Das Märchen vom Land der ungeborenen Perlen
von Hergen Noordendorp

Gen Osten lebte einst ein reicher Mann.
Ein Gut und viele Ländereien waren ihm zu eigen.
Es weilte dort der ganze Segen der Natur
Und ließ aus ihrem Überfluss die schönsten Früchte wachsen.
So war bei Herr und Hofgesind in diesem Lande
Der Hunger nur ein Wort, doch niemand kannte ihn.

Es ward dem Manne auch ein Sohn geboren,
ein Erbe für die Güter dieses Glückes.
Groß war die Freude da bei allen auf dem Hofe.
Und jeder, der in Lohn und Arbeit stand,
gab diesem Knaben vom dem Besten,
das er nach Art und Stand zu geben hatte.
So wuchs der Knabe auf in guter Obhut
durch die drei ersten Alter seines Lebens.

Dann kam für ihn der Tag der Mündigkeit,
der nach uraltem Brauch in der Familie
mit großer Festlichkeit seit eh begangen wurde.
Auch stand seit alters dieses Tages hohe Stunde
Im Zeichen der Enthüllung eines Standbilds dessen,
der dieses Tages mündig wurde.
Und wie auch früher schon rief man sich einen Meister,
von dem man raunte, dass er neben seinem Handwerk
geheimnisvoller Fertigkeiten mächtig sei.
Denn dieser Meister stand im Rufe,
ganz unvergleichlich schön zu schnitzen,
mit solcher Kunst, dass alle seine Werke
geheimnisvoll zu leben schienen,
wenn sie von ihm vollendet waren.
Und mancher, der ein solches Abbild schaute,
vermeinte vor dem Urbild selbst zu stehen.
Dieser ob seiner Kunst so hoch gerühmte Meister
Kam in das Haus und schuf des Sohnes Standbild.
Drei Tagewerke dauerte die Arbeit,
und sieben Hölzer waren für das Werk vonnöten.
Am vierten Tage ward es dann vollendet.
Es gab getreulich alle Wesenszüge wieder,
die sich im Sohne bis zum Mannesalter ausgebildet hatten.

Als man nun, eh der Meister ging,
ihn nach dem Lohne fragte,
da winkte dieser ab und sprach:
"Mir ist des Werkes Mühe dann entgolten,
wenn der, den dieses Standbild offenbart,
mich als den Wirkenden erfühlend,
als Rätsel mit dem Herzen fasst.
Dann mag er mir den Lohn gewähren."
Gab seinen Segen und ging fort.

Am Tage nach dem Fest der Mündigkeit
Machte sich auch der Sohn zu einer Reise auf.
Es zog ihn mächtig in die Welt hinaus, ins freie Leben.
Dort, ferne aller häuslichen Geborgenheit,
traf er auf unbekannte Mächte der Versuchung,
die ihn in Lust und Leichtsinn lockten
und bald des Vaters strenge Lebenszucht
vergessen machten.
So war er den Verlockungen tagtäglich ausgesetzt.
Und ihrem Reiz verfiel er immer mehr.

Gar bald schon drangen an des Vaters Ohr
Nachrichten übler, ungerechter Taten seines Sohnes.
Man trug ihm Kunde zu von dessen schlechter Lebensart.
Da wölkte durch des Vaters Seele düstrer Gram.
Und trat er vor des Sohnes Standbild hin,
dann nur mit bittrem Herzen und verhang'nen Blickes.
Doch eines Tages musste er bei allem Kummer staunen.
Ihm war, als sähe er am Standbild eine sachte Wandlung,
die mit den Wochen immer deutlicher sich zeigte.
Des Sohnes Züge an dem Standbild wurden hässlich,
das Antlitz schaute finster und verschlagen drein.
Ihm wuchsen Beulen, Eiterschwären,
dann zeigten Schorf und off'ne Wunden sich.
Und gar nach läng'rer Zeit sah man das Standbild,
als sei es wie von unheilbarem Siechtum ganz durchrieselt.
Der Vater staunte da nicht mehr.
Er ward verwirrt.
Und die Verwirrung wandelte sich in Bestürzung,
in Hoffnungslosigkeit auf seine alten Tage.

Im schmerzlicher Verzweiflung, voller Zorn und Ohnmacht,
ließ er den Sohn nach Hause rufen.
Und dieser folgte bald dem Ruf.
Der Vater aber führte ihn sogleich vors Standbild,
das nie zuvor so hässlich anzuschauen war.
Der Sohn ward fassungslos und tief betroffen.
Und wie ein Stich ging ihm durchs Herz,
was er von sich am Standbild wie in einem Spiegel schaute.
Und er bereute seines Lebens Wandel über all die Jahre.
Er wurde eng in sich,
als ihn der Wille drängte,
mit guter, starker Kraft fortan zu sühnen,
Vertanes bei Vertanem auszubessern,
Verlornes bei Verlorenem zu suchen.

Und übers andere Mal zog er vom Elternhause fort.
Gebeugten Hauptes, ernsten Blickes,
betrat er seine früh'ren Lebenspfade.
Er traf dort jede der Begebenheiten wieder,
an denen er sich einst verschuldet hatte.
Doch diesmal schenkte er, wo er dereinst genommen.
Er horchte hin, wo er sonst vorlaut war.
Er fühlte manche Stille Freude,
wenn ihm ein and'rer Mensch sich anvertraute.
Erinnerungen an dereinst genoss'ne Freuden
Erlebte er nun voller Dankbarkeit als Glück.

Daheim der Vater aber sah des Sohnes Sühnewandel
Getreulich wieder offenbart an dessen Standbild.
Er schaute dessen Züge sich verklären,
die Wunden heilen und die Schwären schwinden.
Und eines Tages zeugten nur noch leichte Narben
Von allem durchgemachten Sündenleiden.
Das Standbild ruhte tief in friedevoller Überwindung.
Da ließ der Vater wieder nach dem Sohne schicken.
Und gleich nach dessen Heimkehr zeigte er
Ihm tief gerührt die wunderbare Wandlung,
die sich erneut am Standbild offenbaret hatte.

Als nun der Sohn die Narben allenthalben schaute,
ward er von tief'rer Trauer noch ergriffen,
als einst, da er von dem entstellten Standbild zog.
Von Schmerz bewegt entrangen sich ihm jetzt die Worte:
"Ich hab nach besten Kräften meine Schuld gesühnt.
Was Unrecht war, ist jetzt gerichtet,
die Schäden, sie sind alle ausgebessert.
Ich habe das getan, was ich als Mensch zu tun vermochte.
Die Narben aber sprechen eine and're Sprache.
Wie dämpfen sie mir alle Zuversicht!
Es ist, als bannte jede einen Zauber,
Erinnerung daran, dass auch das Kleinste,
wenn es geschehen ist,
nicht wieder ungeschehen werden kann.
Das stehet jetzt vor mir wie ein Fanal,
wie eine Lanze ist's, die mir durch's Herz gestoßen."

Nach diesen Worten ward das Standbild starr.
Der Glanz in dessen Blicken brach,
und es verschied.

Der Sohn fuhr fort in seinem Sinnen:
"Es schaffen Taten Wunden.
Und Wunden hinterlassen Narben.
So schaffen Menschentaten Wunden in der Welt.
Und wenn des Menschen Taten sterben,
dann stirbt mit ihnen auch ein Stückchen Welt.
Dem Menschen wird entrückt,
was jemals er getan.
Getanes flieht ihn mit dem Eileschritt der Zeit.
Ein Leichnam ist's,
der seinem Wesenskreis entschwindet.
Der Mensch ist ohne Kraft und Macht,
ihn aus den Zeitenfernen
aufs Neue her zu holen.
So webt in allem Menschentun verhängnisvoll der Tod.
Wer aber kann, was tot ist, wieder neu beleben
O Standbild, wie stellst du mich selbst in Frage!
Welch dunkles Rätsel haust in deines Wesens Abgrund?
Ich will den Meister nach der Antwort fragen,
die auf des Rätsels Frage bei ihm weilen muss. -
Sag, Vater, wo ist er zu finden?"

Der Vater aber sprach mit Tränen in den Augen:
"Geh zu dem Fährmann an das Meer.
Er soll dich bringen
Zum Meister mit dem unsagbaren Namen,
ins Land der ungebor'nen Perlen.
Ich segne dich, mein Sohn.
Doch du gedenke jenes Meisters rätselhaften Wortes,
das einst er zu uns nach getanem Werke sprach:
"Mir ist des Werkes Mühe dann vergolten,
wenn der, den dieses Standbild offenbart,
mich als den Wirkenden erfühlend,
als Rätsel mit dem Herzen fasst.
Dann mag er mir den Lohn gewähren."
Da nahm der Sohn das Standbild von dem Postament,
griff sein Gepäck
und ging zum dritten Male von zu Hause fort,
dem Meer entgegen, wo er bald den Fährmann fand.
"O, guter Mann", sprach er, "ich komme mit der Bitte,
mich über's Meer zum Land der ungebornen Perlen,
zum Meister mit dem unsagbaren Namen hin zu fahren.
"Den Dienst will ich wohl leisten", sprach der Fährmann.
"Doch ford're ich gerechten Preis für diesen Dienst!"
"Kein Preis ist mir zu hoch", antwortete der Sohn.
"Das Standbild, das du bei dir führst",
entgegnete der Fährmann,
"ist der gerechte Preis für meinen Dienst."
"Dies Standbild birgt ein düst'res Rätsel", sprach der Sohn.
"Wie aber soll der Meister es mir deuten,
wenn ich mich seiner jetzt als Lohn für Euch entäuß're?"
"Ich muss es aber fordern", sprach der Fährmann,
"so will es diesen Ortes das Gesetz.
Es stehet als der Kerub vor der Schwelle
zum Land der ungebor'nen Perlen,
auf dass nichts Totes über diese Schwelle gehe!"

Da schwieg der Sohn.
Versonnen sah er auf das Standbild,
erinnerte sich all der Taten,
die nun als Narben darauf ruhten.
Er fühlte nach in seinem Herzen jeder Narbe Schmerz,
den er nach ihr durchlitten.
Sonst war es still in ihm und um ihn her.
Dann fuhr ein heller Blitz durch sein Gemüt,
gefolgt vom Donnerrollen des Erkennens:

"Dort ist mein Standbild", sprach er zu sich selbst,
"und es ist tot.
Ich bin sein Urbild - und ich lebe.
Was jemals ich gedacht - all das ist Bild.
Für dies Gedachte war mein Denken Leben.
Im Denken aber schaffe ich.
Ich bin.
Und alles ist aus mir - und ich bin alles,
so wahr ich bilde und so wahr ich Bild bin.
So muss des Standbilds Rätsel in mir selber liegen.
Möge statt seiner mich der Meister nehmen.
Der Fährmann nehme sich mein Bild!"
"Es ist gerecht", sprach nun der Sohn zu diesem,
"dass man dem Recht nach dem Gesetze dient."
Der Fährmann nahm darauf das Standbild,
befahl den Sohn ins Schiff,
und beide legten ab in ferne Meeresweiten.

Die Reise dauerte wohl an die sieben Sonnenläufe,
bis an dem fernen Horizonte sich
der Küstenstreif des Lands der ungebor'nen Perlen zeigte.
Ein Kurzes noch,
dann landeten sie an dem leuchtenden Gestade.

Als erster stieg der Fährmann aus dem Nachen.
Und wie sein Fuß das sonnengleiche Land berührte,
verwandelte er sich in eine milde leuchtende Gestalt,
streckte dem Sohne liebevoll die Hand entgegen
und zog ihn sanft ans Ufer mit den Worten:

"Du bist geprüft.
Du hast bestanden.
Du suchst den Meister mit dem unsagbaren Namen.
Ich bin."
"Ihr der gestrenge Fährmann seid's, wie kann ich's fassen?"
"Mein Sohn, es ist", erwiderte der Lichte.
"Der Meister mit dem unsagbaren Namen
lässt sich in jedem Namen rufen,
der je in aller Welt genennet wird.
Doch ist mein eig'ner Name,
der Name aller Namen,
nie offenbar.
Bisweilen, wenn es an der Zeit ist,
da raune ich ihn insgeheim im Heiligtum,
in eines Menschen ätherlichtem Herz.
Dem ist dann so,
als wirke etwas in der Tiefe,
das er nicht klar im Bild des Denkens fassen kann.
Doch hat er ein Gefühl von meinem Raunen. -
Als du versonnen auf das tote Bildnis schautest
Und dich erinnertest an all die Narben
Und fühltest jeder Narbe Schmerz in dir,
da traf mit deinem Wesenwirken sich
das Raunen meines Namens.
Mein Wirken webt in eines jeden Menschen Urbild.
Im Menschenabbild aber muss es sterben.
Dies Tote war nach dem Gesetz zu fordern.
Denn nimmer darf ein Sterblicher,
was er an Totem hat,
ins Land der ungebor'nen Perlen tragen.
Er muss es als sein Bestes, als ein Opfer von sich lassen.
Und du vollzogest dieses Opfer,
als du entschlossen warst,
dich selbst mir hinzugeben,
auf dass ich dir im Urbild Antwort gebe.
Und so gewährtest du mir Lohn
Für meinen einst erbrachten Dienst.
Was du in deinem Opfer tatest, das war eine freie Tat.
Nun wirst du deinen Herzschmerz auch verstehen.
Als du mich raunen hörtest,
da fandest du dein wahres Wesen.
Man findet sich nur immer unter großen Schmerzen.
Es darf nicht anders sein.
Am Schmerz zerschellen Eitelkeit und Täuschung,
die ungeschlachten Dolche.
Sie schlagen jene Wunden, die vernarben.
Nun blicke auf dein Standbild.
Es soll sich mit dem Weltenschmerz vereinen.
Doch sei gewiss, es gehet nichts von ihm verloren,
denn deine letzte Tat an ihm war freie Tat,
war Opfertat, die einzig es erretten konnte.
Schon manch ein Ebenbild konnt' ich aus freier Opfertat empfangen.
In ihnen schlummert ein viel höh'res Leben.
Und dieses Leben hüllt sich jetzt noch ein in Tod.
Doch ruht im Tode ein Gesetz,
das einstmals walten wird,
wenn aller Wandel auch den Tod ergreift und wandelt.
Das ist, wenn sich die Fülle toter Menschenbilder
Als Gaben freier Opfertaten
Hier am Gestade offenbart.
Sie bringt nicht Menschenkraft hierher.
Das kann nur ich aus meines unsagbaren Namens Kraft.
Doch diese Kraft,
wenn sie mit eines Menschen Opfertat sich einen kann,
erzeugt den wahren Odem der Verwandlung,
der auch den Tod verwandelt und die Sühne wendet.
Ich will dir nun das tief verborgene Geheimnis zeigen,
das alle toten Menschenbildern innewohnt.
Dann mag der Schmerz, den du gefühlt,
dir leichten Herzens werden."

Das Standbild hob ganz milde an zu leuchten,
von innen her erglänzte es in gold'nem Licht.
Die Narben glühten auf als Schimmer reinster Edelsteine,
und süßer Sphärenklang hob in den Lüften an zu singen.
Des Herzens einst'ger Schmerz durchrieselte das Standbild,
das eine kleine Träne weinte.
Und diese Träne fiel als Perle in den Weltenschoß
Ans Land der ungebor'nen Perlen.

"Dort muss sie ruhen, ungeboren, bis zum jüngsten Tage
mit all den and'ren Schmerzensperlen,
die Menschenherzen jemals weinten hier an dem Gestade",
so sprach verheißungsvoll der Meister mit dem unsagbaren Namen.
"Ich werde sie mit meinen Schaffensmächten ein erwecken,
die Ungebor'nen alle, die ein neues Weltenall gebären sollen.

So wird es sein."


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