Die Erlösung des menschlichen Phantoms im Golgathaopfer Christi.

Mit dem Opfer Christi vom Karfreitag des Jahres 33 auf Golgatha hängt das vielleicht intimste Mysteriengeheimnis der Menschheitsentwicklung zusammen: das Mysterium von der Errettung des menschlichen Phantomleibes. Rudolf Steiner sprach darüber im Zyklus GA 131 "Von Jesus zu Christus".

Vom allgemeinen gegenwärtigen Bewusstsein des Menschen wird die physische Leibesgestalt als äußerlicher Materiekörper wahrnehmbar. Er setzt dabei die Form dieser "Fleischesgestalt", wie man den physischen Leib auch in der Redemanier des Neuen Testamentes nennen kann, so ausschließlich mit dem zu ihr gehörenden materiellen Anteil, dass seinem Blick dabei das Formprinzip hinter der Materie, gleichsam wie von dieser hypnotisiert, entgeht.

Im genannten Zyklus GA 131 lenkt Rudolf Steiner den erkennenden Blick gezielt auf jenen Form-Aspekt des physischen Leibes, der sich unter oder hinter den materiellen Einschlüssen versteckt. Er nennt ihn "das Phantom" und identifiziert dieses als ein Kräfte- oder Strukturprinzip, welches die materiellen Einschlüsse in genau die Anordnung bringt, die von der modernen Naturwissenschaft erforscht worden ist und weiter wird.

"In der Tat war als erstes von dem physischen Leib des Menschen das Phantom da, das man nicht durch physische Augen sehen kann. Das ist ein Kraftleib, der ganz durchsichtig ist. Was das physische Auge sieht, sind die physischen Stoffe, die der Mensch isst, die er aufnimmt, und die dieses Unsichtbare ausfüllen."
"Daher haben die Alchimisten immer betont, dass der menschliche Leib in Wahrheit besteht aus derselben Substanz, aus welcher der ganz durchsichtige, kristallhelle "Stein der Weisen" besteht. Der physische Leib besteht wirklich aus absoluter Durchsichtigkeit, und die luziferischen Kräfte im Menschen sind es, welche ihn zur Undurchsichtigkeit gebracht haben und ihn so vor uns hinstellen, dass er undurchsichtig und greifbar wird." (GA 131)

Der im Zitat erwähnte Einfluss von luziferischen Widersacherwesen hat dasjenige bewirkt, was biblisch mit "Sündenfall" oder Fall in die Materie bezeichnet wird. Mit der Eingliederung der mineralischen Stoffe der Erdenwelt wurde der inrede stehende Phantomleib im ganz wörtlichen Sinne immer schwerer unter dem Gewicht der Materie. Er sank aus einer Schwebenatur, den Wolken vergleichbar, auf den festen Erdboden herunter. In der Folge dieser Ereignisse ergriff der Tod vom "Phantom-Fleisch-Wesensglied" des Menschen Besitz. Und als Folge des Todes wiederum trat ein, dass der Mensch danach das Phantom auf der physisch-stofflichen Erde als Leichnam zurücklassen muss und es nicht beim Durchgang durch die geistige Welt zu einer neuen Geburt mitnehmen kann. Stattdessen blickt er aus dem Nachtodlichen fortwährend auf dieses verstorbene und verlassene Wesensglied herunter. Er verfolgt, wie darin materielle Zerfallsprozesse zu wirken beginnen, die das Phantom allmählich ascheartig verändern. Darin liegt ein fundamentales Evolutionsproblem für den Menschen:

"Eigentlich sollte das menschliche Phantom keine Anziehungskräfte haben zu den Aschenbestandteilen, sondern es sollte nur mit den sich lösenden Salzbestandteilen eine Anziehung haben, sodass es den Weg der Verflüchtigung nimmt in dem Maße, als die Salzbestandteile sich auflösen." (GA 131)

Dieses Evolutionsproblem war so bedeutungsvoll, dass es das geistig-wesenhafte Fortbestehen von Menschheit und Erde in Frage stellte. Der Kulminationspunkt der hiermit verbundenen Evolutionskrisis lag in den Tagen, wo sich auf Golgatha die Opfertat und der Todesgang Christi vollzogen. Deren Dramatik richtete sich dabei insbesondere auf das Knochensystem des Menschen, in welchem das Todesprinzip in besonders mineralischer Weise verankert ist.

"Der Mensch ist heute imstande, seine Hand zu bewegen, aber er hat keine Gewalt, hineinzuwirken in die chemischen Kräfte seiner Knochen, er ist verfestigt in seinen Knochen. Herrschaft über die Kraft, die Knorpelmasse und Knochenasche zusammenhalten, erhielt als einziger Leib, den es je auf Erden gegeben hat, der Leib des Jesus von Nazareth durch die Intuition des Christus, von dem hohen Sonnengeiste. Das wird uns damit angedeutet, dass durch dieses Beherrschen der Knochen diejenige Kraft in die Welt kam, welche imstande war, den Tod wirklich zu besiegen in der physischen Materie. Denn die Knochen sind schuld an dem Tode des Menschen; dadurch, dass der Mensch so gestaltet wurde, dass er die feste Knochenmasse sich eingliederte, verstrickte er sich mit dem Mineralischen der Erde. Dadurch wurde ihm der Tod eingeboren, und nicht umsonst wird der Tod durch das Skelett dargestellt." (GA 105)

"Durch das Mysterium von Golgatha ist eingetreten, dass dieser eine Mensch, der der Träger des Christus war, einen solchen Tod durchgemacht hat, dass nach drei Tagen dasjenige, was am Menschen das eigentlich Sterbliche des physischen Leibes ist, verschwinden musste und aus dem Grabe sich erhob jener Leib, der der Kräfteträger der physisch-materiellen Teile ist. Das, was eigentlich dem Menschen zugedacht war von den Beherrschern von Saturn, Sonne und Mond, das hat sich erhoben aus dem Grabe: das reine Phantom des physischen Leibes, mit allen Eigenschaften des physischen Leibes." (GA 131)

Das Zitat macht deutlich, dass die Opfertat des Christus auf Golgatha in ihrer Mächtigkeit alles überstieg, was bislang in den Mysterien mit ihren überragenden Geistesfähigkeiten bewirkt werden konnte. Wollte man dort einen Menschen ins Geistwissen einweihen, so war es nötig, ihn aus jenem Wesensglied rituell herauszuheben, in dem der Tod waltete. Denn dieser entzog sich dem Einfluss der Hierophanten. Sie konnten dem Einzuweihenden zwar intimste Geisteskenntnisse über alles Physische während der Einweihungssituation vermitteln, aber es waren eben Kenntnisse, nicht Fähigkeiten. Es braucht aber Fähigkeiten, um zu einer Verwandlung der Todesverhältnisse im Phantom zu kommen.

Im Christus Jesus erscheint das erste und bis auf lange künftige Zeit auch einzige Mal in der Erden-Menschheitsevolution ein Mensch, der durch die Innewohnung der Sonnenwesenheit des Christus die Fähigkeiten mitbrachte, bis in das mineralische Kräftewirken des Phantomleibs tätig zu werden. Aber er muss die Anlage dazu erst durch sein dreieindrittel Jahre währendes Leben auf Erden entwickeln. Der Abschluss der Entwicklung dieser "Königskunst", wie sie alchemistisch genannt werden kann, ereignet sich vor dem Grab des Lazarus. Davon wird in ganz zarter Andeutung im 11. Kapitel des Johannesevangeliums geredet. Der Christus Jesus wird zwei Male von einer in Krämpfe mündenden Kraft geschüttelt (embriaomai im griechischen Urtext). Der Verfasser hat hierüber ausführlichere Darstellungen im Aufsatz "Geheimnisse im Umkreis der Einweihung des Lazarus" (Zeitschrift "Lazarus" Ausgabe 02/03) gemacht.

Die vom Christus Jesus errungene Fähigkeit zur Handhabung der Königskraft wurde im Blut von seiner Sonnen-Ichheit ergriffen. Sie war bei der Jordantaufe an die Stelle des Zarathustra-Ichs getreten1. Aus dem Blut richtet sie ihr Wirken gegen die Sklerotisierungsprozesse im Knochensystem. Man könnte auch sagen: die Bluteswirksamkeit des Christius wirkt auf den Phantomleib des Jesus auflösend oder erlösend ein.

Man nähert sich einem Verständnis, wenn man ins Auge fasst, dass das Ichhafte des Menschen im Blut und seine materiell-physische Knochen-Körperlichkeit ein Polaritätenpaar darstellt. Das wird physiologisch daran ablesbar, dass ein wichtiger Bestandteil des Blutes, die Lymphozyten, die Heiler - oder Identitätsbewahrer, also die Immunstrukturen - im Knochenmark gebildet werden. In der mineralischen Wirksamkeit des Knochensystems findet sich für das Selbstbewusstsein diejenige Grundlage, an der es seine Einmaligkeit zum Erlebnis bringt. In den Prozessen der Lymphozyten wird diese Einmaligkeit als Immunbarriere physiologisch angewandt.

Die Wirksamkeit der "Königlichen Kraft" Christi im Blut des Jesus, die Kraft zur Erbildung des Steins der Weisen und zur Erlösung des Phantoms aus der Sklerotisierung, muss sich daher auf das kohlen- und phosphorsaure Kalkgerüst des Knochenbaus richten. In der Kohlenstoffchemie walten sehr starke Formprinzipien. Man wird daher in ihr die wesenhafte Verankerung des Phantomleibs suchen müssen. In der Kalziumchemie wirkt ein animalischer Prozess, der eine starke Hinneigung zu den Vorgängen des Sklerotisierns hat. In den Phosphorprozessen schließlich muss eine Wirksamkeit des Lichtträgers Luzifer gesucht werden. Denn das griechische "Phos-Phoros" für "Licht-Träger" ist wörtlich ins Lateinische übersetzt "Luzi-Fer". Man kann auch sagen: Mit der "Königlichen Kraft" seines Blutes erlöst der Christus im Phosphor des Knochens zunächst den Luzifer. Die gnostische Weisheit hat immer den Christus als den wahren und würdigen Lichtträger angesehen: Christus est verus lucifer - Christus ist der wahre Lichtträger. Nach der Befreiung Luzifers durch den wahren Lichtträger kann dieser dann den Kohlenstoff der Karbonatsprozesse in den "Stein der Weisen" verwandeln.

"Unter diesem Stein der Weisen versteht man jenen Leib, der durchsichtig ist, in den die andern Organe eingegliedert sind. Er wird aus einer Masse von geleeartigem Kohlenstoff, ähnlich wie Eiweiß, bestehen. Der Mensch ist auf einer Bahn, in der er sich einstmals zu dieser wunderbaren Glorie entwickeln wird. Das rhythmische Atmen, welches dazu führt, nennt man Alchimie." (GA 97)

Das Steinerzitat lässt sich unmittelbar auf das Erlösen und Erringen des Phantomleibes durch den Christus anwenden. Der Vergleich mit dem Eiweiß deutet auf das beseelte Element hin, der geleeartige Kohlenstoff auf den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen den physischen Formkräften des Phantoms in ihrer inneren Bezogenheit zu vegetabilen Prozessen. Die typische Kohlenstoffchemie vollzieht sich in der Welt die Pflanzen. Diese sind in der Lage, Kohlenstoff direkt zu assimilieren, mit Sauerstoff zu verbinden oder ihn davon zu trennen. Dadurch sind sie befähigt, jenen Verbrennungsprozess umzukehren, der sich in der Kohlendioxidbildung bei der menschlichen Atmung vollzieht. Auf dieses Geheimnis weist das obige Zitat hin. Der Mensch lernt während der Evolution in seiner eigenen Physiologie über ein kontrolliertes Atmen dasjenige zu vollziehen, was bislang die Pflanze noch ganz allgemein durchführen muss: die Kohlenstoffchemie. Man kann den Archetypus dieser Kohlenstoffchemie oder die Herstellung des Steins der Weisen in der Pflanze in der Zucker- und Stärkebildung bis in die von Steiner erwähnte geleeartige Ausprägung wieder finden.

Das sklerotisierende Element im Knochenbildungsprozess muss man in der Wirksamkeit des Kalziums suchen. Kalzium hat physikalisch-chemisch die besondere Eigenart, sich Auflösungs-Angriffen seitens des Wassers störrisch zu widersetzen. Man macht sich das in der chemischen Analyse zunutze, indem man Kalzium aus einem Substanzgemisch durch diese Eigenschaft ausfällt und abscheidet. Im Grunde genommen gibt es nur ein Kalksalz, das wirklich wasserlöslich ist: das Kalziumchlorid. Alle anderen wie Kalziumazetat oder Kalziumnitrat sind es nur bedingt. Das Kalziumchlorid aber erhält man, wenn man Salzsäure auf ein Kalksalz einwirken lässt. Salzsäure wiederum bildet die Physiologie des menschlichen Körpers aus dem Kochsalz, welches ein unverzichtbares Mineral in der menschlichen Nahrung ist. Salzsäure ist der Hauptbestandteil der Verdauungssekrete. Hier ist ein unmittelbarer Hinweis darauf, dass diejenigen Kräfte, welche der Christus nutzen muss, um das Verfestigende des Kalks aufzulösen, im Salz zu finden sind. Das zeigt in einer geheimnisvollen Andeutung das Wort:

"Ihr seid das Salz der Erde."

Der Christus sieht in solchen Menschen, welche einen Evolutionsweg unter seiner Leitung gehen, diejenigen, welche dereinst über Fähigkeiten verfügen, aus solchen Salzkräften den Verfestigungskräften entgegenzuwirken. Daher können sie zu wahren Mithelfern an der Evolution werden, indem sie mit dem Ferment des vom Christus auf Golgatha erlösten Phantoms selbst zu Erlösern dessen werden, was im Mineralreich der Erde und des damit verbundenen Menschenleibes erlösungsbedürftiges Phantom ist.

Physiologisch sind diese Salzkräfte ins Blut des Menschen integriert. Sie sind so heilkräftig, dass der Mensch eine zeitlang am Leben erhalten werden kann, wenn man ihm eine so genannte physiologische Kochsalzlösung durch Infusion eingibt.

Daher kann man sagen, es sind die Salzkräfte seines Blutes, auf die der Christus für die Zubereitung des Steins der Weisen im Knochensystem seines Jesusleibes zurückgreifen muss.

Ehe er aber zu dieser großartigen, einmaligen Tat schreitet, bringt er alle Elemente hierzu in einer kultisch gestalteten Form vor die physischen Sinne seiner Schülerschar, als er mit ihnen am Gründonnerstag das Mahl feiert.

Er nimmt Brot. Das ist die Substanz, in deren Stärke die pflanzliche Kohlenstoffchemie urbildlich waltet. Aber sie waltet dort so, dass sie noch der menschlichen Vollendung bedarf. Denn was die Pflanze nicht in ihrem Chemismus trägt, ist der Kochsalzprozess. Der wird erst vom Bäcker hinzugefügt, wenn er den Teig knetet.

Man sollte zum besseren Verständnis hier den Begriff der Kohlenstoffchemie vielleicht auf das chemisch verwandte Element des Siliziums ausweiten, das im Periodensystem der Elemente einen Rang über dem Kohlenstoff steht. Es ist ebenso wie der Kohlenstoff befähigt, Kettenbildungen zustande zu bringen, die so genannten Silikone. Der Kiesel ist der Prototyp der Mineralbildung des Siliziums. In seiner edlen Form, dem Bergkristall deutet er seine Lichtverbundenheit an. Silizium ist gewissermaßen der pflanzlich unschuldige, der begierdelose sonnenhafte Lichtträger, der an den Phosphor gebundene Kalk hingegen der mit Begierden durchsetzte luziferische. Die Weinpflanze aber liebt im Gegensatz zum Getreide viel mehr den Kalk als den Kiesel.

Rein phänomenologisch betrachtet stehen daher Getreide (Brot) und Wein zueinander in einer ähnlichen Polarität wie Kohlenstoff/Silizium und Kalk.

Deshalb nimmt der Christus als zweite Substanz den Saft der Weintraube. Sie geht mit ihrer Vorliebe für den aus animalischen Ursprüngen herrührenden Kalk eine innere Beziehung zum Seelischen so ein, wie der Kiesel zum Lebendigen des Ätherleibs. Aber sowenig, wie das Getreide eine Kochsalzchemie in sich trägt, sowenig ist das bei der Weinrebe der Fall. Dafür hat sie eine ausgesprochene Hinneigung zur Fermentation, zur Verwandlung von Zucker in Alkohol. Im menschlichen Blut ist physiologisch ständig ein gewisser Anteil an Alkohol vorhanden, welchen der menschliche Leib bildet. An dieser Widerlage wird ihm die in sich abgeschlossene Ichbildung möglich. Aber es kommt ein ausschließendes, nicht ein einschließendes Ichbewusstsein dadurch zustande. Das am Alkohol gebildete Selbst ist egoistisch. Und in ebendieser Alkoholwirkung findet sich im Wein, wenn er vergoren ist, ein vergleichbarer luziferischer Einschlag für das Blut, wie man ihn im Phosphor für das Knochensystem findet.

Bei diesen Bedingungen setzt die kultische Stiftung Christi im letzten Mahl an. Er nimmt zwei polare Substanzen: Brot und Wein - oder eine Substanz des Kohle/Kieselprozesses und eine des Kalkprozesses. Im Brot tritt ihm dabei die substanzielle Anlage zum Werden des Steins der Weisen entgegen. Im Traubenmost eine solche, welche die Anlage zur Ichwerdung in sich trägt, allerdings eine solche, die durch den Fermentationsprozess luziferisch würde.

Der Christus vereinigt Brot und Wein im Kelch. Er fügt den Sonnenprozess der Kohlenstoff/Kalziumchemie des Brots zusammen mit dem als Anlage im Traubensaft vorhandenen Ichbildungsprozess luziferischer Art. Da im Brot aber auch Salz vorhanden ist, bewirkt die Zusammenfügung beider Substanzen, wie das in jeder Eucharistiefeier geschieht, dass mit dem Salzprozess, indem er in homöopathischer Menge auftritt, das Werkzeug, der Katalysator2 zur Erlösung des Phantoms von Brot und Wein in Aktion tritt, aktiv wird in den physischen Substanzen bei der Eucharistie. Die Eucharistiefeier ist also ein ganz realer Archetypus für die kultische Erzeugung des Steins der Weisen oder die Erlösung des Phantomleibes des Menschen.

Christus als der wahre Lichtträger, archetypisch waltend im Kohlenstoff/Kieselprinzip, welches sonnenhaft in das Brot hineinwirkt, beginnt im Auflösungsprozess des Salzes nun wieder urbildlich so in den Wein als Substanzträger der Individualisierung hineinzuwirken, dass er das Luziferischwerden der Fermentation unterbindet. Stattdessen bewirkt er die Entstehung eines Ichhaften im Most, welches das Werk des Steins der Weisen bewirken kann. So lässt der Christus in den Substanzen von Brot und Wein urbildlich, deshalb aber nicht weniger materiell real, durch die kultische Erlösung des Phantoms, jene Kräfte und Verheißung wirksam werden, die schließlich den Tod besiegen. Das ist sein großes Versprechen, sein Testament.

Er kann es deshalb tun, weil diese beiden Substanzen zu Prozessen in Beziehung stehen, die der Christus in menschlicher Ausprägung in seinem Jesusleib vorfindet:

Im Brot tritt ihm in pflanzlich unschuldiger Form alles entgegen, was eine Analogie bis ins Knochensystem hat und in all das, was die sonnenhaften Ichkräfte trägt, als Willenshaftes in jede einzelne Körperzelle hineinpulst.

Und so werden am Gründonnerstag durch dieses einmalige Zusammenwirken von Bildekräften und Erlösungs- oder Auflösungskräften geistig und physisch Brot und Wein in das verwandelt, was der Christus dann seinen Leib und sein Blut nennt, weil er während der Transsubstantiation genau das vollzieht, was er auch in der Erlösung des Phantomleibes des Menschen innerhalb der darauf folgenden nicht ganz vierundzwanzig Stunden tut.

Man wird allerdings zum genauen Verständnis sagen müssen, dass er nicht eine vordergründige Materieverwandlung vornimmt an Brot und Wein, sondern er nimmt die Befreiung des Phantoms von Brot und Wein vor und mit diesem vereinigt er die Phantomnatur seines Leibes und seines Blutes. Das ist die priesterlich-magische Handlung, welche die Eucharistiefeier zur erhabensten Priesterhandlung in der menschheitlichen Entwicklung esoterisch gesehen werden lässt. Das Phantom ist aber, wie aus Steiners Zitat ersichtlich, für physische Augen unsichtbar. Daher darf es nicht weiter wundern, dass auf Grund dieses Tatbestandes das Transsubstantiationsgeschehen statt für alle Menschen (auch Priester und Päpste sind hierin eingeschlossen) sinnenfällig und begreifbar zu werden, sich zum perfekten Rätsel auswächst.

So schenkt der Christus das, was seine Heilsmission wesenhaft ausmacht, die reale Erlösung des Tod-verhafteten Phantoms, bevor er das am Kreuz hängend tut, zunächst als ein Sakrament den Menschen, als er sagte: Dies ist mein Leib; dies ist mein Blut.

Aber das Sakrament erstrahlt erst in seiner vollen Kraft und realen Wirksamkeit, als der Christus am Ende desselben Tages durch seinen Kreuzestod bis in die tiefsten Tiefen des kosmischen Wohnortes von Erde und Mensch vorgedrungen war.

Das ganze Karfreitagsgeschehen ist darauf ausgerichtet, das physische Wesenglied des Menschen vor dem Verderben durch den Tod zu erretten. Es wurde gezeigt, dass dieses physische Wesensglied dasjenige ist, welches von Rudolf Steiner als Phantom bezeichnet wird. Durchsetzt mit fleischlicher Materie wurde ein solches Phantom an das Kreuz genagelt, wo aus ihm dann das Blut hinunter in die Erde rann.

Am Kreuz hängend schaut der Christus auf dieses toddurchdrungene Phantom in seinem Jesusleib. Es stellt sich Ihm dar ohne die göttlichen Kräfte, welche es erlösen können und beleben. Da spricht er in Anerkennung dessen, was ist, das Wort:

"Mein Gott, für was hast du mich verlassen?"3

Immer wenn sich das väterlich Göttliche direkt offenbaren kann, dann erscheint es als Allmacht. In einer Privatstunde4 für Marie Steiner finden sich Aussagen, die in geradezu stenographischer Kürze etwas über das Zusammenwirken der drei trinitarischen Prinzipien von Vater (Substanz) Sohn (Wort, Leben) und Geist (Form) anmerken. Rudolf Steiner sagt dort sinngemäß:

Wenn sich der Vater dem Sohn offenbart, dann erscheint Allmacht.5

Hier am Kreuz erblickt man aber jetzt den Schatten, das Gegenbild dieser Allmacht, die Verlassenheit durch die Todesverhaftung. Und vielleicht spricht der Christus, als er die Frage für alle hörbar stellt, sogleich als unhörbare Antwort nach dem "für was": Dafür, dass ich dich zur Offenbarung bringe in der Allmacht des Lebens.

Als nächstes fällt sein Blick auf diejenigen, die ihn ans Kreuz genagelt haben. Zu ihnen spricht er: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Der Christus musste denjenigen Zustand, der gleichsam als ein Zustand der Erbschuld das Phantom in der Todesverkettung hält, als ein Unschuldiger erlösen. Er wird gerade hingerichtet für etwas, das nicht ihm zur Last gelegt werden kann, sondern jener Wesenheit zuerkannt werden muss, die in den Phosphorkräften der Knochensubstanz lebt: Luzifer. Um Luzifer zu erlösen, muss er selbst frei von all solcher Schuld sein, die das lebendige Göttliche einst bewogen hat, das Phantom des Menschen zu verlassen und dem Tod zu übergeben, wie im ersten Kreuzeswort ausgesprochen. Mit dem Hinweis auf das Nichtwissen wird indirekt auf das Gegenteil davon hingedeutet: auf die Weisheit und Kenntnis. In der genannten Privatstunde sagt Steiner:

Wenn sich der Sohn dem Geist offenbart, dann erscheint Allweisheit.

In einem dritten Schritt fällt der Blick des Christus auf die Frau unter dem Kreuz, repräsentiert durch seine Mutter, und den Lazarus-Johannes, welchen er jetzt Sohn nennt. Er schaut auf diejenigen Verhältnisse hin, die das Archetypische des Gegensatzes der Geschlechter, damit aber auch der Trennung oder Ursünde, tragen. Das weibliche Element hatte sich zugänglich für die Verführungen Luzifers im Paradies gezeigt und hatte das männliche in die Folgen mit hineingezogen. Nun hing der natürliche, aber völlig unschuldige Sohn dieser Mutter oder Frau Maria am Kreuz.

Mit der Polarität zwischen den Geschlechtern blickt man auf ein paradoxes Geheimnis hin. Das Mütterlich-Weibliche ist das Gebärende. Bringt es ein Männliches hervor, dann ist das ein Sohn. Das ist der eine Teil des Paradoxons. Andererseits könnte das Weibliche ohne das Männliche gar nicht etwas zur Geburt bringen. Es bedarf des Sohnes als ihres Bräutigams oder Mannes, um hervorzubringen. Das ist der zweite Teil des Paradoxons. Bildlich tritt uns das in der Parzivalsage entgegen, wo Parzival der Mutter mit ihrem Sohn als Bräutigam begegnet. Dieser Bräutigam liegt auf ihrem Schoß und ist tot. Im kirchlichen Bereich ist dieses Geheimnis oftmals in den Kunstwerken der Pieta zur Darstellung gekommen: Maria mit dem toten Jesus als dem Bräutigam auf dem Schoß. Denn in der Offenbarung wird dieser Sohn als Bräutigam und die Mutter als die Braut, das Neue Jerusalem, bezeichnet.

In den Verhältnissen, die hier in der äußerst geheimnisvollen Polarität der Geschlechter walten, liegt in dem Prinzip der Sympathie und Antipathie das Prinzip der Liebe verankert. Es steht wiederum mit den Todeskräften in Verbindung, wenn der leibliche Sohn, der aus der Zeugung abstammende Sohn, zugleich der Bräutigam ist. Der Inzest führt zur Auslöschung. Rudolf Steiner umschreibt in der Privatstunde dieses dritte Verhältnis so:

Wenn sich der Geist dem Vater offenbart, dann erscheint Allliebe.

Jetzt geschieht etwas Bemerkenswertes. Der Christus wendet sich mit dem dritten Kreuzeswort zunächst an die Mutter und sagt: "Frau, siehe dein Sohn." Dann wendet er sich an Lazarus-Johannes, den Lieblingsjünger, den er aus dem Einweihungsschlaf wecken konnte, als er die Kräfte zum Wirken bis in das Knochensystem errungen hatte: "Siehe, deine Mutter."

Der Christus stiftet in diesem Augenblick ein Wahlverwandtschafts-Verhältnis zwischen den Geschlechtern, welches er an die Stelle des natürlich-geschlechtlichen setzt und dieses dadurch geistig-seelisch erlöst und vor der Verlöschung errettet. Als er den eingeweihten Jünger mit dem mütterlichen Prinzip, welches das Versuchungsprinzip Luzifers in sich enthält, jetzt verbindet, vermag dieses luziferische Prinzip in der Mutter Maria, weil die Abstammungsgrundlage zwischen der Frau und dem ihr zugedachten Mann fehlt, nicht mehr zu wirken. Und durch die Einweihungserkenntnis des Lazarus, welche sich ja schon im Licht jener Kräfte vollzog, die oben die Kräfte zur Erzeugung des Steines der Weisen genannt wurden, beginnt ein erlöster Luzifer zu wirken, den die christliche Tradition den Heiligen Geist nennt. Diese Erlösung wird nur durch das Prinzip der Stellvertretung möglich. Nicht der Sohn aus eigenem Fleisch und Blut kann das; es muss durch den an Kindes Statt angenommenen geschehen. Denn der hat mit der luziferischen Anlage in der Mutter sowenig gemeinsam wie der unschuldige Christus mit der Erbschuld-wirkenden Kraft Luzifers in den Phosphorprozessen des Knochensystems:

Lazarus nimmt sich der Mutter Jesu an und umgekehrt.
Christus nimmt sich der Erde an und umgekehrt.

Damit ist das Geheimnis der Allliebe durch Stellvertretung angesprochen.
Im vierten Schritt blickt der Christus zu den beiden Männern, die mit ihm zusammen gekreuzigt worden sind. Zu seiner Linken ist einer, der weder die Verschuldung noch eine gerechte Verurteilung anerkennen will. Er fordert den Christus stattdessen arrogant heraus: "Bist du der Sohn Gottes, dann befreie uns von diesem Kreuz." Der andere hingegen zur Rechten sieht seine Schuld ein sowie die Unschuld Christi in der Mitte. Er bittet nur darum, seiner zu gedenken.

In den geistigen Blick kommen jetzt die Verhältnisse von Schuld und Sühne. Rudolf Steiner spricht hierüber in der Privatstunde zu Marie Steiner folgendermaßen:

Wenn sich der Vater im Sohn verhüllt und dem Geist offenbart, dann erscheint Allgerechtigkeit.

Gesetz und Gerechtigkeit, das Wirken von Karma in Tod und Wiedergeburt klingen an. Man achte darauf: in Tod und Wiedergeburt. Ein neuer Aspekt des Lebens klingt geheimnisvoll auf. Dieses muss der Gekreuzigte zur Rechten Christi empfunden haben, als er lediglich darum bat, der Christus möge seiner gedenken. So bekommt er zur Antwort: "Amen, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein." Das ist eine Perspektive der Erlösung. Den Verbrecher zur Linken überlässt Christus kommentarlos dem weiteren Walten von Karma.

Die hier besprochenen ersten vier Kreuzesworte sind so gehalten, dass sie mit Verhältnissen zu tun haben, die in irgendeiner Weise von außen an den Christus herantreten. Zunächst steht er vor dem Todeselement in der Verlassenheit, dann vor dem Tod als unschuldig Hingerichteter, dann in der verhängnisvollen Todespolarität von weiblichem und männlichem Prinzip in der Abstammung und schließlich in den Verhältnissen von äußerer Schuld und Sühne, von Tod und Auferstehung, mit dem ersten Dämmerungsschein von Todesüberwindung.

Die drei letzten Kreuzesworte deuten an, dass es jetzt nur noch innerlich weitergehen kann, im Verborgenen, nur leise angedeutet in dem, was darüber gesprochen wird:

"Mich dürstet", heißt es im fünften Ausspruch.

Wenn Durst auftritt, dann besteht die Notwendigkeit zur Wasseraufnahme. Man wird immer durstig, wenn man etwas aus der festen Nahrung auflösen muss, damit es verflüssigt dem Organismus zugeführt werden kann. Es geht also um Auflösung oder Erlösung. Jetzt tritt der Christus so vor die Aufgabe seiner Erdenmission, dass die vier mehr äußerlichen Aspekte davon erfüllt sind. In ihnen liegen die Wirkungen des Vergangenen. Jetzt muss noch das Zukünftige erlangt werden.

Der Soldat unter dem Kreuz führt dem Christus einen Schwamm an den Mund, der mit einer Essig-Galle-Lösung getränkt ist. Er erhält als Gabe von außen, aber zur inneren Verwendung, eine Säure. Und da sie durchsetzt ist von Galle, wird sogleich hingedeutet auf Prozesse des Magens und der Verdauung. Essig hat im menschlichen Organismus eine der Salzsäure vergleichbare aber nicht identische Wirkung. Sie kann als Applikation aber den Säureprozess ganz allgemein anregen und damit auch denjenigen, der in Verbindung mit den gelösten Salzkräften im Blut steht. Die Essiggabe wird zum Katalysator für den Christus im Jesusleib, nun geistig über die Salzprozesse auflösend, man könnte auch sagen: verdauend, am Kalk in den Knochen wirksam zu werden. Säure als Agens hat ja auch ein aggressives Todbringendes in sich.

Der Soldat unter dem Kreuz versteht das Dürsten Christi als ein natürliches Bedürfnis. In Wirklichkeit aber ist es Ausdruck der Sehnsucht nach der Erlösung des Phantoms aus den Aschekräften. Er will diese Aschebestandteile durch den Säureprozess so umwandeln, dass sie als Salziges in Lösung gehen und überwunden werden können. In der Privatstunde beschreibt Rudolf Steiner den hiermit verbundenen trinitarischen Wirkensaspekt so:

Wenn sich der Sohn im Geist verhüllt und dem Vater offenbart, dann erscheint Allerlösung.

Was mit der Stillung des Dürstens begonnen wurde, findet seinen Abschluss, wenn das Kreuzeswort erklingt:

"Es ist vollbracht."

Vor dem inneren Blick des Christus liegt das aus dem Aschenbann gelöste oder erlöste Phantom des Menschen, befreit von seiner prometheischen Verhaftung an den Felsen des materiellen Knochensystems, fortan folgend der liebewärmenden Geisteslenkung durch den Christusgeist. Was krank und sterblich war am Phantom durch dessen Sturz in die Materie oder Sündenfall ist jetzt geheilt. Rudolf Steiner spricht dieses in der Privatstunde als trinitarisches Wirken so an:

Wenn der Geist sich dann im Vater verhüllt und dem Sohn offenbart, dann erscheint Allheiligung.

Das Heilwerden wird Ereignis.
Und so kann nach dieser göttlich-übermenschlichen Tat des Christus im Jesusleib, die sich zeitlich etwa in der Zeit vom Mittag bis nachmittags um drei Uhr am 3. April 33 vollzieht, der letzte Schritt auch noch getan werden, der eigentliche Schritt ins Sterben hinein, der aber nicht mehr einer in den Tod als Ausdruck von Gottverlassenheit ist, sondern in das göttliche Leben des Vaters dahinter. Es erklingt das letzte Kreuzeswort:

"Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

Was ist der Geist Christi in diesem Evolutionsaugenblick. Er ist sein ICH, das was als Sonnenkraft des Christuswesens in der Bluteswirklichkeit des Jesusleibes ichhaft-menschlich wirkend, den wahren physischen Leib des Menschen, das Phantom aus den ascheauflösenden Flüssigkeitskräften dieses Blutes mit dem in ihnen wirksamen Feuerelement, der Kraft des Opfers für alle weitere Evolution erlöst hat. Als dieses siegreiche Blut rinnt es den Schaft des Kreuzes herunter und dringt in die Erdenleiblichkeit ein. Christus vertraut diesen seinen Geist, der durch den Vollzug der Erlösung des Phantoms seine eigentliche göttlich-starke Identität erlangt hat, dem Vater im Überschreiten der Todesschwelle an. Dadurch vollzieht sich aber ein weiteres erhabenes Ereignis.

Im Phantom des irdischen Menschenleibes liegt jene väterliche Substanz, die am Beginn der Menschheitsentwicklung aus dem Vater geströmt ist, um eine Evolution zu ermöglichen. Dieser Substanzanteil machte den ganzen Weg des Menschen mit, d. h. er unterlag dem Tod, er verfiel auch der Versuchung und dem Bösen. Man muss dieses ganz klar ins Auge fassen. Tod, Versuchung und Böses sind aus und mit der Substanz des Vaters. Aber sie sind nicht der Vater in seiner Umfassendheit. Im errettungswürdigen Phantom liegt die gefallene Substanz des Vaters. Christus bringt sie erlöst diesem in ihr zeitloses und raumloses Reich zurück. Dieses Geheimnis erklingt dann in der Privatstunde an Marie Steiner auf in den Worten:

Als letztes verhüllt sich der Vater in den Sohn und den Geist und offenbart sich sich selbst. Das erscheint als Allseligkeit.

So blickt man mit beim Golgathaopfer Christi auf ein kaum fassbar erhabenes Ereignis von wahrhaft königlicher Größe. In der Heilserwartung der Zeit Christi ersehnten im Messias die Juden ihren König. Hieran wendet sich Pilatus mit seiner Frage: "Bist du der König der Juden?" Das schreibt er anschließend, aus seiner Sicht gewiss nicht ohne Ironie, oben auf das Kreuz:

Jesus Nazarenus Rex Judeorum.

Der Christus Jesus aber erfüllte diese ganz auf das äußerliche gehende Königssehnsucht nicht. Er ging stattdessen den Weg der inneren Königswerdung. Man findet das in den vielen Evangelienzyklen Rudolf Steiners beschrieben. Hier soll daher nur eine komprimierte Darstellung erfolgen.

Zunächst wird Zarathustra im Jesusleib aus der Königslinie des Davidshauses, wie bei Matthäus geschildert, wiedergeboren. Aus der Priesterlinie des Davidshauses wird einige Monate später nach dem Tod des kindermordenden Herodes jener Jesus geboren, der bei Lukas geschildert ist. Nach den Darstellungen Rudolf Steiners tritt hier ein Teil des vor dem Sündenfall ganzheitlich gewesenen Adamwesens in seine erste Erdverkörperung ein. In der geheimnisvollen Tempelszene zu Pessach, als dieser Knabe 12 Jahre alt ist, wie Lukas es beschreibt, geht die Individualität des Zarathustra vom matthäischen in den lukanischen Jesusknaben ein. Das Neue Testament schildert die Verwandlung, welche sich dabei vollzieht. Jetzt ist der eigentliche Jesus von Nazareth wirklich geworden, in den im dreißigsten Lebensjahr bei der Jordantaufe die Christus-Sonnenwesenheit, hellsichtig als Taube wahrzunehmen, einzieht. Zuvor hat die Individualität Zarathustras die Hüllennatur dieses Jesus von Nazareth dem Christus über Jahre zubereitet und ihm dann hingeopfert.

Der Sonnengeist Christus war berufen oder biblisch ausgedrückt vom Vater gesandt, im Jesusleib das höchste geistige Königtum zu erlangen, das Königtum von der königlichen Kunst der Zubereitung des Steins der Weisen oder von der Erlösung des menschlichen Phantoms. Aber tat das nicht in einer Leiblichkeit, die aus der Königslinie Davids stammte, sondern in einer Leiblichkeit aus der Priesterlinie. Christus erhebt sich mit dieser Errungenschaft zum Pantokrator, zum Alles-Herrscher, aber er tut es nicht durch ein politisches (auch nicht im höchsten geistigen Sinne politisches) Amt, sondern durch eine verborgene innere Priestertätigkeit. Als Priester erlöst Christus das Phantom und errichtet auf ihm das, was er das Reich nennt, das nicht von dieser Welt ist. Alle Verhältnisse, die an das erlöste Phantom gekoppelt sind, müssen daher physischen Sinnen so unsichtbar bleiben, wie das Phantom selbst.

Am Ostertag begegnet Maria von Magdala dem im Phantom aus dem Grab kommenden Christus. Sie steht noch ganz unter der Eindrücken des Freitags mit der Kreuzigung und ist in einer Ausnahmesituation ihres Bewusstseins, das den auferstandenen Phantomleib in einer gewissen Weise hellsichtig schauen kann. Wegen der völligen Substanzveränderung erkennt sie in ihm aber nicht sogleich den Christus, sondern hält ihn für einen Gärtner. Nach dem Erkennen möchte sie ihn berühren, muss aber hören: Berühr mich jetzt noch nicht. Ich muss zuerst zum Vater eingegangen sein.

Damit wird angedeutet, dass zunächst zwar ein erlöstes Phantom errungen worden ist. Es muss aber noch durch alle Weltensphären hindurchgetragen werden, die an seiner Evolution mitgewirkt haben. Der weitere Weg des Christus nach Ostern ist daher vorgezeichnet. Er führt im Sinne eines okkulten Verständnisses durch die Sphären von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bis in die Welt der Fixsterne und ans Absolute. Betrachtet man den Christus in seiner Verbindung zu diesem erlösten Phantom, welches ja identisch ist mit dem am Ostertag sichtbar werdenden Auferstehungsleib, dann vollzieht sich im Hintragen dieses Phantoms zum Absoluten oder zum Vater die so genannte Himmelfahrt, der Weg durch die Himmel oder Sphären hinein in die Fixsternwelten. Der Vater, verhüllt in Sohn und Geist, offenbart sich sich selbst oder kehrt wieder zur sich selbst zurück.

Die jüdische Kabbalah hat diese verschiedenen Himmelssphären im Sephirothbaum angedeutet. Er wird nach oben hin abgeschlossen von der so genannten Krone, der "Keter". In der altjüdischen Hierarchienlehre nannte man diese Krone auch die "Hajoth Hakkadosh" - "die Leben des Heiligen". Ihre bildliche Darstellung finden sie in den vier apokalyptischen Lebewesen: Adler, Löwe, Stier und Engel. Diese sind nach anthroposophischer Auffassung Wesen aus dem Chor der Seraphim. Über ihnen weilt die Heilige Trinität selbst. Die genannten Lebewesen finden sich im Tierkreis wieder als die Sternbilder von Skorpion, Löwe, Stier und Wassermann und stehen mit den vier Elementen in Beziehung:

Der Engel mit dem Wasser, hebräisch   Jam
Der Löwe mit dem Feuer, hebräisch      Nur
Der Adler mit der Luft, hebräisch           Ruach
Und der Stier mit der Erde, hebräisch   Jawashah.

Liest man die ersten Buchstaben der hebräischen Namen hintereinander, ergibt sich INRI. Es ist das gleiche INRI, das sich auch aus dem Tafelspruch am Kreuz ergibt: "Jesus Nazarenus Rex Judeorum" als Akrostichon der ersten Buchstaben gelesen.

Der am Kreuz hängende Christus Jesus trägt gleichsam auf Erden eine Spötterkrone, die ihm in Form eines Schildes über dem Kopf befestigt worden ist. Am Hochpunkt seiner Himmelfahrt, bringt er das erlöste Phantom dem Vater jenseits der Fixsterne als Opfer und Errungenschaft dar. Die Evolution des Menschenkosmos ist gerettet für ihren Fortgang. Christus empfängt jetzt die wahre göttliche Krone, die Keter. Christus wird jetzt nicht nur de jure, sondern de facto zum Pantokrator, zum Alles-Herrscher, der auf dem Thron zur Rechten des Vaters sitzt. Seine Krone sind jetzt die Vierheit der höchsten schaffenden Geister dieses Kosmos, die Seraphim, imaginativ schaubar in den vier Tieren. Dies ist eine rissartige Zeichnung über einige Geheimnisse im Zusammenhang mit dem erhabenen Golgathaopfers Christi und seiner Auferstehung zu Ostern.

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1 Siehe hierzu die einschlägigen Angaben Steiners in den Evangelienzyklen.

2 die Grundbedeutung dieses Wortes ist: herunter auflösen.

3 So würde die wörtliche Übersetzung des Ausspruchs sein, wenn man seine aramäische Diktion nimmt: Eli - lema asabthani. Lema heißt für was, wozu, zu welchem Zweck. Die Bedeutung warum, welche ebenso möglich ist, würde aber das brennende dieser Frage eher abdämpfen.

4 Privatstunde gehalten am 2. 7. 1904 in Berlin für Marie Steiner.
5 Nähere Ausführungen hierzu finden sich auch im Kapitel "Die sieben Fackeln vor dem Thron« in der Schrift des Verfassers "Die Offenbarung - eine okkulte Zahlenlehre". Sie ist als PDF-Datei unter Downloads auf dieser URL "www.hermetika-aorim.de" zu finden. Nähere Erläuterungen sind auch im Lexikon unter Die sieben Gottesgeister als sieben wirkende Verhältnisse der Trinität verfügbar.

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