Eine hermetische Eucharistiefeier.

19. 02. 2003 - Hergen Noordendorp

Es ist sicherlich die Frage erlaubt, weshalb zu den schon vorhandenen Gottesdienstformen mit Eucharistiefeier oder zu reinen Wortgottesdiensten noch eine weitere Liturgie hinzugefügt werden soll, die hier als »hermetische Eucharistiefeier« bezeichnet wird. Dazu muss zunächst auf etwas hingeblickt werden, das alle herkömmlichen Gottesdienstfeiern auszeichnet:

Es handelt sich um das Amt eines Priesters, Pfarrers, Imams oder sonst einer geistlichen Person, die vermittelnd zwischen dem Göttlichen und der Gemeinde wirksam wird.

Strukturen und Organisationen von Glaubensgemeinschaften mit dem vermittelnden Amt eines Geistlichen ordnen sich in die Richtung »von oben nach unten«, will sagen, dass ein Göttliches oben über eine geweihte oder ordinierte Person zu einer Gemeinde nach unten vermittelt wird. Verbunden hiermit sind oftmals sehr differenzierte und strikte Lehr- und Verhaltenskodices, denen sich ein Gläubiger anzubequemen hat, und deren Einhaltung die Priesterschaft oder Kaste der Geistlichen als in ihrem Recht und ihrer Pflicht liegend ansieht.

Nun zeigt die geistige Entwicklung der Menschheit, dass das menschliche Individuum immer selbständiger, also immer selbstbestimmender für seine innersten Angelegenheiten wird. Diese Entwicklung verwirklicht sich mit solchem Nachdruck, dass sie immer mehr in Gegensatz zu den Prinzipien aller herkömmlichen Glaubensgemeinschaften gerät. Was liegt dem zu Grunde?

Die Entwicklung zu geistiger Selbstständigkeit verlagert die ehemalige Blickrichtung »von oben nach unten« in eine solche, die im Zentrum der Individualität den Ausgangspunkt sucht und von dort in den Umkreis geht, also »von innen nach außen«. Hier wird das Innerste zum Höchsten und der Umkreis zu dem, was mit dem Unten der menschlichen Persönlichkeit, korrespondiert. Hier wird zunächst instinktiv, dann immer bewusster, das Erlebnis von innerer Aufrichtekraft gesucht. Aber man sucht es jetzt nicht mehr als irgendwie geartetes Göttliches »oben« oder »in den Weiten des Weltalls« oder »hinter den Sternen« usw., sondern im Kern des eigenen Wesens oder der eigenen Identität. Ein Menschenwesen, das immer selbstständiger und selbstbestimmender wird, fühlt immer größere Schwierigkeiten, wenn es seine innere Stärke an und bei Prinzipien suchen soll, die ihm von außerhalb seiner selbst verordnet werden.

Dennoch möchte solch ein Mensch etwas finden können, was ihn so sicher stärkt und erfüllt, wie es in alten Liturgien durch die Vermittlung des Priesters geschah. Und weil das Oben-Unten für ihn nicht mehr Bedeutung hat, wird er die ersehnte Stärkung im ewigen Zentrum seines Wesens selbst suchen. Das ist aber nur möglich, wenn ein Göttliches innerhalb der eigenen Ichhaftigkeit auch tatsächlich auffindbar und von diesem Ich in heiliger Erhabenheit erlebt wird.

Wenn ein Mensch einmal damit begonnen hat, Ideale und göttliche Prinzipien im Zentrum seines Eigenwesens zu suchen, dann ist die Situation da, dass hier kein Priester oder Geistlicher mehr vermittelnd tätig werden kann. Für solch einen Menschen verliert dann auch jede auf dem Prinzip »oben-unten« aufgebaute Glaubensgemeinschaft und geistliche Betreuung eine tragende Bedeutung. Jedoch verliert sich keinesfalls die Sehnsucht nach einem religiösen, evtl. auch liturgisch-kultischen Element, in dem sich ein Verkehr des Göttlichen mit dem Menschen vollziehen kann, jetzt aber »von innen nach außen«.

Die hauptsächlichste Änderung gegenüber aller etablierten Religiosität besteht darin, dass dieses Göttliche nun selbst übersinnlich während der Liturgie das Amt des Priesters übernimmt. Für die mitteleuropäische Hermetik ist dieses Göttliche die Christuswesenheit, die aus dem menschlichen Inneren heraus als Priester geistig und völlig autonom handelt getreu dem Pauluswort:

»So aber bin nicht ich es, sondern der Christus in mir.«

Nach hermetischer Auffassung kann der Christus* als dasjenige göttliche Wesen erlebt werden, das gemäß diesem Pauluswort als das innerste, erhabenste Göttliche in jedem individuellen Menschen-Ich auffindbar wird, wenn dieses Ich nach ihm sucht. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Mensch mit Christus identisch sei. Aber man hat es doch so zu denken, dass das einzelne menschliche Ich so zum Christus steht, wie der Regentropfen zum Ozean. Beide haben dieselbe Substanz, aber der Ozean ist alle Wassertropfen in eins und zugleich mehr als ihre bloße Summe.

Mit dem Christus in sich, kann jeder Mensch, der zu solch einer inneren Findung gelangt, dann in immer wieder neu sich bildende Gemeinschaften mit anderen gleichgesinnten Menschen eintreten und liturgisch-kultische Feiern vollziehen. Diese können so viele Formen annehmen, als sich Menschen jeweils zusammenfinden, um ihr religiöses Bedürfnis zu verwirklichen.

Die hier inrede stehende hermetische Eucharistiefeier ist eine dieser möglichen Formen und wird seit geraumer Zeit von verschiedenen Menschen vollzogen. Sie steht jedem offen, der für sich selbst etwas Berechtigtes in ihr sehen zu können glaubt und sie deshalb mitvollziehen möchte. Diese Eucharistiefeier hat weder Namen noch eine kirchliche Organisation.

Sie vollzieht sich durch eine viergegliederte Liturgie hindurch, die auf den Urprinzipien kultischer Formen aufbaut: der Verkündigung, Darbringung der Gaben, Wandlung und Vereinigung. Menschen, die diese Feier bisher ausgeübt haben, taten das vielfach zusammen mit Verstorbenen, zu denen sie ein Verhältnis haben, indem sie diese als anwesend erlebten.

*zur Verständigung sei gesagt, dass mit Christus hier nicht der Jesus von Nazareth gemeint ist, sondern jene Wesenheit, die bei der Taufe dieses Jesus von Nazareth als überirdisches Wesen sich an die Stelle des bis dahin verkörperten Jesus-Ich setzte und als in diesem Augenblick neu geborene Gesamtwesenheit dann etwa drei Jahre auf der Erde bis zum Kreuzestod und der Auferstehung lebte und wirkte.

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