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Die Reikiprinzipien in ihrer tieferen Bedeutung für die menschliche Evolution.
Man kann nicht umhin, zu bemerken, dass für viele die fünf Reikiprinzipien, die Mikao Usui hinterlassen hat, etwas Rätselhaftes sind. Auch auf mich haben sie zunächst gewirkt wie eine Art "fünf Gebote" des Reiki. Und da man Gebote zwar anerkennt, aber dann bei der Beherzigung doch Abstand nimmt, weil man sie zunächst nicht von Herzen ausführen kann, erging es den Reikiprinzipien wohl genauso wie den zehn Geboten: Man verbannt sie in eine Ecke, die zwar prominent ist, aber hinter Panzerglas verbarrikadiert wird.
In der traditionellen Wiedergabe sind die Prinzipien auch nur schwer für einen Europäer assimilierbar. Wer will schon heute seine Eltern, Lehrer und ältere Menschen ehren? Und hinsichtlich des ehrlichen Brotverdienens sagt man wohl "ja", aber wendet ein, "wie man das in unserer heutigen Zeit ehrlich tun soll". Und so musste auch ich zuerst einmal zu verstehen versuchen, was es im Kern mit diesen Reikiprinzipien auf sich hat.
Was mir immer schon auffiel, war, dass es sich um fünf Prinzipien handelt. Und was ich auch niemals bezweifelte, war ihre Verwurzelung in der esoterisch-okkulten Menschheitsschulung außerhalb aller spezifischen Kulturen und Traditionen.
Das mitteleuropäische Pendant der fünf Prinzipien lernte ich im Schulungsweg von Rudolf Steiner kennen. Ich werde daher zunächst diese Übungen umreißen, damit man weiß worum es geht und worauf ich mit diesem Aufsatz hinaus will.
Rudolf Steiner formulierte sie als so genannte "Nebenübungen". Dass er damit aber "Hauptübungen" meinte, wird einem sofort klar, wenn man ihren Stellenwert zu den sonst noch von ihm angegebenen Meditationen usw. würdigt. Denn wiederholt weist er darauf hin, dass alles Meditieren nur dann ohne Gefahren vonstatten gehen könne, wenn grundlegende Vorkehrungen getroffen werden, die dafür sorgen, dass ein Meditierender aus den anderen Gesetzmäßigkeiten übersinnlicher Erfahrungen in gesunder Weise wieder in die Gesetzmäßigkeiten der physischen Umgebung zurückkehrt. Falls nicht, drohen als Gefahren Verlust des Wirklichkeitssinns, Selbstüberschätzung, und im schlimmsten Fall Wahnsinn, den man selbst aber für eine wahre Wirklichkeit hält.
Die fünf Übungen Steiners haben eine ganz bestimmte Reihenfolge. Sie beginnen mit der Übung 1, die das rechte Urteilsvermögen schult. Man vollzieht sie so, dass man beispielsweise fünf Minuten am Tag aufwendet für die Betrachtung eines nicht sehr wichtigen Gegenstandes. Er muss einem bekannt sein, wie etwa ein Streichholz, den man dann in den Mittelpunkt seines Bewusstseins rückt. Nun betrachtet man das Streichholz ausschließlich unter solchen Voraussetzungen, die sachlich mit ihm zusammenhängen: aus welchem Material ist ein Streichholz, wie wird es hergestellt usw. Man wird schon beim ersten Üben feststellen, dass einem die meisten sachlichen Informationen fehlen. Also mal bei Aiman in Galileo von Pro 7 reinschauen, wenn dort eine Streichholzdoku gezeigt wird, oder sich sonst wo informieren. Wenn Dir das zu unbequem erscheint, dann hast Du den Sinn dieser ersten Übung noch nicht so recht erfasst.
Die Übung 2 hat mit der rechten Initiative zu tun. Das ist nun schon um einen Grad schwerer. Man nimmt sich eine bestimmte Tätigkeit für eine bestimmte Tageszeit vor. Die Tätigkeit darf nicht im Zusammenhang mit dem Berufsleben oder sonstigen täglichen Pflichten stehen. Je weniger sie sich aus dem Tageslauf ergibt, desto besser. Man könnte etwa folgendes üben: Um 8.10 morgens klopfe ich mir dreimal mit den Fingerspitzen an die rechte und dann an die linke Schläfe. (Man kann sich endlos viele Übungen solcher Art ersinnen!) Und dann mache man das - jeden Tag! Was folgt ist die saure Durststrecke fortgesetzter Misserfolge. Und dennoch, es gilt weiter zu machen, bis es einigermaßen klappt. Nicht der Erfolg ist entscheidend, sondern der Wille etwas zu tun. Dann nimmt man später eine zweite Übung dieser Art hinzu, aber zu einer anderen Tageszeit und macht weiter. Dann eine dritte, vierte usw.
Die Übung 3 ist wieder etwas schwerer. Sie dient dazu, seine Empfindungen zu beherrschen. Ich will genau sprechen. Beherrschen heißt hier nicht, sie verdrängen. Es heißt seine Empfindungen voll ins Bewusstsein nehmen, aber sie nicht nach außen hin ausdrücken. Also traurig sein, aber nur in sich selbst, andere sollen es nicht merken. Wütend sein, aber keiner bekommt was davon mit. Sinn dieser Übung ist es, die psychische Resistenz und Dehnbarkeit zu verbessern. Ein zu kleiner Luftballon platzt, wenn er überstrapaziert wird. Ein größerer kann länger aufgepumpt werden. Die Übung 3 hat genau dieses Ziel: sein Gemüt so groß werden zu lassen, dass man den von außen anstürmenden Unbilden gelassen gegenüber bleiben kann. Man wird ja ein Unrecht unter solchen Umständen noch intensiver erleben als früher, gerade, weil man es nicht äußerlich zu ahnden versucht. Und so wird man durch diese Übung einerseits empfindungsfähiger, andererseits aber stark genug, diese Empfindungssteigerung auch zu ertragen. Man wird sich auch hier einige Situationen im Tagesablauf dafür herausgreifen können, denn wie in der vorigen Übung ist es Sinn und Zweck, die dafür erforderliche Anstrengung aufzuwenden. So wird man im Praktizieren dieser Übung nicht zum Sonderling im sozialen Miteinander - was vielleicht ein Einwand sein könnte, sondern erzieht sich zur Beherrschung seiner Empfindungswelt, wo man bei jedem Ereignis entscheiden kann, wie man seinen Gefühlen Ausdruck verleiht.
Diese ersten drei Übungen kultivieren die drei Seelenfähigkeiten Denken (Übung 1), Wollen (Übung 2) und Fühlen (Übung 3) direkt.
Ab Übung 4 treten Kombinationen ein. Mit der vierten übt man Denken und Fühlen zusammen. Rudolf Steiner nennt sie die Positivitätsübung. Es kommt hier darauf an, einerseits eine vorhandene Realität anzuerkennen. Zumeist treten uns heute frustrierende Realitäten entgegen. Wenn jemand beispielsweise eine Gürtelrose bekommt, dann ist er unangenehmsten Schmerzen ausgesetzt. Es käme nun für ihn darauf an, herauszufinden, welches ein möglicher positiver Aspekt in diesem Leiden sein könnte. Da wird er vielleicht sehen, dass er jetzt diesem Leiden nicht ausweichen kann. Und das kann wiederum ein Hinweis für ihn sein, dass er bis jetzt möglicherweise zu sehr geneigt war, allem aus dem Weg zu gehen, was mit Schmerzen zu tun hatte. Jetzt könnte er sich sagen: Ich kann dem Schmerz nicht mehr entweichen, deshalb ich will lernen, ihn zu bejahen, um so eine größere Standfestigkeit und Durchhaltekraft zu bekommen. Dann hätte er in einer unangenehmen Angelegenheit einen positiven Aspekt entdeckt.
Die Übung 5 schließlich bildet Denken und Wollen zusammen weiter aus. Rudolf Steiner nennt sie die Unbefangenheitsübung, an anderer Stelle auch das Erlernen des Glaubens, der Berge versetzt. Hier geht es darum, die Kraft des unbedingten Vertrauens zu erlernen, eines Vertrauens, das sich mit dem innersten Wesenskern des Menschen verbunden weiß - nicht nur fühlt.
Schließlich, wenn man über Monate diese Übungen, beginnend bei eins, gemacht hat, übt man sie - für den Rest seines Lebens - nun in den verschiedensten Kombinationen weiter.
Das nennt Rudolf Steiner dann eine Art Übung 6: die Harmonisierung und souveräne Beherrschung der Komponenten des Seelenlebens.
Man kann sich berechtigterweise fragen, was all das mit den Reikiprinzipien zu tun haben soll. Antwort: nachschauen, ob in ihnen in etwas anderer Formulierung nicht auch etwas den Nebenübungen Vergleichbares gewollt sein könnte.
Bis ich selbst das allerdings erkannte, musste ich die spezifisch japanischen Formulierungen erst einmal etwas europäisch modernisieren. Ferner musste ihre Reihenfolge so umgestellt werden, dass sie mit den Steinerschen Nebenübungen in Parallele gesetzt werden konnten. Ich werde die Besprechung der Prinzipien jetzt in dieser neuen Anordnung vornehmen.
Da ist zunächst das erste Prinzip: Ehre deine Eltern, Lehrer und alle älteren Menschen. Für einen Asiaten ist hierin der Respekt für diejenigen zusammengefasst, die nach orientalischer Auffassung Garanten für die wahren Lebenswerte sind. All das hängt mit der fernöstlichen Hinneigung zur Ahnenverehrung zusammen. Wenn einem etwas nicht evident war, suchte man Gewissheit bei den Ahnen und spirituellen Lehrern. Es wird deutlich, dass es hier um die Korrektur von falschen Anschauungen geht, indem man sich an die Lebenserfahrung älterer Menschen oder Ahnen wendet. In Europa hat sich eine solche Seelenhaltung im Lauf des 20. Jahrhunderts fast völlig verflüchtigt. Und man muss sich fragen, was das hierdurch entstandene Vakuum ausfüllen kann. Eine mögliche Antwort: Man sollte an Stelle der Verehrung Älterer und Lehrer direkt die Verehrung der Wahrheit anstreben. Daher würde ich modern-europäisch das erste Reikiprinzip so formulieren:
Erstrebe, die Wahrheit über alles zu verehren.
Das zweite jetzt zu charakterisierende Prinzip wurde schon von Frank A. Petter anders formuliert als Takata es überliefert hat. Takata sagte: Verdiene dein Brot ehrlich. Petter formuliert: Arbeite hart an dir. Deutlich wird in beiden Lesarten aber, dass es hier spezifisch um das Willenleben und die Initiative eines Menschen geht. Arbeiten ist ja ein Begriff, der unmittelbar mit dem Willensleben eines Menschen in Verbindung steht. Und da sowohl in Takatas als auch Petters Versionen nicht Einmaligkeiten gemeint sind, sondern Gesinnungen, habe ich dieses Reikiprinzip für unseren europäisch esoterischen Hintergrund so formuliert:
Erstrebe, alle von dir einmal gefassten Vorsätze zu verwirklichen.
Das dritte Prinzip erklärt sich leichter aus sich selbst als die beiden ersten. Man kann auch seine Formulierung beibehalten: Gerade heute vermeide allen Ärger. Ärger steht für das große Feld der Emotionen, die auf einen Menschen einprasseln: Ärger, Wut, Enttäuschung, Aufbegehren, Rache usw. aber auch Begehren, romantisches Verliebtsein, Stolz, Arroganz usw. gehören hierher. Mikao Usui will also, dass man lernt, seine Emotionen zu beherrschen. Er sagt nichts von unterdrücken. Wenn es heißt, "heute ärgere dich nicht", dann könnte man versucht sein, anzunehmen, man solle den Ärger verdrängen. Das aber würde ja zu einer Krankheitsanlage werden und daher nicht im Sinne Usuis gelegen haben. Wenn man aber den Ärger, wenn er in einem ist, kontrolliert, d.h. ihm einem anderen Menschen gegenüber nicht Ausdruck verleiht, dann verdrängt man ihn eben nicht, sondern beherrscht ihn und damit auch sich selbst. Daher könnte eine moderne europäische Formulierung dieses Reikiprinzips auch sein:
Erstrebe, deine Emotionen vollkommen zu beherrschen.
Das vierte Prinzip wäre das Reikiprinzip der Dankbarkeit. "Sei dankbar allem Lebendigen gegenüber". Andere formulieren: "Bringe dem Leben Dankbarkeit entgegen". Man muss versuchen, sich dieses Prinzip in seiner eigentlichen Tiefe zu verdeutlichen. Worum es sicherlich nicht geht, ist jene Art von Dankbarkeit, die einem gewissermaßen leicht von der Hand geht. Wenn man etwas Schönes geschenkt bekommt, dann geht es verhältnismäßig leicht, ein Gefühl der Dankbarkeit zu entwickeln. Wer das selbst da nicht kann, sollte sich ernsthaft nach Defiziten seines Gemütslebens fragen. Aber eine solche leicht zu erlangende Dankbarkeit kann hinsichtlich dieses Reikiprinzips nur eine Art Starthilfe sein. Denn das Leben bringt ja nur in den selteneren Fällen etwas, das so angenehm ist, dass man ohne Schwierigkeiten dankbar sein kann. Wie aber steht es mit der Dankbarkeit gegenüber all den unangenehmen und empörenden Lebensereignissen? Man wurde vielleicht verprügelt, aber wie soll man da dankbar sein? Eigentlich verbietet es sich doch, oder? Wenn man das Reikiprinzip aber ernst nimmt, dann sollte man bei solch einem Lebensereignis die Anstrengung unternehmen, nach etwas in seiner Tiefe zu suchen, das für einen so dasteht, dass man daran Dankbarkeit entwickeln kann. Beispielsweise könnte die Tatsache, dass man verprügelt wurde, Anlass sein, nachzudenken, wann man selbst das letzte Mal jemand anderem gegenüber handgreiflich geworden ist. Und wenn man sich dann die Schmerzen der jetzt erhaltenen Prügel klar macht, dann kann man von hierher vielleicht ermessen, wie schmerzhaft die Handgreiflichkeit, die man der anderen Person angetan hat, war, und an die man sich soeben erinnert hat. Und man kann daran jetzt die Dankbarkeit entwickeln - gewissermaßen über die Betroffenheit an sich selbst. Denn diese Betroffenheit trägt Kräfte in sich, die dahin wirken, ein solches Fehlverhalten das nächste Mal möglichst zu vermeiden. Modern formuliert würde man sagen können:
Erstrebe, dort dankbar zu sein, wo du keine Neigung dazu verspürst.
Das fünfte Prinzip schließlich sagt: "Gerade heute vermeide alle Sorgen". Es ist das Charakteristische von Sorgen, dass sie zu fixierten Ideen werden, die einem die völlige Aussichtslosigkeit einer gegenwärtigen Lebenslage zu suggerieren versuchen. Da wünscht man sich, dass ein Wunder eintrete, aber zur gleichen Zeit hält man für 100% ausgeschlossen, dass es eintritt. Wenn Menschen dahin kommen, sich sagen zu müssen, dass alles nur noch ausweglos in ihrem Leben sei, dann haben sie Sorgen im Sinne dieses Reikiprinzips, die es zu überwinden gilt. Und hierbei gilt vielleicht mehr als sonst wo der esoterische Satz: "Entweder ist etwas schwer zu erlangen, oder es ist nichts wert, weil es leicht geht". Weit auf dem Übungsweg dieses Prinzips sind gewisse Menschen, die man bisweilen finden kann. Man kennt sie als solche, die ein Schicksalsschlag nach dem anderen trifft, und wo man selbst in solcher Lage vielleicht verzweifeln würde. Aber sie bleiben ruhig, wirken gefasst, ja, sie können sogar noch lächeln und ein nettes Wort zu jemand anderem sprechen, der über sein eigenes Missgeschick schrecklich ins Klagen gerät. Innerlich wissen solche Menschen, dass immer dann, wenn man etwas aus wirklicher Liebe tut, die Dämonen anfangen zu heulen und zu prügeln, etwa wie es im Bild der Versuchung des Heiligen Hieronymus auf dem Isenheimer Altar dargestellt erscheint. Modern formuliert würde man sagen:
Erstrebe, vollkommen gelassen zu werden, indem du vertraust.
Schauen wir jetzt die Nebenübungen und die Reikiprinzipien einmal parallel an. Ich werde hierzu die modernen Formulierungen der Prinzipien unter die Charakteristiken der Nebenübungen schreiben.
1. NÜ: Rechtes Urteilen erlernen.
2. NÜ: Rechte Initiative erlernen.
3. NÜ: Beherrschen der Empfindungen.
4. NÜ: Erlernen der Positivität.
5. NÜ: Erlernen der Unbefangenheit oder des absoluten Vertrauens.
Wenn man die Nebenübungen und die Prinzipien in dieser Zusammenstellung ein wenig auf sich wirken lässt, dann kann einem auffallen, dass sie zueinander in einem komplementären Verhältnis stehen.
1. Recht urteilen kann nur, wer die Wahrheit über alles verehrt. Wäre ihm nicht an der Wahrheit gelegen, dann müsste sein Urteil Gefahr laufen, falsch auszufallen.
Um das besser zu verstehen, muss man zunächst wissen, dass die gesamte Erdenevolution des Menschen der Entwicklung seiner selbstbewussten Identität oder seines Ichwesens gilt. Solange dieses Ichwesen als göttliches Urbild noch nicht auf der Erde inkarniert war, hatten ältere Mysterien es nötig, einen Einzuweihenden so vorzubereiten, dass er für die Einweihung aus der bereits vorhandenen Ichhülle (das ist die Erdenpersönlichkeit) herausgehoben wurde, um dem eigentlichen Ichwesen in dessen Göttlichkeit in der übersinnlichen Welt zu begegnen. Im alten Indien nannte man dieses Wesen den Vishvakarman, im alten Persien den Ahura Mazdao, in Ägypten den Horus.
Diese Mysteriennotwendigkeit hat dann im säkularen Leben der alten orientalischen Kulturen dazu geführt, dass man Gebote und Lebensregeln aufstellte, die im Sinne von Buddhas Lehren dem Zyklus der Inkarnationen ein Ende zu bereiten versuchten.
Das ganze Übungswesen musste zwangsläufig anders gewichtet werden, als das eigentliche Ichwesen selbst sich in einer eigens dafür bereiteten Persönlichkeitshülle auf der Erde verkörperte. Es handelt sich dabei nach christlich esoterischer Auffassung um den Christus Jesus. Als Christus bezeichnet man das göttlich-geistige Ich-Urwesen, welches in der Imagination einer Taube bei der Jordantaufe in den Jesus, die für das Göttliche zubereitete Erdenpersönlichkeit, eintrat. Dieses in einer Menschengestalt verkörperte Ur-Ich hat drei Jahre auf Erden gelebt bis zu den Osterereignissen des Jahres 33. Seither kann für die Mysterien dieses Ur-Ich nicht mehr in den übersinnlichen Welten gefunden werden, weil es diese verlassen hat. Es muss seither auf der Erde gesucht werden, unabhängig davon, ob es einem passt oder nicht.
In alten Zeiten hatte man die Prinzipien bzw. Nebenübungen immer so anzuwenden, dass durch sie ein Mysterienschüler sein Persönliches soweit überwand, dass er sich aus seinem Leib erheben und das göttliche Ur-Ich in der geistigen Welt erleben konnte. In unseren modernen Zeiten findet sich dieses Ur-Ich im absoluten Zentrum der menschlichen Wesenheit. Und daher ist die Wirkung dieser Übungen nicht nach oben, sondern nach innen gerichtet. Die Übungen sind die gleichen, aber einer veränderte Menschennatur kehrt ihre Wirkensrichtung um. Das muss klar gesehen werden.
Um Missverständnissen vorzubeugen, ist Folgendes wichtig zu beachten. Greifen wir hierzu das Bild des Kreises mit dem Punkt auf - auch gebraucht als Symbol für die Sonne. Alles, was wir als Persönlichkeit bezeichnen, gehört zum Kreis. Und was als Ur-Ich bezeichnet wird, das befindet sich im Mittelpunkt. An diesem Bild wird evident, dass eine Uridentität für sich allein denkbar ist. Sie braucht nicht in einer äußeren Form unmittelbar zu erscheinen. Der Kreis hingegen ist ohne den zu ihm gehörenden Mittelpunkt unmöglich. Oder ein anderes Bild noch. Der Regentropfen, der vom Himmel fällt (die persönlich gewordene Individualität) und der Ozean (Ur-Ich) sind eines Wesens - sie sind beide Wasser. Aber der Tropfen ist nur ein Teil des Ozeans, ein vergänglicher Aspekt.
Daher müssen wir als mit lauter individuellen Ich-Strukturen auf Erden lebende Persönlichkeiten Anstrengungen unternehmen, die in Beziehung treten können zu dem für uns alle einzigen Mittelpunkt, durch den wir selbst erst Ich sind, und ohne den wir es nicht wären. Um das in seiner vollen Tragweite zu begreifen, muss man praktisch beginnen, die erste NÜ und/oder das erste RP zu vollziehen. Akademisch wird hier nichts erreicht.
Und damit ist zugleich die Tür geöffnet, welche zum Verständnis für die Notwendigkeit dieser Übungen führt. Sie sind dazu da, das reale Wirken des Ur-Ichs in einer menschlichen Persönlichkeit zu ermöglichen.
Frage: Geschieht das denn nicht automatisch? Antwort: Nein. - Weshalb ist das so? Weil es die Freiheit gibt. Und wer frei ist kann auch unterlassen.
Aber bevor wir das verstehen können, zunächst die Beschreibung des Wirkens der Übungen auf verschiedenen Ebenen des Menschenwesens.
Zunächst wird eine Beziehung dieser Prinzipien zum Wirken des Ur-Ichs vom Persönlichkeits-Ich eines Menschen her in den drei Seelen-Aspekten hergestellt. Ein menschliche Persönlichkeit drückt sich aus durch Denken, Wollen und Fühlen. Im urteilenden Denken tut sie übend den ersten bewussten Schritt. Im zweiten muss sie mit dem Erkannten Ernst machen, indem sie durch das Wollen initiativ wird. Dann findet sie erst die Kraft, das Empfindungsleben oder Fühlen soweit zu beherrschen, dass aus dem Unterbewusstsein heraufwallende Strömungen durch das heranwachsende Ichhafte kraftvoll gebrochen und in ein kontrolliertes Bett umgelenkt werden können.
Diese Fähigkeiten erübt man also mit den ersten drei Reikiprinzipien bzw. Nebenübungen. Wichtig ist, dass sie genau in der angegebenen Reihenfolge durchgeführt werden. Es ist so wie bei einem Auto. Zuerst muss man in richtiger Weise wissen, dass und wo man einen Zündschlüssel einzustecken hat (1. Übung), dann muss man ihn umdrehen, um zu starten (2. Übung), und dann möglichst diszipliniert fahren (3. Übung), wenn es nicht fortlaufend zu Unfällen kommen soll.
Mit der vierten Übung verlässt man das eigentlich Seelische und dringt in ein Gebiet vor, welches man auch den Gewohnheiten- oder Gesinnungsleib nennen kann. Positivität ist nämlich ihrer Art nach schon eine Haltung, während die drei vorigen Aspekte von Denken, Wollen und Fühlen eher unmittelbare Betätigungen sind.
Mit der fünften Übung schließlich dringt man bis in seine äußere Inkarnation vor. Jeweils von der Haltung oder Gesinnung, die man zunächst erworben hat, wird es in der Folge abhängen, wie gelassen oder vertrauensvoll man sich im äußeren Leben ausdrücken und verwirklichen kann. Mit anderen Worten: Die Übungen und Prinzipien bewirken, dass sich die Substanz des Ur-Ichs nach und nach im Persönlichkeits-Ich Ausdruck verschafft oder man immer weiter auf dem Weg vom Nicht-Ich (Persönlichkeit) zu Ich (Ur-Ich) vorankommt:
zunächst seelisch oder im Astralleib,
Beim Üben wird es dem Einzelnen allmählich zum Erlebnis, wie real diese Mitte seines Wesens mit dem Ur-Ich als Zentrum ist. Und dieses Erlebnis ist ein ganz spezifisches. Ich werde das in einem Satz ausdrücken, bitte aber zugleich darum, diesen Satz sehr genau zu lesen, damit nicht eine falsche Auffassung von dem entstehe, was er besagen will:
Ich werde umso mehr Mensch, je mehr das göttliche Ur-Ich im Zentrum meines Wesens sich zur Substanz meiner irdischen Persönlichkeit verwandeln kann. Aber ich selbst gelange niemals zur völligen Identität mit diesem Ur-Ich, solange Evolution noch möglich ist, ich kann immer nur auf dem Weg zu ihm hin sein.
Ich trage das Ur-Ich in mir;
Was bedeutet aber die Formulierung "Es und ich sind eines Wesens" sonst noch? So wie ich als Persönlichkeit - wie oben schon angedeutet - auf meine Freiheit angewiesen bin, so wird dieses Ur-Ich diese Freiheit respektieren. Das Üben der Prinzipien geht eigentlich nur unter der völligen Voraussetzung der Freiheit. Ich muss mich immer wieder neu dazu entschließen, es bildet sich nicht eine Gewohnheit heraus, die mich dazu drängt. Freiheit bewirkt, dass etwas aufhört, noch automatisch zu gehen. Das ist vielleicht der Grund, weshalb die meisten Zeitgenossen auch unter Reikipraktizierenden, Anthroposophen usw. und insbesondere auch unter den "Reikimeistern" sich mit mancher Ausrede hiervon wegstehlen. Ein nicht unnamhafter Reikimeister sagte mir einmal, als ich etwas wie das hier Dargestellte mit ihm erörtern wollte: Warum soll ich so was Schweres machen, wenn ich es anderswo auch einfacher haben kann. - Gewiss, dachte ich mir, aber hat er sich auch die Frage gestellt, ob das, was er leichter haben kann, von gleicher Güte ist?
Und so wird eines hinsichtlich der Reikiprinzipien deutlich. Man muss sie strikt von der Praxis des Reikigebens und des Aktivierens von Reiki bei Menschen trennen. Die Wirkungen von Reiki als Behandlungsweise sind überpersönlicher Art. Sie wirken in Bereichen, die sich dem unmittelbaren Zugriff des Menschen entziehen. Das sind alle Bereiche, die mit Heilung und Wiederinstandsetzung physiologischer bzw. psychophysiologischer Prozesse zusammenhängen.
Mikao Usui hatte selbst schon früh erkannt, dass mit einem Gebrechen auch eine Art Haltungsdefekt verbunden ist, der beim Behandeln durch Reiki freigelegt wird. Mit anderen Worten: Eine erfolgreiche Reikibehandlung oder Aktivierung wird sogleich bewirken, dass eines Menschen Übungssoll offenbar wird. Es ist aber die Art von allem, was man als "Soll" bezeichnet, dass man da selbst ran muss, damit aus dem Soll ein Haben wird. Es ist erstaunlich, was Menschen in solchen Situationen für eine Fantasie entwickeln, wie sie sich dem entziehen können. Wie weit wären sie schon, wenn sie diese Kraft stattdessen zum Üben verwendet hätten.
Steht man vor solchen Fragen, dann muss man gewissermaßen mit einer direkten Reikibehandlung aufhören und mit dem Üben der Reikiprinzipien anfangen. Genau dadurch tut man etwas auf der Sollseite seines Lebens - denn um die Kultivierung dessen kümmert sich Reiki nicht, sondern steuert nur die Kraft bei, die man braucht. Das sollte man ohne Vorurteil klar sehen. Reiki würde sich aber heilend darum kümmern, wenn beim Üben eine Krankheitsdisposition vorübergehend einträte. Dann kümmerte es sich um die Gesundung dieser Disposition, ohne dabei zugleich das Üben zu ersetzen.
Reikibehandlungen und das Üben der Prinzipien sind komplementäre Betätigungen, die bei einem Reikipraktizierenden so zueinander gehören, wie ein Mann und eine Frau, wenn ein Kind gezeugt werden soll. Wenn ein Teil sich in Enthaltsamkeit übt, mag das für dies und das gut sein, nicht aber zum Kinderkriegen. Wenn man Reiki ausübt ohne die Übungen oder umgekehrt, so kann das für sich schöne Dinge zeitigen&
Wenn man aber Reiki praktiziert und zugleich genau so ernst die Übungen durchführt, dann - und erst dann - wird Reiki zu einer Heildisziplin, an der man selbst als Mensch aus der realen Substanz seines Ur-Ich wächst. Denn aus dem Reiki fließt die treibende Kraft zu diesem Werden, aus dem Üben der Prinzipien kommt die strukturierende Kraft. Und beides - Leben und Form - ergeben erst zusammen das, was man die fortlaufende Evolution nennen kann. Und es macht die Würde des Menschen aus, dass er selbst dabei in völliger Freiheit entscheidet, wie viel sich davon für ihn und mit ihm verwirklichen kann. Nur eines wird er niemals können: sich für ein Versäumnis entschuldigen. Ich würde überspitzt sagen: Man beginnt als Reikipraktizierender, wird vielleicht Reikilehrer, aber ein Meister wird man nur, wenn man sowohl Reiki als auch dessen Prinzipien zur täglichen Disziplin seines Lebens macht, spirituelle Linie hin, Bekanntheitsgrad her.
Wie man die Übungen praktisch angeht, bitte ich in meinem Buch »Reiki - aus der Sicht mitteleuropäischer Esoterik« nachzulesen. Hier möchte ich zum Abschluss lediglich eine Art mantrischen Spruch zu diesem Zweck anfügen, der die geistige Spiegelung dessen darstellt, was man als Mensch aus eigener Kraft mit diesen Übungen anstreben muss. Daher präsentiert er sich in der umgekehrten Reihenfolge - sozusagen aus dem immer wieder angedeuteten Ur-Ich-Mittelpunkt heraus. Man kann ihn dann so meditieren, dass seine Dynamik in einem die Neigung weckt, das Üben als so notwendig zu erleben, dass man auch damit beginnen möchte. Hier ist das Mantram:
In deiner endenlosen milden Liebe
Hast du, allgütiger Weltengrund,
von Anbeginn für mich gesorgt.
(Hier wird das fünfte Prinzip angesprochen)
Ich nehme dankbar an,
was sich als Deiner Liebe Segen
mir schenkt in unermesslich reicher Fülle.
(Hier wird das vierte Prinzip angesprochen)
Aus dieser Fülle schöpfe ich die Kraft,
Des Sturmes Brausen zu bezähmen,
Des Wassers Wogen zu befrieden,
(die Astralwinde (Ärger) zu bändigen. Wasser (Stimmungen) zu befrieden,
Wirkungen auf den Ätherleib glätten. Hier wird das dritte Reikiprinzip geübt)
Wenn ich entschlossen durch mich wirke (zweites Reikiprinzip Initiative -Vorsatz)
Was sich nach rechtem Urteil mir gebeut (erstes Reikiprinzip)
zu tun aus meines Menschseins lieberfüllter Mitte.
(Alles zusammen führt zur Begegnung mit dem Christus als der Liebe in der menschlichen Mitte)
Und damit wäre zugleich auch das regelmäßige Üben aller sechs Prinzipien umrissen. Es ist das eine Art sechsten Prinzips. Rudolf Steiner wies darauf hin, dass die von ihm gegebenen Nebenübungen, zu denen wir hier jetzt auch die Reikiprinzipien hinzunehmen dürfen, in ihrer Sechsheit dazu da sind, die sechs Blütenblätter von den zwölfen des Herzchakras heranzubilden, welche die "Götter" dem Menschen auszubilden überlassen haben. Und diese Arbeit werden sie ihm - auch nicht durch Mitleid - abnehmen. Wenn jemand solch eine Ausbildung unterlässt, wird das genauso Folgen haben, wie wenn er fleißig übt, nur dass die Folgen in verschiedene Richtungen führen.
Es hängt aber an der gesunden Entwicklung des Herzchakras, zu verhindern, dass ein okkulter Weg, den man gehen möchte, in die Irre führt. Denn außerhalb des Leibes ist ein Mensch darauf angewiesen, sich mächtigen Wesenheiten anzuvertrauen, die aber auf ihn auch als Versucher wirken können. Das ist immer dann, wenn er sich ihnen ohne eine wirkliche Sachkenntnis der Grundbedingungen anvertraut. Führt er aber ernsthaft die sechs Übungen durch, dann wird er mit einer Signatur aus der Ur-Ich Mitte versehen und danach erst diesen Wesenheiten an die Hand gegeben. Durch diese Signatur ist er geschützt. Das ist die wahre Bedeutung der apokalyptischen Versiegelung der 144 000. Denn die Apokalypse ist eigentlich ein okkultes Schulungsbuch. Und wenn man die Prinzipien übt, findet man als Wirkungen irgendwann auch die apokalyptischen Bilder in seinem imaginativen Erleben wieder.
Man beginnt ja immer mit dem Üben des ersten Prinzips. Dieses steht im Zusammenhang mit dem bewussten, urteilenden Denken. Und dieses wiederum verbindet sich mit dem Kosmos über das Stirnchakra. Wer also das rechte Urteilen zu üben beginnt, um dadurch auch seine Arbeit am Herzchakra zu voranzubringen, der wird mit dem Erlangen der rechten Urteilskraft gesiegelt vor der Verführung durch geistige Wesen. Nach der Apokalypse erscheint dieses schützende Siegel, welches in dieser Urkunde "Siegel des Lammes" heißt, auf den Stirnen, also auf den hier liegenden Chakren von Menschen. Es wäre sogar das Bild für ein ordentlich ausgebildetes Stirnchakra. Interessanterweise findet bei den nicht auf diese Weise Versiegelten eine Versiegelung an den Händen statt durch jenes Tier, das sich 666 nennt. Dessen Versiegelung, die im griechischen Text als Einkratzung bezeichnet wird, blockiert die Chakren in den Händen und verhängt den magischen Zwang auf deren Träger.
Das würde aber doch bedeuten, dass die heilende Wirkung aus den Händen verloren ginge und ersetzt würde durch alle möglichen schwarzmagischen Wirkungen, von denen in der Apokalypse die Rede ist bezüglich aller, die nicht das rechte Stirnsiegel tragen.
Hieße das für Reiki, dass seine segensvolle Wirkung sehr davon abhinge, in welcher Weise man ernsthaft die Prinzipien übt, damit sie ganz zu allererst zu einer rechten Siegelung der Stirn führen?
Die Reikiprinzipien sind gleichsam ein Kelch, der die Kräfte fasst, mit denen sich das Reiki erst als wahre und gesundende Evolutionskraft dem Menschen erschließt. Aber sie erschließt sich nur, wenn sie sich als freie Tat ausdrücken kann, die ein schon Gewordenes aufgreift und so umformt, dass es in seiner Entwicklung fortschreitet.
Dies ist auch ein Sinnhintergrund des Paulusworts aus dem Galatherbrief, welches ich aus dem Griechischen in eine für die heutige Zeit etwas verständlichere Form übersetzt habe:
"Nun lebe ja keineswegs ich. Es lebt der Christus in mir. Das, was ich im Physischen als Leben trage, kann ich nur deshalb als Leben tragen, weil es seine Wirklichkeit durch den Sohn des Gottes erhält, der mich liebt und sich für mich hingibt.
Nur so würdige ich die göttliche Gnade. Denn könnte das Gesetz wirklich die Gerechtigkeit bewirken, wäre der Tod Christi völlig überflüssig gewesen.
Galather 2, 20 und 21
Es bleibt anzumerken, das dieses Golgathaopfer Christi von allen freien menschlichen Taten die "freieste" gewesen ist und hierin niemals übertroffen werden wird.
Vielleicht sei noch eine kleine persönliche Anmerkung hier erlaubt. Nachdem ich diesen Aufsatz fertig geschrieben hatte, las ich ihn einer Freundin in Deutschland am Telefon vor. Abschließend sagte sie mir, dass sie sich just im Moment des Anrufs selber mit den Nebenübungen beschäftigte und gerade ein Gedicht von Christian Morgenstern vor sich liegen hätte, welches in dichterischer Form diese fünf / sechs Übungen zum Inhalt hat. Weil es so überaus schön formuliert ist, möchte ich es als Abschluss zu meinem Aufsatz zitieren:
Christian Morgenstern
Zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
So findet er den Pfad zum Thron der Throne. |