Gottessohn - Menschensohn

19. 02. 2003 - Hergen Noordendorp

Im Neuen Testament werden zwei Bezeichnungen scheinbar gleichwertig nebeneinander für den Christus Jesus gebraucht: »Sohn des Gottes« und »Sohn des Menschen«. Beides sind in der Hermetik Fachausdrücke mit präzise umrissener Bedeutung.

Im 11. Kapitel des Johannesevangeliums wird die Auferweckungsgeschichte des Lazarus erzählt. Sie beginnt mit der Botschaft Marias von Magdala an den Christus, dass Lazarus sterbenskrank sei und der Heilung durch Jesus bedürfe. Dann fällt folgender Satz:

»Als Jesus das vernommen hatte, sagte er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode da, sondern sie soll den Gott offenbaren, damit durch diesen Akt der Sohn des Gottes zur Erscheinung komme.«

Was hat es mit solchen Auferweckungsgeschichten auf sich? Dazu soll in der Enge dieses Rahmens Folgendes dargestellt werden.

Auferweckungserzählungen sind hermetisch aufgefasst Einweihungserzählungen. Das Besondere des wahren Einweihungsaktes, dem sich zu allen Zeiten Menschen unterzogen und auch künftig unterziehen, besteht darin, den Einzuweihenden aus der reinen Sinneswahrnehmung zur Wahrnehmung des Göttlich-Geistigen der Welt zu erheben. Dazu sind entsprechende Reinigungsprozeduren zu durchlaufen, damit durch die Einweihungsprozesse selbst keine geistige Verwirrung mit nachfolgender körperlicher Korruption eintritt.

In der alten ägyptischen Zeit bis ausklingend in die Zeitenwende wurden die geistigen Wahrnehmungen mittels eigens dazu durchgeführter Tempel-Zeremonien bewirkt, die hauptsächlich darin bestanden, eine Art Vorstufe des Sterbens einzuleiten, die durch die magisch-kultischen Fähigkeiten der Priester nach dreieinhalb Tagen beendet werden konnten. Danach erwachte der Neophyt oder Einzuweihende wieder. Er war dann in der Lage, von seinen geistigen Erfahrungen zu berichten. Er hatte dasjenige Göttliche geschaut, welches das weltschöpferische Prinzip oder der Logos, das schaffende aber unaussprechliche Gotteswort war. Dieses schaffende Wort nannte man auch den Sohn - die das schaffende Wort aussprechende Gottheit den Vater oder einfach den einen Gott. Und so hatte der Neophyt während seines dreitägigen Tempelschlafes mit dem schaffenden Wort den Sohn des einen Gottes erfahren und durch die innere eigene Wesenverwandlung bei seiner Einweihung brachte er den Sohn des Gottes zur Erscheinung. Hierauf spielt der Christus hinsichtlich des Lazarus an.

Insofern der Christus von sich selbst als dem Wort oder Logos Gottes spricht, bezeichnet er sich immer als Sohn des Gottes. Als dieser will er bei der Auferweckung oder Einweihung des Lazarus wirken und deshalb sagt er:

»Damit hierdurch der Sohn des Gottes zur Erscheinung komme.«

Schlägt man hingegen das 1. Kapitel der Offenbarung auf, dann stößt man auf den Sohn des Menschen. Es heißt dort:

»Als ich mich umgewandt hatte, schaute ich sieben goldene Lampen. Und mitten unter den Lampen Einen - wie einen Sohn des Menschen.«

Es folgen dann Charakterisierungen, die Qualitäten dieses Sohnes des Menschen beschreiben. Von einer Einweihungserzählung wie beim Lazarus mit Auferweckungsvorgängen ist hier nirgendwo die Rede. Was will dieser hermetische Fachausdruck besagen?

Hier geht es nicht mehr um das, was ein Eingeweihter als den Sohn des Gottes schaut und zur Erschienung bringt, sondern um das, was das schaffende Göttliche selbst im Laufe der Menschheitsentwicklung als das innerste Gesetz des Menschen zur Entfaltung und Vollendung bringt. Bei seiner Vollendung mündet das Menschenwesen dann wieder in eine Göttlichkeit ein, die aber nun ihr Attribut wird.

»Ihr seid alle Götter«, so sagt der Christus einmal dazu im Johannesevangelium.

Diesen in der Göttlichkeit angelangten Menschen, sowie seine Imagination als Zukunftsschau nennt die Hermetik den Sohn des Menschen.

Insofern der Christus in den Evangelien von dem in Ihm selbst wirkenden Göttlichen Wort spricht, und aus dessen Wesenskraft tätig wird, bezeichnet er diesen Akt als das Offenbarmachen oder Zur-Erscheinung-Bringen des Gottessohnes. Dort wo er auf das Evolutionsergebnis für die Menschheit hinblickt, für deren Erreichung der Sohn des Gottes die Verwirklichungsvoraussetzungen bis zum Gang an das Kreuz zu erschaffen hat, redet er vom Menschensohn - und er tut es immer in dem Sinne, dass das Hervorbringen und Hinlenken des Menschenwesens zum göttlichen Ziel seiner Evolution als ein Leidensprozess aufgefasst wird. »Des Menschen Sohn hat viel zu leiden«, heißt es an verschiedensten Stellen in den Evangelien.

Wenn man als moderner Mensch mit diesen beiden hermetischen Fachausdrücken meditierend umgehen möchte, dann kann es so geschehen, dass man im inneren Aufblick zum Sohn des Gottes während der Meditation sich die Kraft schöpft, um sich innerlich für das zu begeistern und dem entgegenzustreben, was als Ideal am Ziel wahrer Menschwerdung steht: der Sohn des Menschen. Und man braucht den innerlichen Aufblick zum Gottessohn deshalb immer wieder, damit man die Stärke findet, Unrecht, Verfolgung, Enttäuschung, Schwäche, kurz alle Aspekte des Leidens auf dem Evolutionsweg zum Menschensohn hin mit unerschütterlicher und fester Aufrichtekraft durchmachen zu können. Dazu kann der folgende Spruch hilfreich sein.

Der Weg des Gottessohnes

Im Urbeginne offenbarte sich der Eine im Sohn des Gottes.
Der schuf den Menschen.
Der verwandelt den Menschen.
Der wird vollenden den Menschen.
Im Zeitenende offenbart er sich als Sohn des Menschen.

Der Weg des Menschen

Im Urbeginne wurde im Geist gezeugt der Mensch.
Der wurde geboren in die Sinneswelt.
Der lernt kennen Tod und Wiedergeburt in seinem Ich.
Der wird vollendet aus dem Gesetz seines ewigen Wesens.
Im Zeitenende kehrt er heim zu dem Einen als ein Gott.


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