Ouranos und Gäa

Nachdem man sich Verständnis zu den Begriffen Chaos und Kosmos im entsprechenden Artikel dieser Zeitung und von in deren Wechselbeziehung zueinander machen konnte, soll jetzt in ähnlicher Weise methodisch an den Begriff »Kosmos« herangegangen werden.

Kosmos stellt nach griechisch-gnostischer Auffassung die erschaffene Welt in ihrer Gesamtheit dar. Als äußere Begrenzung galt die Sphäre der Fixsterne mit dem Tierkreis als einer besonderen Gruppierung innerhalb dieser Ordnung. Und man stellte sich die Grenze zu dem »dahinter« beginnenden Chaos als völlig undurchdringlich vor. Wenn etwas sich darauf zu bewegte, dann musste es an der Grenze umkehren und seinen Weg wieder zurück in die Mitte des Kosmos nehmen.

Als Mittelpunkt dieses Kosmos galt die Erde, also der Planet auf dem wir Menschen auch heute leben. Um diesen Mittelpunkt herum dachte man sich das Weltall in Form von Sphären aufgebaut, etwa so, wie eine Zwiebel aus übereinandergelagerten Kugelsphären aufgebaut ist.

All diese Sphären außerhalb oder oberhalb der Erde selbst bis zu ihrer äußersten Grenze hinter den Fixsternen hießen »Ouranoi« - ouranoi  - »Himmelssphären«, wobei der Evangelist und Apokalyptiker Johannes von den Ouranoi immer in der Einzahl »ouranos« redet. Er sieht sie in ihrer Gesamtheit als den Gegensatz zur Erde selbst an, die griechisch »Gäa« - gaia  - heißt.

Ouranos ist aber in der griechischen Mythologie auch eine einzelne Gottheit, welche die übrigen Götter und Menschen mit Gäa, der Erdenmutter, zeugte. Diese spezielle Bedeutung wird von der christlichen Gnosis kaum weiter ins Auge gefasst.

Stattdessen wandte man seinen seelischen Blick in die Sphären, von denen man sieben den damals bekannten Planeten zuordnete. Diese Sphären waren diejenigen von:

    Mond - Luna - Selene - Mond
    Merkur - Mercurius - Hermes - Wotan
    Venus - Venus - Aphrodite - Freya
    Sonne - Sol - Helios - Sonn
    Mars - Mars - Ares - Ziu
    Jupiter - Jupiter - Zeus - Donar
    Saturn - Saturnus - Kronos

Die Angaben entsprechen den deutschen, lateinischen, griechischen und germanischen Bezeichnungen. In diesen Sphären waren die gleichnamigen Götter beheimatet, deren Wohnsitz auf je einem der zu den Sphären gehörenden Wandelsterne stand. Innerhalb oder unterhalb der Erde selbst nahm man eine Sphäre an, die der Grieche als Hades oder Unterwelt bezeichnete.

Diesen Gesamtkomplex aus Wandelsternen mit dem Hades innerhalb bzw. unterhalb der Erde umschließend dachte man sich die Kugelsphäre aller Fixsterne, die in einem Medium »aufgehängt« waren. Die Bezeichnung hierfür war Kristallhimmel. So ergab sich für den antiken Menschen eine Auffassung des Kosmos, die zunächst neungliedrig war: Zuoberst die Kristallsphäre als Sphäre 1, dann die sieben Sphären der Wandelsterne und schließlich die Erde bezogen auf ihre Oberfläche als eine 9. Sphäre.

In der Numerologie führte das dazu, die Ziffer Neun, also den Kosmos von den Fixsternen herab bis zur Erde, als »Alles in Allem« zu bezeichnen. Wenn man schließlich den Blick auf die Sphäre der Unterwelt richtete, dann hängte man sie als die Sphäre 10 nach unten an. Man dachte alles Dasein als aus der Sphäre 1 hervorgehend und sich bis zur Sphäre 9 herunterentwickelnd. Den Hades hingegen fasste man als Gegenpol zur hervorbringenden Sphäre 1 auf - als die Sphäre 10 der Vernichtung und des Bösen.

Die zwischen dem Fixsternhimmel und der Erde liegenden sieben Wandelsternsphären nannte man die Fülle, griechisch »pleroma«. Soetwas ist gemeint, wenn im Johannesevangelium Kapitel 1, 16 von der Fülle geredet wird. Dort heißt es: »Denn aus seiner Fülle haben wir alle Gnade über Gnade erlangt.« Christus regiert jene Planetarkräfte, aus denen und durch welche sich der Mensch entwickelt.

Doch nun zur Sphäre 10, der Unterwelt. In Urkunden wie den Evangelien und der Offenbarung des Johannes kehren ständig Formulierungen wieder wie:

»Du hast alles erschaffen, was über der Erde, auf der Erde und unter der Erde ist.«

Hierdurch gelangt man zu einer Weltsicht, die nach der zehn gegliedert ist. Bis zur 9, zu Erde und Mensch herunter, reicht der Herrschaftsbereich der Götter. In der 10 sind sie machtlos. Der Grieche hatte eine solche Angst vor dem Hades, dass er sagte: »lieber ein Bettler auf Erden, als ein König im Hades.« Für ihn wurde es schlimm, wenn die Verbindung zur 1 verlorenging und an ihrer Stelle die 10 zu walten begann. Das Herxeneinmaleins in Goethes Faust Teil 1, spricht diesen äußerst bemerkenswerten Zusammenhang aus: Es beginnt ja mit den Worten:

Aus eins mach zehn.

Das heißt nichts anderes, als dass den schaffenden Göttern der Sphäre 1 das Schöpfungswerk fortgenommen und unter die Regentschaft der 10 gestellt werden soll. Gelingt solches, dann ist eine Schöpfung von ihrer Entelechie, von ihrem eigentlichen Werdeziel abgeschnitten. Den Gegenspieler zum Göttlichen in den Fixsternen nannte man den Satan, der in der Erdmitte oder im Hades als das Böse wohnt.

Das Erscheinen eines Kosmos gleichsam bei seiner Geburt aus der Fixsternwelt nennt Johannes in seinem Evangelium Kapitel 17, Vers 24 »den Fall der Welt«. Es heißt dort auf griechisch:
oti hgaphsaV me pro katabolhV kosmou - hoti êgapêsas me pro katabolês kosmou - weil du mich vor dem Fall der Welt geliebt hast.
Die Standard-Übersetzungen mit »Grundlegung der Welt« für »katabole kosmou« geben das nicht so deutlich wieder. Besser ist es, vom Fall der Welt zu reden.

Die Rückkehr des evolvierenden Kosmos in die Sphäre der Fixsterne hingegen nannte man die »Anastasis«, was in kirchlicher Tradition mit Auferstehung übersetzt wird. Besser wäre es, Erhebung zu sagen.

Nach gnostischer Vorstellung stand also am Schöpfungsbeginn ein Fall, und an seinem Ende wird eine Erhebung stehen. Die Evolution, die als solche immer mit einer Abtrennung des Kosmos - in seine verschiedenen Sphären - aus der Unerschaffenheit des Chaos beginnt, chakaterisisert man gerne mit dem Begriff der »Absonderung« oder »Sünde«, was irgendwann einen Eingriff aus der »Chaoswelt« nötig macht, damit der Evolutionsweg wieder die Richtung zur Erhebung nehmen könne. Dieser Eingriff muss so geartet sein, dass er etwas bringt, was in diesem Kosmos nicht vorgefunden werden kann, insbesondere nicht von jener Sphäre, die als 10 oder Hades figuriert. Darauf beruht die Aussage des Christus:

Mein Ich ist (oder Ich bin) nicht von diesem Kosmos, weshalb es (mich) dieser Kosmos verfolgt.

Jedes Geschöpf nun, das innerhalb eines Kosmos eine Evolution durchmacht, geht zunächst auf einem Weg von der 1 zu der 9 bzw. von der Kristallhimmelssphäre bis zur Erdsphäre herunter.

Hat es sie erreicht, wird aus dem jenseits dieser Welt liegenden Chaos ein Impuls nötig, der all die Kräfte beinhaltet, welche den Fall des Kosmos von der 1 bis zur 9 umkehren können, sodass eine Erhebung von 9 zur 1 zurück möglich wird.

Nun finden sich aber in jedem Kosmos Strömungen, die diesen vorgeschriebenen Evolutionsweg nicht gehen wollen. Sie werden sich im Sinne des erwähnten Hexeneinmaleins bestreben, dort, wo der Punkt 9 erreicht wird, die 1 durch die 10 zu ersetzen, um auf diese Weise die Evolution abzubiegen. Sie würde dann von der 9 aus in die 10. Sphäre des Satans fallen und insgesamt 9 dämonische Spiegelsphären durchmachen müssen, in welche sich die 10. Sphäre selbst wiederum gliedert.

Je weiter dieser Sturz gleichsam von einer »Anti-8« über eine »Anti-7« usw. sich vollzieht, desto mehr hört dieser dekadent werdende Evolutionsstrom auf, noch wahres Sein zu besitzen. Er entwest immer mehr - herunter bis zur Stufe »Anti-1«.

Dahinter verwest das Sein völlig und verschwindet wieder im Chaos, diesmal aber auf dem unheilvollen Weg. Alle mittelalterlichen Gemälde vom Jüngsten Gericht und die vielen Tympana in den Türstürzen romanischer und gothischer Kathedralen drücken das bildlich aus, wenn einerseits die Rückführung (Anastasis der Geretteten) und andererseits die Höllenfahrt der Verdammten in das Absolute oder das Chaos gezeigt wird:

Einmal ist es zu dem geworden, was es werden sollte, das andere Mal zur vollendeten Lüge von der eigenen Identität.

Hermetisch gesehen ist das Innerste des Erdmittelpunktes ein Tor zum Chaos, ein Weg aus dem manifesten Kosmos heraus, nicht irgendein diffuser Eisen-Nickel-Kern.

Wollte man diesen Ort mit einem modernen naturwissenschaftlichen Wort belegen, dann könnte man ihn auch als schwarzes Loch bezeichnen, welches für die mechanistischen naturwissenschaftlichen Berechnungen eine Masse-Illusion hervorruft, über die der »Sachverstand« dann Erkenntnisse formuliert, die in Wirklichkeit aber nur eine unwahre Art Mythos über Eisen und Nickel erzählen, die es dort aber so nicht gibt, wie man als Erkenntnis zu suggerieren versucht.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, ein Forschungsergebnis hinsichtlich gewisser Gravitationsverhältnisse, die herausgebracht worden sind, zu hinterfragen, sondern deren Interpretation.