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Gedanken zur Weihnachtsgeschichte nach Lukas
Nur wenige Berichte des Neuen Testaments sind so stark mit Emotionen belegt worden, wie die Geburtserzählung des Evangelisten Lukas. Man sollte besser sagen, sie sei stark überlagert von einer emotionalisierenden Tradition. Sie fesselt den Fantasieblick, wie Rudolf Steiner es sonst von subjektiv gefärbten Imaginationen sagt, die Realitäten vorgaukeln können, welche objektiv nicht da sind. Denn der Bericht des Lukas ist in Wirklichkeit sehr nüchtern und schränkt sich bis in den Satzbau und die Wortwahl hinein darauf, das gerade noch Nötigste mitzuteilen. Hier soll zunächst einmal dieser Bericht in einer modernen Übersetzung gebracht werden, wobei insbesondere der Spruch in seiner Mitte jetzt nicht zum Vortrag dienst, sondern im Weiteren die Form und mantrische Gestaltung verdeutlichen soll.
Damals erließ Augustus, der Cäsar, eine Anordnung, wonach ein Zensus abgehalten werden sollte. Eine solche Erfassung vollzog sich als erste ihrer Art während der Prokura des Quirinius in Syrien. Deshalb stellte sich jeder zur Einschreibung in seiner Geburtsstadt ein. So wanderte auch Joseph aus der galiläischen Stadt Nazareth nach Judäa in die Davidsstadt, die Bethlehem heißt, weil er zum Haus und zur Abstammungslinie Davids gehörte. Dort wollte er sich mit seiner Verlobten, Maria, in die Listen eintragen lassen. Die aber war schwanger. Während ihres Aufenthalts kam es zur Niederkunft. Sie brachte ihren erstgeborenen Sohn zur Welt, wickelte ihn und legte ihn in einen geflochtenen Futterkorb, weil ihnen in der Unterkunft kein (anderer) Ort zur Verfügung stand.
Zur gleichen Zeit lagerten Hirten auf den Triften und hielten Nachtwache bei ihren Herden. Da drang ein Engel des Herrn zu ihnen hernieder, sodass sich der Erscheinungsglanz der göttlichen Welt auf sie ergoss. Sie wurden davon in eine Riesenfurcht versetzt. Aber der Engel sprach zu ihnen: "Lasst ab von der Furcht! Denn wisset, ich bringe euch Nachricht von einem großen Segensereignis, das allen Menschen zu Gute kommt. Heute wurde für euch ein Retter geboren in der Davidsstadt. Es ist der Herr, der Gesalbte. Nehmt folgendes als Erkennungsmerkmal: Sucht nach einem Säugling, der gewickelt in einem geflochtenen Futterkorb liegt. Da erschien unversehens um den Engel die vielgestaltige Schar der Himmelskämpfer, welche den Gott mit den folgenden Worten priesen:
Eine Vorzeigung in höchsten einem Gotte
(Vorleseversion:
Nachdem die Engel wieder von ihnen in den Himmel gewichen waren, sagten die Hirten zueinander: "Dann lasst uns nach Bethlehem gehen und anschauen, was uns der Herr in seiner Ankündigung mitteilen ließ. Sie machten sich unverzüglich auf den Weg und fanden Maria, Joseph und den gewickelten Säugling in dem geflochtenen Futterkorb. Als sie sich so überzeugt hatten, bekundeten sie allenthalben die Nachricht, die über dieses Kind an sie ergangen war. Und wer immer von ihr erfuhr, geriet in Erstaunen über das, was die Hirten erzählten. Maria aber fasste alles Berichtete zusammen und versuchte, es sich in ihrem Herzen zu erklären. Nach ihrer Rückkehr taten die Hirten ihre Überzeugung vom Gotte kund und lobpriesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, nachdem ihnen die Nachricht zugegangen war.
Der Bericht gliedert sich in drei Teile. Der erste streift den geschichtlichen Hintergrund, der zweite geht auf das eigentlich Geistige ein, das parallel zu den politischen Ereignissen sich vollzieht, aber nur dort wahrgenommen wird, wo diese politischen Dinge nicht entschieden und in Szene gesetzt werden. Der dritte Teil berichtet davon, wie die Mitteilung der Geistesereignisse bezüglich ihrer äußerlichen Wirklichkeit verifiziert wird, von denen, welche sie erhalten hatten.
Im ersten Teil erfährt der Leser eine Folge von Merkwürdigkeiten. Augustus hat sich einfallen lassen, die römischen Bürger etwas gläserner zu machen bezüglich ihrer finanziellen Polster. Die Erfassung in Listen ist dabei so organisiert, dass in Galiläa die Leute sich am Stammsitz ihrer Ahnen einfinden müssen. Der Erlass ist vermutlich kurzfristig ergangen, denn wenn man den Blick auf das verlobte Paar richtet, welches dafür aus Galiläa nach Bethlehem reisen muss, hat man den Eindruck, dass er für die hochschwangere Frau Maria zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt.
Dann werden kurz die Umstände der Geburt selbst angerissen. Lukas erzählt lediglich davon, dass das Paar eine Unterkunft gefunden hat für den Zeitraum, innerhalb dessen sie sich zur Erfassung "anstellen" müssen, bis sie an der Reihe sind. Was für eine Unterkunft das ist, wird mit keinem Wort näher ausgeführt. Was hingegen für den Evangelisten von großem Interesse zu sein scheint, ist der Gegenstand, der als Ersatz für eine Wiege dient: ein geflochtener Futterkorb, in welchem der Säugling gewickelt liegt. Mehr sagt er nicht, weniger auch nicht.
Die Zeugung des Kindes selbst, welches hier zur Welt kommt, vollzieht sich auch schon unter mysteriösen Umständen. Lukas berichtet davon in Kapitel 1, 34 - 35, nachdem Maria vom Erzengel Gabriel erfahren hat, dass sie schwanger werden soll:
Da fragte Maria den Engel: "Wie kann dies alles möglich werden. Mir ist nicht bewusst, mich mit einem Mann vereinigt zu haben." Der Engel antwortete ihr: "Der Heilige Geist wird sich mit dir vereinigen, während die Tugend-Kraft des Höchsten dein Bewusstsein verdunkelt. Deshalb wird man das so Gezeugte heilig nennen, einen Sohn des Gottes." .
So etwa müsste die Stelle modern übersetzt werden. Die Jungfrauenzeugung wird mit zwei Elementen charakterisiert. Das Willenselement, welches aus dem Männlichen bei einer Zeugung kommt, wird unter der Führung des Heiligen Geistes gesehen. Was mit "vereinigen" übersetzt wurde, heißt im Griechischen: "wird auf dich kommen". Der Grieche der damaligen Zeit benutzte den Ausdruck "auf eine Frau kommen" im Sinne des Beischlafs. Und der Schlaf, die Abwesenheit von Bewusstsein, wird im zweiten Element der Aussage des Erzengels ausgedrückt. Dort steht das griechische Wort "episkiazo". Es bedeutet "verfinstern", ja sogar "unzurechnungsfähig machen". Aber man hat diese eigentliche Bedeutung des Wortes immer in euphemistischer Verkennung mit "überschatten" wiedergegeben, wobei man an ein "Überschatten" durch Licht denkt, denn die Gotteskraft könne ja doch nicht verdunkeln. Lukas aber sagt, dass die "dynamis" als die Kraft oder Tugend des Höchsten eine Verdunkelung bewirkte, will sagen, dass Maria das Licht ihres Bewusstseins verdunkelt wird, dass sie also deshalb vom Beischlaf, der zur Zeugung führt, nichts bewusst erfährt. Und bei dem Wort "dynamis" des Höchsten darf man an ein unmittelbares Wirken der Hierarchie der Dynameis aus der Marssphäre denken.
Genau in diesem Sinne beschreibt auch Rudolf Steiner die Jungfrauenzeugung. Innerhalb der Mysterien war es seinen Angaben zufolge möglich, eine geschlechtliche Vereinigung eines Elternpaares zur Zeugung eines Kindes einzuleiten, die sich dem Bewusstsein und damit der Erinnerung beider Zeugenden entzog, für diese also verfinstert war. Auf solche Weise gezeugte Leiber benötigte man für hoch entwickelte Individualitäten, denen das astralische Begierdenelement der Zeugung ein Hindernis gewesen wäre. Man sieht, dass Lukas in Kenntnis von okkulten Techniken eine ganz sachliche Beschreibung einer Mysterien-Zeugung gibt und daher Gabriel auch sagen lassen kann, dass das Gezeugte ein Sohn des Gottes ist.
Dieser Sohn des Gottes kommt zur Welt, während ein Cäsarenerlass für eine gewisse soziale Chaotisierung und Aufregung sorgt. Der Aufenthalt des Paares in Bethlehem in einer "Unterkunft" oder Herberge ist mit einer 2000-jährigen Bildlichkeit verbrämt worden, von der sowenig etwas im lukanischen Bericht zu finden ist, wie von einer absurden Überschattung durch das Licht eines Geistes bei der Zeugung. Wäre so etwas gemeint gewesen, hätte Lukas sicherlich von der Blendung durch den Geist geredet.
Tatsächlich äußert sich der Evangelist überhaupt nicht zu der Art der Unterkunft. Weshalb sie zu einem Stall mutierte, der womöglich in der Nutzung einer natürlichen Höhle bestand, mit einem Rind und einem Esel im Hintergrund, durchsetzt von duftendem Heu und Stroh, wobei diese Tradition tunlichst vermeidet, die Aufmerksamkeit auch auf den sonstigen Stallgeruch zu lenken, das ist eines der Geheimnisse von Mythenbildungen, von Imaginationen mit subjektivem Charakter, wie zu Beginn erwähnt wurde. Es hängt vermutlich damit zusammen, dass Lukas sagt, man legte das Kind in eine "phatne". Das ist das griechische Wort, welches üblicherweise mit Krippe übersetzt wird. Nun ist eine Krippe in abendländischer Vorstellung ein stehender oder in eine Steinmauer eingelassener Futtertrog. In morgenländischer Sichtweise hingegen dachte man mehr an einen geflochtenen Korb oder eine Art Futtertasche, wie man sie Pferden umhängt, sodass diese etwas fressen können, während sie angebunden irgendwo stehen.
"Man legte den Säugling in einen geflochtenen Futterkorb, weil ihnen in der Unterkunft kein Ort zur Verfügung stand", lautet die nüchterne Aussage des Lukas. Natürlich hatten die Eltern des Säuglings, als sie dem Aufruf zum Zensus folgten, keine Babywiege mit auf Tour genommen, einmal, weil aus ihrer Sicht nicht sicher war, ob während ihres Aufenthalts in Bethlehem überhaupt die Geburt stattfinden würde, zum anderen, weil das unter den damaligen Verhältnissen ein ziemlich sperriges Stück Reisegut gewesen wäre. So suchte man sich etwas, das passend war, um provisorisch einen Säugling aufzunehmen, solange man eben noch nicht wieder zu Hause war. Da bot sich eine Futtertasche an, die man ohnehin für die Fütterung des Lasttieres bei sich hatte. Und schaukeln lässt sich so etwas auch, wenn man in einer geschickten Weise aufhängt.
Die fehlende häusliche Wiege, das ist der Ort, der in ihrer Unterkunft fehlte. Stattdessen nahm man einen Futterkorb als Eratz dafür. Und von einem Stall steht gar nichts da . Man denke sich nur einmal die ganzen Umstände, wenn der Ort der Niederkunft wirklich ein Stall gewesen wäre. Das jüdische Volk, welches eine Fülle von Reinigungs- und Reinheitsvorschriften aus der Thora zu befolgen hatte, welches ganz besonders auf strikte Einhaltung aller Regeln zur Geburt eines Menschen achtete, hätte es als völlig absurd, als ausgemachte Blasphemie angesehen, eine Niederkunft in den hygienischen Verhältnissen eines Viehstalls zu gestatten. Und eine Notzeit wie Krieg war der Zensus ja keinesfalls. Wenn es zur Geburt kam, standen Frauen zur Verfügung, die sich um den reibungslosen Ablauf der Angelegenheit kümmerten. Und da das Ehepaar, wie von Lukas hervorgehoben, zum Familienclan Davids gehörte, der in Bethlehem schon immer ansässig war, wird man sich wohl von dorther in irgendeiner Weise um alles mitgekümmert haben. Das Hygienebedürfnis allerdings erwähnt Lukas durchaus. Er weist neben dem Futterkorb darauf hin, dass man den Säugling sorgsam gewickelt hat, also so sauber wie möglich hielt. Ja, Lukas ist die Feststellung der Kombination von Futterkorb und Windeln so wichtig, dass er sie dreimal in seinem Bericht erwähnt. Sie muss für die damaligen Verhältnisse so außergewöhnlich und auffällig gewesen sein, dass sie als Erkennungsmerkmal dienen konnte.
Ein Hinweis auf die Würde der Individualität, die dort eingewickelt in Windeln liegt, ergab sich aus den Andeutungen Gabriels, der sie "einen Sohn des Gottes" nannte und damit die außergewöhnlichen Umstände und Vorkehrungen für seine Zeugung begründete. Das ist ein ganz anderes Attribut, als dasjenige, welches dem Jesus nach Matthäus beigelegt wird. Der dort heißt "Immanuel", "Gott mit uns", wird aber auch gezeugt unter Umständen, die sich ähnlich dem Bewusstsein entziehen, wie diejenigen bezüglich des Jesus in der lukanischen Erzählung. Festzuhalten gilt, dass die Verkündigung an Maria bei Lukas durch einen Erzengel geschieht. Bei Matthäus kommt ein Engel zu Joseph, und zwar im Traum.
Näheres über die Wesensbesonderheiten des Jesuskindes bei Lukas wird im zweiten Teil des Weihnachtsberichtes mitgeteilt. Hier ist es ein Engel, der sich darüber ausspricht. In nächtlicher Schau tritt er in das Bewusstsein von Hirten, die auf geeignetem Weideland bei ihren Herden sind. Er sagt zu ihnen, dass er Nachricht bringe von einem großen Segensereignis, das allen Menschen (wörtlich: allem Volk) zu Gute kommt. Dann erscheint eine Engelsschar, und es wird etwas vom Großartigsten verkündet, das sich im Neuen Testament findet, großartig in seinem Inhalt, großartig in seiner Form, großartig in seiner denkbar größten stilistischen Knappheit:
Eine Vorzeigung in höchsten einem Gotte.
Das erste Wort ist im griechischen Text "dóxa". Üblicherweise mit Herrlichkeit übersetzt, bedeutet es eigentlich "Sichtbarwerdung". Diese Sichtbarwerdung oder Erscheinung oder "Vorzeigung" ist grammatisch gesehen ein Klammerbegriff, der die Aussagen: "einem Gotte" einerseits und "(einem) Frieden" andererseits kausal miteinander verbindet (kursiv gekennzeichnet). Das ist der erste mit dóxa geklammerte Ausspruch. Der zweite, ebenfalls an "dóxa" geknüpft, ist: "in höchsten" einerseits und "in Menschen" andererseits (fett gekennzeichnet). Als Attribut wird den Menschen im griechischen der Ausdruck "eudokia" beigelegt. In diesem Wort findet sich die dóxa wieder, mit der das Engelwort eröffnet wird. Dóxa ist wie dokia vom Verb "dokeîn" "vorzeigen, sichtbar machen" abgeleitet. Nur dass die dóxa am Beginn des Spruchs die Voraussetzung, die dóxa oder dokia am Ende die Bedingung angibt. Bleibt nur noch das verbindende "und" übrig, welches andeutet, dass alle Teile der Aussage zueinander in einem "sine qua non" stehen. Es gibt den hermetischen Grundsatz: Wie oben, so unten. Mit solch einem "Wie & so" ließe sich das "und" im Spruch des Engels auch wiedergeben:
Wie eine Vorzeigung in höchsten einem Gotte.
Die eigenartige Formulierung "in höchsten" lässt offen, welche höchsten gemeint sind: Hierarchien, Himmel, Kräfte usw. Die "Vorzeigung", das Offenbarwerden eines göttlichen Wesens geschieht also an höchster Stelle, man könnte auch sagen: einem in höchstem Maße Göttlichen. Die lukanische Sprachkunst ist von einer so gewaltigen mantrischen Macht, dass die Formulierung mit einem Minimum an Wortmasse ein Maximum an Aussage möglich macht. Ein Mantram ist umso mehr eines, je weniger es spezialisiert. Aber Lukas zeigt dann doch eine spezifische Eigenschaft dieses "Gottes in höchsten" auf, dieses Mal ganz präzise, ohne jede Zweideutigkeit. Es ist der Friede, der unten auf Erden das repräsentiert, was der Gott oben "in höchsten" ist, beide Male durch Dativkonstruktion im griechischen Text formuliert. Und ebenso ist ein allgemein gehaltenes "in höchsten" spezifisch präzisiert im zweiten durch dóxa geklammerten Ausdruck: in Menschen, also: "wie in höchsten oben so in Menschen unten". Und mit dem guten Willen oder Vorzeigewillen am Ende wird darauf hingedeutet, dass in all dem der Aspekt der Freiheit eine Rolle spielt. Das griechische Wort für den rechten Vorzeigewillen ist die "eu-dokia". "Eu" heißt "gut" oder "recht". Nichts vollzieht sich automatisch, sondern aus freier Entscheidung von innen heraus. Der einzige Ort im Schöpfungszusammenhang, wo Freiheit in dieser Weise zum Ereignis werden kann, ist die Erde. Man kann also folgende Oben/unten Beziehungen des Weihnachtsspruchs des Engels anschauen, die nachstehend untereinander gesetzt werden:
Vorzeigung in höchsten einem Gotte
Der gesamte griechische Wortlaut dieses Mantrams umfasst je vier Wörter in der ersten und zweiten Zeile, sowie drei in der dritten. Im Deutschen ist das nicht wiederholbar. Das sind also insgesamt elf Wörter, die sich geheimnisvoll mit den zehn Prinzipien des Sephirothbaumes der Kabbalah in Parallele setzen lassen, hinter denen noch ein elftes Prinzip waltet, welches unmanifest oder absolut zu diesen zehn steht. Damit ist durch das Weihnachtsmantram In denkbar größter Knappheit und formaler Bestimmtheit das ganze Weltgeheimnis der Menschenevolution im Zusammenhang mit allen Hierarchien und Kräften gefasst.
Dieses Weltmysterium bringt sich als Mensch zur Geburt in dem Kind, das in Windeln und in einem Futterkorb liegt, einem Getreidekorb, der ebenso geheimnisvoll nun die Getreidemysterien geistig anklingen lässt, die der Christus später laut ausspricht in dem Wort: Ich bin das Brot der Welt. Dieses Brot der Welt ist noch verborgen, in Windeln eingewickelt, hat noch die Hülle, die erst abgeworfen werden muss, ehe es in all seiner "dóxa" in einer menschlichen Gestalt als rechtes Offenbarmachen, als "eu-dokia" hervortreten kann.
Rudolf Steiner schildert den Gottesaspekt, der hier angesprochen wird, als das höchste Geistesprinzip der Christuswesenheit, den reinen, sündlosen Menschenaspekt hingegen als den Adam Kadmon, welcher ein Teil der Adamwesenheit (Menschenwesenheit) ist, der jetzt erst seine erste Inkarnation durchmacht. Er hat sich stets so betätigt im ganzen Fortgang der Menschheitsevolution, dass er sich geistig durchdrungen hat mit den Wirken der Göttlichkeit Christi.
Der andere Teil der Adamseele wird im Matthäusevangelium geschildert, welchen Rudolf Steiner dort nicht als Adam, aber als die Wesenheit des Zarathustra bezeichnet, die mit dem Sündenfall der Menschheit oder des Adam die höchste Weisheit unter den Voraussetzungen des Falls in die Materie errungen hat.
Oben Adam Kadmon und unten Zarathustra, Menschen werdend in den beiden Jesuskindern, zwei Schwesterseelen, die für das Heilsgeschehen der Zeitenwende zusammenfinden und sich vereinigen müssen, damit auch die kosmische Urwesenheit, die der Schöpfungsbericht Himmel und Erde nennt, sich als Teile zweier kosmischer Schwesterseelen vereinigen können. Ohne diese makrokosmische und mikrokosmische Vereinigung ist kein Heil möglich, wie es das Ägypterevangelium der Apokryphen sagt.
Ein besondere Rolle spielt in all diesen Geschehnissen die Erzengel- und die Engelwelt. Rudolf Steiner schildert den Adam Kadmon immer mit den Charakteristiken eines Erzengels, einmal aber auch mit denen eines Engels. Dieses Geheimnis zu untersuchen könnte Gegenstand eines anderen Aufsatzes sein. In den Geburtsgeschichten des Neuen Testaments ist die Erzengelwelt durch Gabriel vertreten, der das Wirken der hervorbringenden Vaterwelt repräsentiert. Michael leuchtet nur indirekt geheimnisvoll herein als das Antlitz Jahves, der im Heiligen Geist die jungfräuliche Zeugung der Jesuskinder veranlasst.
Den Hirten auf den Triften erscheinen nach der Verkündigung des Engels mit dem Weihnachtsmantram die "stratiâs ouranoû", die Soldatenschaften des Himmels, was Luther mit himmlische Heerscharen übersetzt. Das militärische Bild deutet innerhalb der Hierarchien wiederum auf die Dynameis hin, die traditionell in Rüstungen gemalt wurden und auch der Sphäre des Mars angehören. Und man wird an dieser Stelle ein zweites Mal auf sie gewiesen, nachdem in der Verkündigungsgeschichte, Kapitel 1, von Lukas angedeutet wurde, dass sie es sind, die bei Maria die Abdämpfung ihres persönlichen Bewusstseins bewirken, wenn die Zeugung durch die Mysterien, also durch den Heiligen Geist stattfinden soll.
Hier stößt man auf ein anderes tiefes Geheimnis des Weihnachtsberichtes. Rudolf Steiners Forschungen zur Wesenheit des Gautama Buddha helfen, es ein wenig zu verstehen. Er nennt in den Evangelienzyklen das Erscheinen dieser "Heerscharen" den Nirmanakaya Buddhas. Gemeint ist mit Nirmanakaya die geistige Wesensgestalt, die er erhielt, als er mit Erringen der Buddhawürde seine letzte Erdeninkarnation durchmachte. Rudolf Steiner schildert, wie Buddha als Lehrer des Mitleids und Friedens sich schützend mit den Geburtsvorgängen des lukanischen Jesus verband. Dieser Jesus soll zum Offenbarer des Friedens werden, alles Kriegerische umwandeln. Das Kriegerische zeigt sich in den "Himmelssoldaten", die als der Nirmanakaya Buddhas um den verkündenden Engel erscheinen: Engel in Rüstungen mit Schwertern, also die Marswelt. In Ga 137 sagt Rudolf Steiner:
Der Buddha ist zuerst geschickt worden zu den Venusmenschen, dann auf die Erde, dann machte er den Weg zurück zu den Marsmenschen und hat dort weitergewirkt an der lange vorbereiteten Mission auf dem Mars. Auf dem Mars ist die Sache so, dass diejenigen Menschen, die dort geblieben sind, in einer großen Gefahr stehen, wie die Erdenmenschen in einer großen Gefahr standen, aus der sie der Christus befreite. Die Marsmenschen stehen in der Gefahr, dass [ & ] ihr astralischer Leib und dadurch mittelbar auch ihr Ätherleib furchtbar an Kräften verlieren sollte, gewissermaßen austrocknen sollte. Die ganze Natur der Marsmenschen hat sich so ausgelebt, dass auf dem Mars furchtbare Kriege stattgefunden haben. .
Die geistige Wesenheit Buddhas war, das deutet dieses Zitat an, einst mit dem Mars verbunden, ging dann zur Venus, dem okkulten Merkur oder Morgenstern, weiter, wo sie sich mit dem Licht des Mitleids, des Mitfühlens und des Friedevollen durchdrang, errang mit diesen Qualitäten die Buddhawürde auf der Erde und kehrte dann zum Mars zurück, um dort eine Erlösungstat aus diesem Errungenen zu bewirken, die für den Mars die Bedeutung hat, wie die des Christus für die Erde.
Im Weihnachtsmantram wird deutlich auf den Frieden hingewiesen. Und in den "Himmelssoldaten", bei deren Erscheinen es erklingt, auf den Krieg des Mars. Wer aber ist hier der Engel der Verkündigung vor Erklingen des Mantrams, und um den heurm hinterher als Nirmanakaya das Kriegerische des Mars in geistigen Wesen auftaucht? Hierauf ist nur eine Antwort denkbar. Es muss derjenige Engel sein, der frei wurde und gewissermaßen den Weg zur Erzengelwürde betritt, als Gautama seine Buddhawürde erlangte. Aber auch Buddha selbst leuchtet als engelartige Wesenheit in dieses Bild mit hinein, weil er das Gewand des physischen Menschen schon abgelegt hat.
Und so soll die Betrachtung des geheimnisvollen Weihnachtsberichtes nach Lukas abgeschlossen werden durch den Ausblick auf ein Wort des Christus, das er später wie zur Erfüllung dessen gesprochen hat, was hier im Wort "eudokia" rechtes Vorzeigen, rechtes zur Erscheinung bringen ausgedrückt ist. Es findet sich in Matthäus 10, 34 und wird fast immer in einer winzigen Kleinigkeit falsch übersetzt:
Behauptet nicht, dass ich gekommen bin, um den Frieden auf Erden zu stürzen. Ich kam nicht, um den Frieden, sondern das Schwert zu stürzen. .
Was hier "auf Erden" genannt wird, ist haargenau dieselbe Formulierung, wie sie im Weihnachtsmantram erklingt. Verwirrung hat im Matthäuswort das griechische Wort "ballein" gestiftet, weil man es in seiner wörtlichen Bedeutung "werfen" grammatisch nicht exakt genug aufgefasst hat im Zusammenhang mit dem "auf Erden". "Ballein" hat im Griechischen neben "werfen" auch die Bedeutung von Stürzen im Sinne des Sturzes eines Herrschers. Und wenn man das Zitat in dieser Form aussprechen würde: "Behauptet nicht, dass ich gekommen bin, um den Frieden auf Erden zu werfen. Ich kam nicht, um den Frieden, sondern das Schwert zu werfen" - und dabei nicht den Fehler macht, "auf Erden" mit "auf die Erde" zu übersetzen, dann kann der Satz eigentlich auch wenn man "werfen" sagt, kaum missverstanden werden.
In sachgemäßer Übersetzung aber deutet der Ausspruch Christi darauf hin, dass ein Aspekt seines Wirkens der Überwindung des Krieges gilt und dass hierzu eine innere Umkehr in der Gesinnung gehört. Geholt wurde der Friede durch Buddha von der Venus - oder dem Merkur -, auf Erden der Menschheit als Lehre übergeben und als Kraft dem Mars eingepflanzt. Die Tat des Christus ist es, die Menschheitsentwicklung aus der Marshälfte der Erdenentwicklung in die Merkurhälfte hinüber zu leiten. Was dazu an Evolutionsvorkehrungen nötig ist, zeigt die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in geheimnisvoller Weise auf. Aber dazu bedarf sie nicht eines Stalles mit Ochsen und Eseln, sondern nur des Hinweises, dass ein Wesen geboren worden sein, dass in säuglingshafter Verhüllung in einem Behälter für Getreide - also für das liegt, woraus später Brot wird - für jenes Brot, welches das Leben trägt und die Verwandlungskraft schenkt das Kriegerische in ein Friedliches zu überführen. |