asuras.
Rudolf Steiner hat eine grandiose Zusammenfassung der Geisterkenntnis gegeben, durch die die gute Trinität sich ausspricht: die Grundsteinmeditation. Die erste Säule offenbart den Vater, die zweite den Sohn und die dritte den heiligen Geist. Wer eine Gedankenerkenntnis des dreifachen Bösen sucht, kann auch folgenden Weg gehen: Man kann in innerem Erwägen den Gegensatz, die Negation zu dem in den drei Säulen Ausgesprochenen suchen, und dann findet man als Widerpart zum Vater - Ahriman, zum Geist - Lucifer und zu Christus - Asura. Wenn man sich an die Grundsteinmeditation hält, hat man auch in diesen Fragen immer festen Grund unter sich.
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