Warum brauchen wir authentische Imaginationen in der Karmaforschung?

von Jostein Sæther

Imagination ist wichtiger als alles Wissen.
Albert Einstein

Sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft ist eine qualifizierte Leistung zunächst vom einzelnen Künstler oder Wissenschaftler abhängig, der damit etwas Neues hervorbringt. Dass möglicherweise weitere Menschen am Zustandekommen seines Produktes mitbeteiligt gewesen sind, seine Kunst genießen oder aus seiner Forschung Nutzen ziehen, ändert nichts an dieser Tatsache. Seine Werke und Erkenntnisse sind in erster Linie ein Erzeugnis ganz individueller Art. Für die Entwicklung künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens ist ein gesellschaftlicher Austausch zwischen dem autonomen Erschaffer mit dessen daran gebundenen Erlebnissen und den Erfahrungen Anderer unentbehrlich. Dabei ist es in künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen Konsens, dass diejenigen, die sich an einem Diskurs über ein bestimmtes Werk oder eine bestimmte Forschung beteiligen, selber fachliche Kompetenz besitzen müssen, damit ein zur Diskussion stehendes Thema sachgerecht behandelt werden könne.

Dass Forschungsgespräche über die Art geführt werden, wie jemand zu geistigen Erkenntnissen durch eigene übersinnliche Erlebnisse und seelisch-geistige Fertigkeiten kommt, ist hingegen nicht in gleicher Weise selbstverständlich, weil auf geistigem Feld die Teilnehmer noch mehr als auf sinnlichem in ihren individuellen Ansätzen herausgefordert sind. So kann ich nur meine ungeteilte Freude darüber ausdrücken, dass Dr. Andreas Heertsch zu einem öffentlichen Forum über geistige Erfahrungen eingeladen hat. In diesem Sinne möchte ich meinem Wunsch und meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass solche Menschen daran teilnehmen werden, die in der Lage sind, durch ihre Authentizität im Meditativen und im seelisch-geistig Erlebten dazu beizutragen, dass neue geistige Forschungen und Erkenntnisse ans Licht kommen und dadurch eine überzeugende Anregung zu eigenständiger Geistesforschung entstehe.

Ich bin der Auffassung, dass eine neue Geistesforschung aus meditativen Quellen entwickelt werden kann, wenn alle Stufen des Suchens und Auffindens von Ergebnissen beschrieben werden. Es darf geschildert werden, was gefunden worden ist, wie es gefunden wurde, was die Entdeckung bewirkt hat und warum erforscht wurde. Die Umstände und Bedingungen, welche für das Zustandekommen eines Forschungsergebnisses auf geistigem Felde maßgebend waren, sollten sorgfältig beschrieben werden, damit ein Konsens über die aktuelle Geistesforschung erreicht werden kann, was überdies auch deutlich machen würde, warum es wichtig ist, sich auszutauschen.

Der empirische Charakter des geistigen Forschens

Meine Versuche mit Karmaübungen und Meditationen während 30 Jahren waren stets an den Eindrücken und Erlebnissen aus den übenden Verrichtungen orientiert. Ich habe mir immer eine präzise Absicht entwickelt. Konkrete Fragen und Problemstellungen in Verbindung mit der Natur oder sozialen und historischen Themen waren als Ausgangspunkt des Übens vorhanden. Es ist mir beim Üben klar geworden, dass jeder Versuch, das Sinnesleben für eine Weile auszuschließen, ein abenteuerliches Experiment ist. Jedoch vermag diese Empirie im individuellen Ausführen denjenigen Anforderungen Genüge zu tun, welchen sich der Geistesschüler unterziehen muss, damit er in einem fortgesetzten Arbeitsprozess unbefangen und undogmatisch verbleibt. Deshalb kann jedes Ergebnis, das durch höheres Bewusstsein möglicherweise zustande kommt, nach diesem Verfahren ergänzt und erweitert, nötigenfalls auch modifiziert oder korrigiert werden. So wird ein errungener Fortschritt, welchen man sich zunächst selbst zuschreiben darf, zur Grundlage für weitere Experimente werden können.

Um den wissenschaftlichen Charakter des übersinnlichen Übens zu garantieren, falls man das wünscht, muss man seinen Weg, seine Methodik und die Umstände des Erkenntnisvorgangs im Rückblick anschauen und von immer neuen Seiten charakterisieren können. Ferner darf man nicht die Mitteilung scheuen, damit andere Forscher das Ergebnis nachvollziehen oder überprüfen können. Nachdem ich bestimmte imaginative Erfahrungen vor mehreren Jahren machen konnte und in der Folge eine vielfältige Arbeit mit Menschen begann, bin ich nun zu der Überzeugung gekommen, dass insbesondere der persönliche Bericht meine Zuhörer oder Leser so anzusprechen vermochte, dass sie eine Art Scheu vor der geistigen Welt oder ein mangelndes Selbstvertrauen überwinden konnten. Nicht nur ein allgemeiner Hinweis auf geistige Gegebenheiten oder Gesetze, sondern meine unmittelbare individuelle Auseinandersetzung damit - in Sprache übersetzt - schaffte oftmals erst die nötige Grundlage dafür, dass andere damit etwas Konkretes anfangen konnten. Die Schwierigkeit und die Aufgabe besteht allerdings darin, das geistig Erlebte und Erforschte durch bekannte oder neue Bilder, Darstellungen und Begriffe so zu interpretieren, zu kommentieren und zu charakterisieren, dass man sich wiederum allgemein darüber verständigen kann.

Mir ist es so ergangen, dass die Karmaforschung und das Erforschen von übersinnlichen Tatsachen nicht nur inhaltliches Wissen gebracht haben. Die Erkenntnisse als Folge der meditativen Betätigung haben auch eine solch bejahende und gestaltende Wirkung auf meine Seele gehabt, dass ich quasi vor mir selbst ein anderer Mensch geworden bin. Insbesondere ist es aber wichtig, darauf zu achten, eine geistige Arbeit so durchzuführen, dass sie sich in einen sozialen Kontext einfügen kann. Der geistig Forschende möchte mit seinen Bemühungen und Resultaten nicht alleine gelassen sein. Daher strebt er mit anderen einen Kontakt an, um Austausch und Vergleich zu finden.

Anhand eines Beispiels, das ich schildern möchte, soll einer meiner Forschungsansätze und meine Vorgehensart veranschaulicht werden, die sich an definierten Aufgabenstellungen und konkreten Situationen orientieren. Es geht in diesem besonderen Fall um die Karmawirkung zwischen zwei Individualitäten, deren Spuren ich rückwärts in zwei früheren Inkarnationen gesucht habe.

Dokumentation eines Karmaforschungsversuchs

In den 70er Jahren arbeitete ich einige Jahre in der Heilpädagogik in Norwegen. In einem Heim für seelenpflegebedürftige Jugendliche und Erwachsene hatte ich mit einem jüngeren, noch nicht erwachsenen Mann zu tun, der seit Geburt an einer so genannten cerebralen Parese litt, eine Behinderung, die auch seine Bewegungs- und Gehfähigkeit stark beeinträchtigte. Einige Jahre später, nachdem ich nicht mehr dort arbeitete, hörte ich von seinem überraschenden Tod. Es wurden mir von mehreren Personen, die ihn an seinem Sterbetag betreut hatten, genau die Umstände des tragischen Vorfalls berichtet. Nach einer zweiwöchentlichen Schwimmepoche war er nicht mit der ganzen Gruppe zum Duschen erschienen. Niemand hatte ihn zunächst vermisst. Er war ein guter Schwimmer und soweit selbständig, dass er es stets alleine schaffte, das Schwimmbecken zu verlassen. Schließlich wurde er im Wasser ertrunken aufgefunden. Nur wenige Minuten waren vergangen, seit man ihn zuletzt beim Schwimmen gesehen hatte. Ein sofort eingesetzter Wiederbelebungsversuch blieb wirkungslos.

Als ich über ein Jahrzehnt später in Karmaübungen, biographische und karmische Zusammenhänge aus diesem Menschenumkreis zu untersuchen begonnen hatte und mich seit einigen Wochen besonders mit diesem jungen Mann befasste, dem ich hier das Pseudonym Gernot gebe, kam in einer Meditation von einer verstorbenen Mitarbeiterin, hier Algot genannt, ein überraschender Hinweis dazu, wie ich bei der karmischen Erforschung der Krankheit und des Todesfalls von Gernot vorgehen sollte. Die Verstorbene drückte aus, dass in der Erforschung ein anderer Junge, hier Robert genannt, der damals auch im Heim lebte, aber später den Wohnort wechselte, miteinbezogenen werden müsste, ohne den ich überhaupt nicht vorwärts kommen würde.

War Gernot eher ein sozialer Typ, der gerne Geschichten hörte, zog sich Robert öfters zurück, um allein zu sein und handwerkliche Hobbys zu pflegen. Kehrte Gernot eine Art profilierten Hitzkopf heraus, lebte sich Robert in Rastlosigkeit und aufbrausendem Temperament dar. Algot war eine Mitgründerin des Heims gewesen, und sie hatte das Geschick, mit den beiden jungen Leuten in der Webstube in geistig angemessener Weise umgehen zu können. Ich folgte nun ihrem Rat, und in einer Meditation ergaben sich zwei Imaginationsstränge. Ich berichte zunächst die geschauten Inhalte in Präsensform, um die beobachteten Umstände unmittelbar wiederzugeben, und werde anschließend die Art des Zustandekommens der Bilder und ihrer Beziehung zur Gegenwart näher zu erläutern versuchen, um dem Leser einen Einblick in den Ablauf der ganzen Methode zu geben:

Ich bin anwesend in einem schlichten Zimmer mit fest gestampftem Erdboden, in welchem ein Mann alleine arbeitet. Mir ist klar, dass ich nur in der Schau bin, was bedeutet, dass ich mich selbst in diesem damaligen Moment nicht dort aufgehalten habe. Das Zimmer ist eine Art Küchenraum. Links an der Wand steht ein gemauerter Herd, auf dem sich ein großer Kessel mit Griffen und kochendem Wasser befindet. Der Mann erscheint hoch aufgeschossen und kräftig. In ihm schaue ich eine Inkarnation des Gernot. Er hat eine Schürze und Hosen an, aber kein Hemd, weswegen seine kräftigen Arme sichtbar sind. Er hat gerade die Absicht, den Kessel hochzuheben. Er will mit dem heißen Wasser zum Hof hinausgehen, um dort seine Verrichtungen fortzuführen. Links in der Stube, gegenüber dem Ofen, befindet sich die Holztür, die nach außen führt. Es wird mir klar, dass der Raum Teil eines größeren Anwesens ist, das einem italienischen Edelmann gehört, der damals eine Inkarnation von Algot gewesen ist. Ich erkenne ebenfalls, dass ich selbst den vorliegenden Ort bei Lodi in der Lombardei in dieser Epoche schon aus einer eigenen damaligen Inkarnation gut kenne.

In dem Moment als Gernot den Kessel hochhebt, kommt durch die geöffnete Tür ein kleinerer Mann sprechend und mit den Armen gestikulierend hinein gerannt. Ich weiß, es handelt sich um den späteren Robert. Der Große nimmt ihn wahr und bleibt mit dem Kessel neben dem Ofen in meiner Blickrichtung breitbeinig stehen. Der Kleine wirkt merklich erregt, läuft hin zum Ersteren und übermittelt ihm eine Nachricht, von der er meint, dass sie der andere unbedingt wissen sollte. Der Große will aber seine Arbeit zu Ende bringen, auch weil der Wasserbehälter ziemlich schwer zu tragen ist. Er ärgert sich und wendet sich zur Tür. Dabei schwappt etwas heißes Wasser aus dem Topf, wovon etwas den kleinen Kerl trifft. Dieser macht unwillkürlich eine Handbewegung nach oben hin, mit welcher er gegen den Unterarm des andern stößt. Der Große kann dadurch den Kessel nicht mehr halten. Dieser entgleitet seinem Griff, und das kochende Wasser ergießt sich über den kleinen Mann, sodass dieser furchtbare Verbrennungen erleidet.

Nach der Schau dieses Geschehen klingt die Imagination aus, aber einige Informationen des weiteren Ablaufs tauchen dabei noch auf. Der Kleine erhält schwere Verbrennungen im Gesicht und am Körper, sodass er für sein Leben stark behindert wird und nur mit Mühe seine Arbeit als Bauer weiter ausüben kann. Für den Großen bewirkt der Unfall, dass er sich bemühen muss, seinen Stolz zu beherrschen, um sich später mit dem Verletzten auszusöhnen. Es ergibt sich der Hinweis, dass er sich danach im damaligen Leben um den Unterhalt und die Pflege des Freundes kümmert. In einer Ruhepause der Meditation fragte ich mich, ob das geschaute Ereignis, das ich ins Mittelalter rückdatieren musste, einen vorhergehenden karmischen Anstoß gehabt hätte. - Diese Fragestellung führte zu den weiteren Imaginationsbildern.

Ich schaue nochmals als geistig Anwesender. Was ich sehe, könnte in der Römerzeit sein. In einer offenen Landschaft plätschert mir auf der rechten Seite ein kleiner Fluss entgegen. Weiter links liegt ein Dorf oder eine kleine Stadt, die aber nicht von meinem Standpunkt aus zu sehen ist. Von dort ist eine mollige, in mittlerem Alter stehende Frau zum Fluss gekommen, um ihre Wäsche zu waschen. Ich erkenne in ihr Robert. Der Wäschekorb steht neben der knienden Frau. Sie bewegt ein Wäschestück im frischen, kalten Wasser hin und her. Ich habe den Eindruck, dass sie es sehr schätzt, alleine hierher zu kommen, um eine Weile diese wichtige Arbeit in Ruhe zu machen, und auch, um ungestört ihren eigenen Empfindungen nachgehen zu können, etwas, das ihr nur schwer bei der großen Betriebsamkeit zu Hause gelingt.

Dann naht von links eine jüngere, hagere Frau mit ihrem Wäschekorb. Es ist wiederum klar, dass die beiden sich kennen, weil ihr die Jüngere einen Gruß zuruft. Wegen des rauschenden Wassers und des Versunkenseins in ihr Tun hört die Ältere die Stimme der Nachbarin nicht. Sie bemerkt zuerst überhaupt nicht, dass jemand gekommen ist. Die Jüngere stellt ihren Korb ab und klatscht mit ihrer Handfläche der Älteren auf die linke Schulter. Diese dreht sich überrascht um, versucht, sich aufzurichten, verliert aber die Balance und fällt wild gestikulierend ins Wasser. Die Strömung ist stark. Der Frau gelingt es nicht, sich schwimmend über Wasser zu halten - vielleicht konnte sie auch nicht schwimmen. Sie ertrinkt, ohne dass die jüngere Frau sie retten kann. Diese rennt ins Dorf zurück, um aufgeregt das Unglück zu berichten. - Was im letzten Satz ausgedrückt ist, stellte sich nicht als bildhafte Imagination dar, sondern erfolgte als wissender Eindruck im Erklingen der Bilderfolge.

Zum Umgang mit dem Imaginativen

Zu diesem beschriebenen Fall können eine Reihe von Fragen gestellt werden und weitere Charakterisierungen des Forschungsablaufes und dessen Hintergründe können gegeben werden. Ich werde einige davon vornehmen und so in Worte kleiden, dass der Sachverhalt einer solchen Karmaforschung nachvollziehbar werden kann.

Im Jahre 1975 lernte ich die Heilpädagogin Algot und den Betreuten Robert kennen. Etwa ein Jahr später kam die Betreuung des Gernot hinzu. Die Pflege der beiden Jugendlichen ging bis 1978. Zwei Jahre später starb Algot und gegen Mitte der 80er Jahre verschied Gernot. Im Herbst 1996 vollzog ich die Forschungen, die zu den beschriebenen Imaginationen führten. Im Heim gab es in den Jahren dazwischen immer wieder Projekte, die mit Farbgestaltung zu tun hatten. Daher hatte ich mit den dortigen Mitarbeitern und Betreuten immer wieder zu tun. Das wurde mir zum Anlass, um aus diesen Beziehungen einen meditativ-karmischen Arbeitsansatz zu entwickeln.

Hierfür waren die Erfahrungen mit den Menschen in der Heilpädagogik und der Sozialtherapie von wesentlicher Bedeutung. So wurde auch der Blick für Besonderheiten im menschlichen Zusammenleben entsprechend geschärft. Aus diesen Erlebnissen entstanden damals schon einige Fragen, die später aufgegriffen werden konnten.

* Aus welchen früheren Ereignissen sind die Beziehungen zwischen Betreuten und ihrer Betreuerin entstanden?
* Welche Bedingungen führen Menschen mit solchen Behinderungen zusammen?
* Welche karmischen Voraussetzungen liegen dieser besonderen Krankheit der cerebralen Verkrampftheit zu Grunde?
* Was liegt karmisch bei Hysterie vor?
* Aus welchem Karma neigen einige dazu, immer alleine sein zu wollen, während andere die Einsamkeit fürchten?

Meine ehemalige harmonische Beziehung zu Algot schaffte für die spätere meditative Tätigkeit die Grundlage. Ich empfand es als stimmig, sowohl unser gemeinsames Karma erforschen zu wollen, als auch Algot in ihrer gegenwärtigen geistigen Präsenz aufzusuchen. So kam ich, bevor ich mich an die Erforschung der beiden Betreuten machte, unter anderem auch zu Ergebnissen aus dem 12. Jahrhundert, die uns beide betrafen, hier aber nicht geschildert werden sollen. Nun ist es sicherlich gerechtfertigt zu fragen:

* Wieso konnte ich wissen, dass sie die Verstorbene war, die sich mir in der Meditation ankündigte und mir den Hinweis zu weiterem Forschen gab?
* Warum habe ich die geschauten Gestalten als zu den zwei Betreuten gehörend erlebt?
* Welche Kriterien gibt es, dass es zu einer Identifikation überhaupt kommen kann?
* Wie ist es möglich, zeitliche Daten und geographische Ortschaften zu identifizieren?

Ähnlich wie ich im künstlerischen Schaffen als Maler entdeckt hatte, dass ein Bild sich allmählich durch einen Strom aus fortlaufenden, anschaulichen Entstehungsschritten gestaltet, war mir klar geworden, dass ich auch in der Meditation auf das prozessuale Entstehen von Empfindungen und Bildern setzen konnte. Das heißt, der Weg in der Karmaübung oder Karmameditation geht von bekannten, sinnlichen Gegebenheiten aus, die in einer zusammenfassenden Schau erinnert werden können und über Wahrnehmungen im Fühlen. Das führt zu genauen und manchmal überaus klaren, bildhaften Gestaltungen in den Imaginationen, die eine Informationsaura um sich tragen, welche immerfort durch das Denken hinterfragt werden kann. Ein Urvertrauen in die Möglichkeiten des Ichs, sich willentlich in der Meditation in alle Richtungen orientieren und besinnen zu können, zieht imaginative Informationen an. Die Fähigkeit des Ichs, sich ohne Angst und unmittelbar von allen Innhalten, Gegebenheiten und auftretenden Wesen berühren zu lassen und sich mit ihnen verbinden zu wollen, trägt schließlich das hellsehende Ich auf die Bewusstseinsstufe der Intuition. Die individuelle Integrationsfähigkeit in der Meditation bewirkt für das Erkennen die Evidenz bei der Identifikation der Eindrücke.

Die Inspiration von Algot, Robert mit einzubeziehen, erschien hingegen durch kein imaginatives Bild. Dafür erklang eine innere Stimme im Denkvorgang meiner Seele genau so handfest, wie ich erlebt hatte, wie Algot mit einem Webstuhl umgehen konnte. Der große Mann mit dem Wasserkessel stand mit einer Entschlossenheit an der Feuerstelle, wie ich sie bei Gernot erlebt hatte, wenn er sich nach einem Sturz am Kiesweg wieder brummend aufrichtete. Die Freudigkeit der hageren Frau, als sie die ältere Waschfrau sah, fand ich auch in der Art wieder, wie Gernot seine Anwesenheit im Kreis der anderen stets fröhlich jauchzend kundtat. Der kleine Bauer mit der wichtigen Nachricht war unmissverständlich von einem Eifer gefüllt, der Roberts Arbeitslust entsprach, und das Versinkenkönnen in die eigenen Gedanken stimmte überein mit Roberts Ambitionen.

Imaginationen wie diese verfügen über eine Datenfülle, deren innerer Bezug nur aufwendig beschrieben werden kann. Das heißt, man spürt, dass Inspiration und Intuition schon in ihr enthalten sind. Für ihre Entschlüsselung jedoch muss das erforschende Ich dafür erwachen. Ich habe manchmal den Eindruck gehabt, dass, wenn meine Fähigkeiten entwickelter wären, ich unaufhörlich eine Fülle weiterer Hinweise aufnehmen könnte. Viele Anhaltspunkte in den erinnerten und erschauten Ereignissen haben gewisse äußerliche Ähnlichkeiten, aber andere Motive wiederum passen überhaupt nicht in ihrer Erscheinungsform dazu. Die imaginativ auftretenden Gestalten in diesem Beispiel hatten mit den gegenwärtigen Personen äußerlich nicht vieles gemeinsam. Würde man nur durch äußerlich auffallende Merkmale eine Identifikation vornehmen wollen, wäre man hier beinahe verloren. Nur dadurch, dass ein innerer Evidenzprozess, der sich wie musikalisch, poetisch oder atmosphärisch - also unsichtbar, aber trotzdem genau erkennbar - durch den rein imaginativen Bildraum hindurch kundtut, kommt man dazu, in solcher Art eine Identifikation denken zu können.

Das bedeutet, dass sich hier die der Imagination folgende Stufe der Inspiration ankündigt, wobei beide Stufen sich auch durchdringen können. So erscheint ein qualitativ gleiches Element in den einzelnen Inkarnationen einer Individualität in verschiedener äußerlicher Ausprägung und Gestaltung. Ein Wiedererkennen der dahinter verborgenen Individualität, die sich mit ihnen gleichsam unterschiedlich einkleidet, kann stattfinden, wenn der Forschende sich darin übt, eine solche Qualität aus dem Erscheinungsbild der imaginativen Wahrnehmung herauslösen und auf diese Weise die qualitative Grundformung des Bildes aufspüren zu können. Es gilt, die verschiedenen Darstellungen der Inkarnationen einer Individualität im Zeitenstrom auf ihre gemeinsam dem Erscheinenden zu Grunde liegenden Faktoren zu untersuchen, also auf solche Qualitäten, die dann inspirativ erkennen lassen, dass sich eine gleichbleibende Wesensartung durch eine imaginative Erscheinung hindurch ausspricht. Dies ist ein Erkenntnisvorgang auf inspirativer Ebene, den das in meditativer Versenkung forschende Ich zugleich mit der Wahrnehmung einer Imagination leisten kann. Doch ist es auch möglich, dass ein zunächst nur imaginativ Erlebtes anschließend im Normalbewusstsein weiter so durchdrungen wird, dass eine inspirative Erkenntnis - wie eine Oase in der Wüste - aufgefunden werden kann.

Erstaunlich durchgängig an unserem Beispiel ist das Motiv des Wassers, das hier als qualitatives Element erscheint und sogar in den Inkarnationen verschiedener Individualitäten auftritt. Es gibt in der heutigen Inkarnation eine Schwimmhalle, zudem liegt das Heim auf einem Strandgrundstück an einem Fjord. Gernot ist ertrunken. Damals hat das kochende Wasser dem kleinen Mann/Robert die Verbrennungen zugefügt und in einer weiteren Inkarnation starb die mollige Frau/Robert im Fluss. In seiner Behinderung zeigte Gernot ähnliche Anzeichen, wie sie die Folgen der Verbrennung waren, welche die andere Individualität im Mittelalter wegen ihres Handelns bekommen hatte. Diesmal ertrank Gernot. In der Römerzeit wurde er dadurch schuldig, dass die andere Person ertrank. Könnte es sein, dass die beiden Individualitäten, sowie ihre heutige Betreuerin eine besondere Affinität zum Element des Wassers haben? Algot liebte beispielsweise das Aquarellmalen und übte es als Hobby aus. Wie würde sich das Wasserelement in ihren weiteren Inkarnationen bemerkbar gemacht haben? Wie ist schließlich die Beziehung des Forschers selbst zu diesem Element? Solche Fragen begleiten das Forschen und machen die Karmaforschung zu einer begeisternden Tätigkeit.

Ein Begleitphänomen des imaginativen Schauens, welches dieses nachher als wirklichkeitsgemäß offenbart, besteht oftmals darin, dass die Bilder und Informationen zum Staunen Anlass geben. Man ist dann zunächst völlig überrascht, dass sich genau ein solcher Zusammenhang vor dem inneren Blick entfaltet. Doch gleichzeitig mit dem Sich-Verwundern kann eine klare Einsicht in die Tatsächlichkeit des Vorganges und die Empfindung entstehen, sodass man sich in einem echten Mitfühlen mit dem Wesenhaften des Erschauten verbinden möchte. Die Meditation wird als ein Tun empfunden, das eine gute Auswirkung auf die erschaute Individualität haben könnte. Dieser Vorgang stößt an das eigene Gewissen, sodass der Wunsch entsteht, mit den Erkenntnissen, die aus dem Erschauten gewonnen werden können, im Alltag nun so umgehen zu wollen, dass sich Fruchtbares daraus entfalten möge. In diesem zutiefst moralischen oder tugendhaften seelischen Umgang mit den Ergebnissen der Meditation liegt die Grundlage, um zum Intuitionsbewusstsein voranzudringen.

Perspektiven der Karmaforschung

In der weiteren Beschäftigung mit der Individualität des Gernot fand ich noch Inkarnationshinweise für ein Leben zwischen Mittelalter und heutiger Zeit, das seinem annähernd aristokratisch anmutenden Auftreten einen geschichtlichen Hintergrund gab. Eine Auswirkung des Versuchs, diese Individualität zu verstehen, war also, dass ich mich fragte, was er sich in der vorliegenden letzten Inkarnation durch seine Krankheit und durch seine dadurch bedingten Lebenserfahrungen aneignen wollte?

Durch solche karmischen Ergebnisse bekam ich die Überzeugung, dass heutzutage jeder Mensch mit einer solchen Haltung in das Leben kommt, welche die Seele mit einer Sehnsucht ausstattet, die karmischen Hintergründe aufrollen zu wollen. Also fragte ich mich, was bedeutete es für Gernot, in einer Lebensgemeinschaft sein zu müssen, in der zunächst seine karmischen Hintergründe nicht so untersucht wurden, dass konkrete Ergebnisse auftraten? Ich bekam im Nachhinein den Eindruck, dass er vor den Betreuern seine Krankheit noch schärfer hingestellt hatte, als vielleicht nötig war, so, als wollte er ganz deutlich aufzeigen, was zu alldem geführt hatte. Es bleibt eine offene Frage, welche Wirkung konkrete karmische Bilder und Erkenntnisse, wie die oben beschriebenen, für die pädagogischen und therapeutischen Dienstleistungen haben würden, wenn Karmaforschung in einer Arbeitsgemeinschaft mit Betreuten ernsthaft zur Tagesordnung gehörte?

Eine andere Wirkung der geschauten Verknüpfungen war, dass mein Blick für seltsame Verknüpfungen zwischen Menschen im Leben schärfer wurde, dass eine Aufmerksamkeit für bestimmte biographische Zusammenhänge entstand, sodass ich eine Bereitschaft entwickelte, mich auf Dauerbeobachtungen einzulassen, um mich selber oder die entsprechenden Menschen, wenn ich sie offen für Spirituelles fand, dazu anzuregen, mit Fragen über das Schicksal umzugehen. Solche Gespräche bewirkten dann manchmal eine Öffnung für Neues oder eine Überwindung von alten, einschränkenden Vorstellungen über das Leben oder über Reinkarnation und Karma. Gleichzeitig aber musste ich Zurückhaltung üben, damit Menschen, die mit solchen konkreten Beispielen nicht umzugehen wussten, keiner unnötigen Belastung ausgesetzt wären.

Eine der wichtigsten Wirkungen der Karmaforschung war für mich und für viele Menschen, die sich meiner Arbeitsweise anschließen konnten, dass sich für das Wesenhafte des Geistigen eine direkte Beziehung entwickelte. Tief sitzenden Befürchtungen und der Angst vor der Mächtigkeit der geistigen Welt und der Unmissverständlichkeit der Wahrheit konnte in neuer Art entgegengetreten werden. Die Vorbehaltlosigkeit und angeborene Ehrlichkeit eines Kindes wurden auf individueller Ich-Stufe neu errungen durch Überschreiten der Schranken von Geburt und Tod im eigenen Denken.

Die in den letzten Jahren in vielen anthroposophischen Zeitschriften und Podiumsgesprächen diskutierten Zweifel an der Echtheit von inneren Bildern kann nur überwunden werden, wenn man selber ernsthaft an eigene imaginative Erlebnisse herantritt. Der uralte Bilderstreit scheint weitergehen zu wollen. Denn oftmals wird das Denken in Begriffen und Ideen als unversöhnlicher Gegensatz zu einer Methodik aufgefasst, die den Umgang mit imaginativen Bildern schulen möchte. Und es entstehen vielfach Ängste und Sorgen, es könnte sich hierbei nur um ein atavistisches Hellsehen handeln. Es würde den Rahmen des hier Dargestellten bei weitem übersteigen, auch nur annähernd auf diese sich vermeintlich ausschließenden Gegensätze einzugehen. Jedoch möchte ich meinem Standpunkt explizit Ausdruck geben, dass ich gerade in einem klaren und disziplinierten Denken in lebendigen Begriffen und Ideen eine notwendige Unterstützung dafür sehe, im Bereich des bildhaften und imaginativen Seelenerlebens Orientierungsebenen zu schaffen, in denen das Ich sich verankern und auf denen es eine Stärkung finden kann.

Ein Orientierungslauf in meditativen Gebieten, der zum Ziel die Karma-Erkenntnis hat, wird einem selbst die Stationen zur Auffindung der Kriterien geben, mit denen Illusion und Wirklichkeit auseinander gehalten werden können. Eine Imagination ist eine freie und neutrale Tat im lebendigen Denken, das mit dem Schwung des Fühlens und der Wärme des Wollens die Erkenntnis entzündet. Karma darf aus dem Dunkel und der Unsichtbarkeit der Vergangenheit als imaginatives Ergebnis dieser Tat treten. Denn Karma-Erkenntnis stärkt das Selbstvertrauen, bildet Empathie aus, entwickelt ein umfangreiches Bewusstsein über Karmawirken und frühere Erdenleben, schafft ein Interesse für übersinnliche Wesen und spirituelle Wahrheiten und weckt den Mut zu versöhnlichem Handeln in einer oft rücksichtlosen Welt.

Juni 2003.

Jostein Sæther, geb. 1954 in Sunndal/ Norwegen, Studien in Anthroposophie, Waldorfpädagogik, Malerei, Kunsttheorie und Geschichte. 1979 Mitbegründer der Künstlergemeinschaft "Skilleby Ateljé" in Järna/Schweden. Bis 1995 darin tätig als bildender Künstler, Messe- und Ausstellungsdesigner und Farbgestalter. Wandmalereien in Kirchen, Waldorfschulen, Wohnhäusern, Altersheimen in verschiedenen Ländern. 1979-88 schriftstellerische Tätigkeit und Redaktionsmitglied der Zeitschrift "Antropos", Stockholm. 1980-95 Dozent für Malerei, Farbenlehre, Ästhetik und Bühnenbild am Rudolf Steiner-Seminar in Järna. Seit 1997 Forschungs-, Seminar- und Beratungstätigkeit zu Karmaarbeit und zu Fragen der geistigen Schulung. Lebt in Blieskastel, Saarland, und ist Vater von vier Kindern.

Buchveröffentlichung: Wandeln unter unsichtbaren Menschen. Eine karmische Autobiographie. Verlag Urachhaus, Stuttgart 1999. Die englische Übersetzung liegt bei Clairview Books vor unter dem Titel: Living with invisible people, Temple Lodge Publishing, Forest Row 2001.

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