Der Kultraum der Freien Eucharistiefeier als Auferstehungsraum

Die Liturgie der Freien Eucharistiefeier* beginnt mit der Invokation eines seelisch-geistigen Raumes, der als Weihestätte dienen soll. Wie kann man sich eine sinnvolle Vorstellung hiervon machen?

Die Freie Eucharistiefeier vollzieht sich, weil irdische Menschen sie durchführen, selbstverständlich in einer irdischen Umgebung. Aber sie benötigt hierzu nicht unbedingt einen besonders aufgeführten Kirchenbau, wie etwa die traditionellen Konfessionsgemeinschaften. Denn mit der Hereinrufung eines übersinnlichen Raumes in eine physische Umgebung, wird letztere nur zu einer Art Widerlage, zu einem Berührungspunkt des Übersinnlichen mit dem Sinnlichen.

Die Urbilder für Kultus als solchen und eine dazu gehörige Weihestätte findet man in der Offenbarung des Johannes im 4. Kapitel. Hier wird ein himmlischer Stuhl beschrieben, auf dem ein Namenloser sitzt, umgeben von vier Lebewesen und einer Schar von Presbytern. Dementsprechend wird der Altar für die Freie Eucharistiefeier, so gut es geht, in die Mitte eines jeweils benutzten physischen Raumes gestellt, weil sich hier das wesenhaft Göttliche der Feier vollzieht. Wie der Verfasser im Kommentar zu seiner Übersetzung der Johannes-Offenbarung dargelegt hat, repräsentieren die vier Lebewesen: Löwe, Adler, Engel und Stier die vier Hauptteile des kosmischen Kultus, der aber bezüglich der Apokalypse nicht als eine übersinnliche Feier zu verstehen ist, sondern als der Vollzug eines jeweiligen Schöpfungszyklus.

Ein solcher beginnt im Nichtmanifesten oder Absoluten mit der Setzung der Entelechie des Entwicklungszyklus. Man kann auch sagen, dass er zunächst hinsichtlich seines Gesetzes oder Dharmas, wie der Inder es ausdrücken würde, in der Urgottheit wesenhaft da ist, ohne aber bereits in der Manifestation zu erscheinen. Das Gesetz oder die Entelechie ist gleichsam die göttliche Verkündigung, die göttliche Botschaft, in der alles enthalten ist, was benötigt wird, um die Evolution eines Zyklus durchzuführen. Das dazugehörige apokalyptische Tier ist der Adler, welcher das geistig-sinnende Element repräsentiert.

Dann geht gemäß dieser Botschaft der Äon in seine Manifestation. Die Urgottheit setzt ihn durch Hingeben von eigener Substanz aus sich heraus. Das ist die Opferung und wird repräsentiert durch den Löwen.

Der fortlaufende Prozess der Opferung bringt die Substanz in immer größere Ferne zu ihrem göttlichen Ursprung. Daher wird am fernsten Punkt, der Krisis, ein göttliches Eingreifen nötig, welches den Prozess umstülpt und wieder in eine solche Richtung bringt, dass er am Ende der manifesten Phase so im Unmanifesten verschwinden kann, wie er einst daraus hervorgetreten ist, mit Ausnahme eines gewissen Restteils, der sich der Umstülpung beharrlich widersetzt hat. Das Hohepriesterliche Gebet, Johannesevangelium Kapitel 17, 12, fasst das sehr präzise in die Worte:

»Als ich bei ihnen war, habe ich die, welche du mir anvertraut hast, in deiner Wesenswirklichkeit gehalten. Ich habe aufgepasst, und niemand ging verloren außer dem Sohn des Verlustes zur Erfüllung der Schrift.«

Durch den Verlust, welchen die Schrift oder die göttliche Botschaft im Zuge eines Evolutionszyklus erleidet, um erfüllt zu werden, gewinnt diese die Möglichkeit, im nächsten Zyklus nicht lediglich nochmals eine Wiederholung ihrer selbst durchmachen zu müssen. Etwas wird ausgeschieden, und ein neuer Impuls tritt an dessen Stelle.

Die Umstülpung, von der hier die Rede ist, vollzieht sich aber an, mit und in derjenigen Substanz, die als Opfer am Beginn einer manifesten Evolutionsphase nach dem Dharma hervortritt. Man kann daher eine solche Umstülpung auch als Transsubstantiation bezeichnen, welche sich durch Einwirken von Verwandlungskräften vollzieht, die am Punkt der Krisis in Wirksamkeit gelangen. Kultisch erscheint diese Evolutionsphase in der Transsubstantiation und wird repräsentiert von dem apokalyptischen Tier des Stieres.

Schließlich kehrt alles in den Schoß des Urgöttlichen zurück, verschwindet wieder aus der Manifestation, gereinigt um denjenigen Anteil, der nicht mitgehen konnte oder vielleicht auch durfte. Dadurch ist aber die ursprüngliche Substanz qualitativ etwas anderes geworden. Das Gesetz, die Botschaft, hat sich erfüllt, das Evangelium, welches den Dharma zunächst in sich trug, ist vollendet. Alles vereinigt sich wieder mit dem Absoluten. Das ist die Kommunion und wird repräsentiert durch das apokalyptische "Tier" des Engels.

Man hat diesen apokalyptischen Tieren traditionell die vier Evangelisten zugeordnet. Dies ist aber nicht zwingend. Es lassen sich auch andere Vierheiten zuordnen, etwa die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde.

Wasser heißt auf Hebräisch  Jam,
Feuer ist                               Nur,
Luft ist                                  Ruach
und Erde ist                          Jawashah.

Liest man die ersten Buchstaben der jeweiligen hebräischen Wörter hintereinander, dann erhält man INRI.

INRI könnte man im Sinne der hier entwickelten Abhandlung als das mystische Wort der Evolution, als den Logos des Urkultus, verstehen. Ist eine Liturgie, welche auf Erden eine Kultusform zum Erklingen bringt, authentisch, dann muss sie in sich als Wirkensprinzip das INRI tragen.

Der christliche Kultus hat zu seinem Mittelpunkt das Christuswesen in all seinen Aspekten. Der Erzengel Michael gilt traditionell und okkult als Antlitz Christi seit dem Mysterium von Golgatha. Er hat in seiner Obhut die göttliche Intelligenz oder Weisheit, wie Rudolf Steiner an vielen Stellen seines anthroposophischen Gesamtwerkes darlegt. Er ist der Wegbereiter Christi, indem er Christus auf dessen evolutionslenkendem Weg vorausgeht. Damit stellt sich das ganze Wesen Michaels in das Licht jenes apokalyptischen Tieres, welches der Adler ist. Die Opfer-Feuer-Kräfte des Löwetieres ordnet der Erzengel Uriel, die Wandlungskräfte des Stiers vollzieht der Erzengel Raphael und die Kommunion als Ausdruck des apokalyptischen Tiers mit dem Engelantlitz steht unter dem Walten Gabriels.

Traditionell waren alle christlichen Kulträume »geostet«. Esoterisch hat man in der Christuswesenheit immer eine Sonnenwesenheit gesehen. Und weil die Sonne im Osten aufgeht, hieß es immer:

Ex oriente lux - aus dem Osten das Licht.

Wenn man der Wirksamkeit Christi während der Eucharistiefeier nachspüren will, dann muss man seine Aufmerksamkeit in östliche Richtung wenden. Tut man das, dann begegnet man auch derjenigen Wesenheit, die sich als Christi Antlitz offenbart: Michael.

Und sogleich entsteht ein herbes Erkenntnisproblem.

In den Jahreszeitenimaginationen Rudolf Steiners findet man Michaels Wirken, wie auch traditionell bekannt, dem Herbst zugeordnet. Gabriel waltet um die Weihnachtszeit, Raphael um die Osterzeit und Uriel (oder Oriphiel wie er auch genannt wird) im Sommer um die Johannizeit bis in den August. Die Reihenfolge, in der sich, um mit Goethe zu sprechen, die Erzengel des Jahreslaufs »die goldenen Eimer reichen«, ist Gabriel, Raphael, Uriel und Michael oder Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Will man die Jahresverhältnisse auf die Verhältnisse des Tageslaufs beziehen, dann waltet Gabriel in der Mitternachtszeit, Raphael in der Morgendämmerung, Uriel in der Mittagszeit und Michael in der Abenddämmerung. Die Richtung der Mitternacht liegt gen Norden, die der Morgendämmerung gen Osten, die des Mittags gen Süden und die der Abenddämmerung gen Westen. Soweit stellt sich die Sache vorläufig als problemlos heraus - insofern, als man den Tages- oder Jahreskreislauf der Zeit direkt auf die Raumesverhältnisse der Himmelrichtungen projiziert hat. Man darf auch mit Richard Wagner sagen, wobei die Übernahme des Zitats allerdings von einer gewissen Art naiven Phänomenalismus gekennzeichnet ist: Man hat die Zeit zum Raum gemacht. (»Mein Freund, zum Raum wird hier die Zeit«, heißt es im Parsifal).

Das oben erwähnte Erkenntnisproblem wird aber in dem Augenblick evident, wenn man seinen geistigen Blick während einer Eucharistiefeier nach Osten zur Christuswesenheit wendet. Denn dann erscheint einem Michael als Christi Antlitz statt im Westen nun im Osten. Und das bringt alles durcheinander, was man bislang einfach naiv hingenommen hat. Denn wenn man in der oben charakterisierten Weise das Reichen der goldenen Eimer in einem simplen Kreis denkt, dann muss man jetzt zugeben:

Im Zusammenhang mit einer wie auch immer gearteten christlichen Eucharistiefeier haben Raphael und Michael ihre Plätze im Zeitenprozess vertauscht. Michael ist in den Osten gegangen, Raphael in den Westen. Wie soll man aber mit so etwas vernünftig klarkommen?

In der naiven Projektion des Zeitenkreises in den physischen Raum lassen sich die »Ämter« der vier Erzengel als Pfosten, Säulen oder auch Wächter des Kultraumes auffassen. Sie sind gewissermaßen geistig immer anwesend, wenn eine Messe im antiken katholischen oder orthodoxen Stil oder eine andere, neuere wie auch immer geartete kultische Feier, zu der ja auch die von Rudolf Steiner den Lehrern der Waldorfschule gegebene Opferfeier gerechnet werden muss, vollzogen wird. Nichts wahrhaft Kultisches kann wirklich geschehen, ohne dass ein Geistiges währenddessen real wirkt und dem Geschehen eine geistige Hülle, ja sogar Schutzhülle, umlegt. Menschen können das nicht aus ihren gegenwärtig bewussten Kräften. Das muss durch Wesenheiten geschehen, die real schützend wirken können.

Und da wird nun geistig erlebbar, dass Michael und Raphael ihre Positionen als Wächter oder Säulen irgendwie vertauscht zu haben scheinen. Aber kann das denn überhaupt sein? Und wenn ja, wie begründet sich das?

Man rührt hier an eines der Urgeheimnisse des Christentums, das mit dem Schlagwort der Stellvertretung begrifflich gefasst werden kann. In ganz zarter Andeutung findet sich das Prinzipielle dieses Geheimnisses im Johannesevangelium Kapitel 11, wo die Auferweckung des Lazarus beschrieben wird. Im Aufsatz des Verfassers zu dem Lazarusmysterium, der im Heft 1-03 der Zeitschrift Lazarus veröffentlich wurde, weist er auf die merkwürdige krampfartige Durchschüttelung des Christus vor dem Grab des Lazarus hin, welche sich im griechischen Urtext im Wort "embriaomai" findet, das in kurzem Abstand zweimal hintereinander aufklingt. Es konnte gezeigt werden, dass dieses krampfartige Geschütteltwerden einmal dann auftritt, als der Christus vom Gottessohn zum Menschensohn wird. Das geschieht unmittelbar, nachdem er beim Grab des Lazarus ankommt und die trauernde Menge abschaut. Er verbindet sich vor seinem Leidensweg nach Golgatha in dieser Weltenstunde bis zur völligen Kongruenz mit derjenigen menschlichen Gestalt, die er während der Jordantaufe von Zarathustra als Hüllenwesen des Jesus von Nazareth geopfert oder dargereicht bekommen hat. (Siehe hierzu die vielen Darstellungen in Steiners Gesamtwerk).

Indem durch das völlige Kongruentwerden mit dieser Hüllennatur des Jesus die Christuswesenheit ganz zum Menschensohn wird, vereinigt sie sich gewissermaßen mit der unmittelbar gegenwärtigen Evolutionsrealität der Menschheit in diesem Zeitpunkt jetzt vor dem Grab des Lazarus. Rudolf Steiner gab an, dass es sich bei dem »Tod« des Lazarus um den Zustand eines so genannten Einweihungsschlafs gehandelt hat. Allerdings ist dieser Zustand insofern abnorm, als die traditionelle Tempelweisheit nicht mehr in der Lage gewesen wäre, den Lazarus hieraus zu erwecken. Die unmittelbare Evolutionsrealität im Zeitpunkt vor dem Lazarusgrab lässt das nicht mehr zu. Alte Erweckungen mussten mit den außerirdischen Kräften des Gottessohnes im Rahmen einer dazu geeigneten kultischen Feier priesterlich vollzogen werden. Zur Erweckung des Lazarus ist dieses Priestertum nicht mehr in der Lage. Es muss der Gottessohn, der vor dem Grab steht, zunächst das unverwechselbare Menschenelement zu seiner Gottessohnschaft hinzu erringen, indem er zum Menschensohn wird , um dann mit dieser neuen Errungenschaft die Weckung des Lazarus aus dem abnormen Zustand zu vollziehen.

Parallel dazu wird Lazarus im Zustand seines Tempelschlafs zum Zeugen der Verwandlung des Christus vom Gottessohn zum Menschensohn. Diese vollzieht sich, während der Jesusleib äußerlich sichtbar für die Umstehenden von solchen Zuckungen und Spasmen ergriffen wird, die der Evangelist mit "embriaomai" beschreibt. Dann kann der Christus zur Weckung des Lazarus weiterschreiten. Es muss jetzt die soeben errungene Menschensohnschaft das erste Mal priesterlich vollziehen, priesterlich deshalb, weil der Weckungsakt aus dem Tempelschlaf ein Priesterakt ist. Es besteht nur ein Unterschied. Was früher priesterlich vollzogen wurde, geschah durch Menschen, die kraft Weihe ein entsprechendes Priesteramt verliehen bekommen hatten. Sie besaßen das Amt. Christus aber besitzt jetzt nicht nur das Amt; Er ist das Amt selbst geworden. Und als er es aus dieser Würde das erste Mal vollzieht, geschieht das Zucken, das "embriaomai" zum zweiten Mal.

Es ist Rudolf Steiner zu verdanken, dass er auf das christliche Stellvertretungsprinzip hingewiesen hat. Eigentlich sollte seinen Angaben zufolge Zarathustra in der Wiederverkörperung als der bei Matthäus im Evangelium beschriebene Jesusknabe zur Zeitenwende die Aufgabe zuteil werden, Zeuge der Menschensohnwerdung des Christus zu sein. Das ging aber objektiv deshalb nicht, weil Zarathustra auf Erden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr inkarniert war, nachdem er dem Christus seine eigene Jesusleiblichkeit hingeopfert hatte. Denn nur aus dieser heraus hätte Zarathustra zur irdischen Auffassung des inrede stehenden Ereignisses kommen können, um es danach zu bezeugen.

Stattdessen gerät nun der Lazarus in diese Lage, weil er durch karmische Verhältnisse in jene abnorme Form des Tempelschlafs geführt worden ist, die es ihm - allerdings noch nach der alten Einweihungsmethode - erlaubt, leibfrei die Menschensohnwerdung des Christus mitzuerleben - gewissermaßen von außen aber ganz real - und nach der Erweckung aus dem Tempelschlaf zu bezeugen.

Das heißt aber, dass Lazarus stellvertretend für Zarathustra das Amt der Zeugenschaft vollzieht.

Lazarus wird dann im Mittelalter wiedergeboren und geht dort nach Steiners Angaben durch eine Einweihung, nach der sich sein weiteres Wirken unter dem Namen des Christian Rosenkreutz vollzieht. So konnte Rudolf Steiner sagen, dass sich zwischen Christian Rosenkreuz und Zarathustra bei der Lazaruseinweihung eine Beziehung herausgebildet hat, nach der jeweils der eine stellvertretend für den anderen zum Sprecher für dessen Missionen wird.

So hat das Ereignis der Menschensohnwerdung des Christus sich nur unter Umständen vollziehen können, die eine Verbürgung durch Zeugen im Sinne der Stellvertretung erfordert. Man stelle sich das einmal in unserem noch sehr römisch lateinischen Justizwesen vor. Nicht derjenige sei der wahre Zeuge, der sie eigentlich zu leisten hätte, sondern ein Stellvertreter von ihm, der das zu Bezeugende an dessen Stelle erfahren hätte. Ein solches Justizwesen hätte kaum noch Boden, auf dem es wirklich weiter bestehen könnte. Aber es hätte in diesem Stellvertretungsprinzip genau das geistige Medikament, an welchem es aus seinem kranken Formaljurismus gesunden könnte.

Mit der Menschensohnwerdung des Christus jedenfalls ist das eben rissartig dargelegte Stellvertretungsprinzip ein Evolutionsaxiom für alle Lebensbereiche menschlicher Existenz geworden, wenn sie heilvoll sein soll. In ihm findet der Altruismus seinen okkult vornehmsten Ausdruck: Zeugenschaft als lebendig wirksam werdende Liebe, nicht als bloße Pflichtübung zur wahren Auskunft - der Zeugenschaft im altrömischen Sinne. Vielleicht ist das der tieferliegende Grund, weshalb der Christus jedes Schwören als von Übel ansah.

Hat man dieses Prinzip innerlich empfunden, dann löst sich das oben aufgeworfene Problem der Positionsvertauschung von Michael und Raphael auf hinsichtlich ihres Wirkens als tragende Säulen für einen Kultus.

Michael nimmt als Antlitz Christi die Ostposition ein. Er zeugt als das Licht der Erkenntnis die im Osten aufgehende Geistessonne Christi. Indem Michael diese Position einnimmt, erschließt er mit der Sonnenaura Christi wieder für die Erkenntnis, was seit dem Sündenfall dem erkennenden Menschen entzogen worden ist: die Erkenntnis des Baumes des Lebens.

Und Raphael, der Erzengel des Heilens, beginnt dort zu wirken, wo in den Herbsteskräften das Prinzip des Absterbens und des Todes sich Geltung verschafft.

Indem Michael der Erkenntnis wiederum den Baum des Lebens erschließt, kann Raphael aus diesen erschlossenen Kräften des Lebens heilend dort wirken, wo die Sterbeprozesse im Herbst walten. Aber dazu musste der eine jeweils an den Ort des anderen gehen.

Es erscheint nach dieser Einsicht nun gar nicht mehr so wunderbar, dass die meisten Heilungstaten Christi im Neuen Testament immer in die Zeit der Abenddämmerung versetzt werden, die, wie oben erläutert, mit der Herbsteszeit im Jahreslauf korrespondiert und so Raphael, den Heiler, stellvertretend am Ort Michaels wirksam werden lässt. Wäre nicht das Prinzip der Stellvertretung wirksam, könnte gar keine wahre Heilung und in der Folge auch kein Evolutionsfortschritt erzielt werden.

Es bleibt nun noch als Frage zu klären, weshalb gerade Raphael und Michael dieses Prinzip des Stellvertretens praktizieren und nicht Gabriel und Uriel. Um sich der Lösung anzunähern, muss es zuvor gelingen, die Projektion des Zeitenlaufs in Raumesverhältnisse nicht mehr mit naivem Phänomenalismus vorzunehmen, sondern gemäß den Eigenarten der jeweiligen Medien Zeit oder Raum.

Und da kommt man nur zu einer vernünftigen Anschauung, wenn man sich von der Figur des Kreises löst, um mit ihr den Prozess der Zeit zu beschreiben. Man muss stattdessen zur Figur der Lemniskate greifen. Diese geometrische Figur vollführt einen Prozess ebenso als einen in sich geschlossenen. Aber anders als der Kreis, gliedert die Lemniskate die zu ihr gehörende Linie in zwei qualitativ unterschiedliche Abschnitte, die jeweils für sich selbst kreisartig in sich geschlossen sind. Geht man vom Schnittpunkt aus und denkt sich eine von der Lemniskatenlinie nach oben oder außen aufstrebende Kraft, dann kann man den einen kreisförmigen Linienabschnitt ganz herumgehen, bis man wieder zum Schnittpunkt gelangt. Ab hier stülpt sich dann die gedachte Kraftlinie nach innen oder unten um, wiederum einen ganzen kreisförmigen Linienabschnitt entlang, bis sie erneut den Schnittpunkt erreicht.

Vom Gesichtspunkt des Wahrhaftigen aus gesehen, ist der angedeutete prozessuale Schnittpunkt im Jahreslauf bei den Tagundnachtgleichen zu suchen. Beim Tageslauf sind es die beiden Dämmerungszeiten. Und verwandelt man nun den Tages- oder Jahreszeitenkreis jeweils dadurch, dass man die eingangs gedachte Kreislinie so zu einer Lemniskate verdreht, dass die Äquinoktien oder Dämmerungen auf den Kreuzungs- oder Schnittpunkt fallen, dann hat man - aber nun nicht mehr im naiv phänomenalistischen Sinne - die Zeit zum Raum gemacht, indem man ihren analogen Prozess als Lemniskate in den physischen Raum zeichnet.

Im Raum wird dann zu Karfreitag das Kreuz aufgerichtet. Es ist das Kreuz des Todes. Bei der Auferstehung zu Ostern wird dieses Kreuz zur Lemniskate verwandelt. Man findet ja im Kreuzungspunkt der Lemniskatenäste durchaus das Kreuz wieder. Aber hier ist es eingegliedert in den Prozess des Zeitlichen oder des Lebens. Von Karfreitag bis Ostern wird das Kreuz des Physischen oder Fleisches zum Kreuz des Lebens, das durch die Äonen strömt - das prozessual ist. Wie heißt es im Hohepriesterlichen Gebet (Kap. 17, 2)?

»Denn du hast ihn (den Sohn) ermächtigt über alles Physische (Fleisch - Kreuz), sodass er, was Du ihm anvertraut hast, in Leben (Lemniskate) verwandele, das durch die Äonen strömt.«

Und bezogen auf die Erkenntnisfrage hinsichtlich Michael und Raphael löst sich das anfängliche Problem nun in ganz überraschender Weise. Beide Erzengel stehen in der räumlichen Projektion ihres Zeitenwirkens gewissermaßen an derselben Stelle, nämlich mitten im Kreuz des Lebens. Im Lemniskatenkreuzungspunkt wird das christliche Prinzip der Stellvertretung sowohl räumlich als auch zeitlich zum konstitutionellen Ereignis.

In der Freien Eucharistiefeier, die am Anfang dieses Aufsatzes erwähnt wurde, hat man den Altar in der Mitte des physischen Raumes unter dem Kreuzungspunkt dieser Lemniskate stehen. Eigentlich steht hier genauer gesehen der Kelch. Und wirkend zu ihm hin von Osten her handelt Michael, vom Westen her hingegen ist es Raphael. Aber ihr Wirken fällt in dieser Mitte zusammen. Gabriel im Norden und Uriel im Süden hingegen halten diesen »kultischen Zeitenraum« aufgespannt, sodass im Zusammenwirken der vier Erzengel alles gegeben ist, was sich als das kultische Mysterium Christi nun durch Christus selbst als wirkendem Priester vollzieht. Für die physische Welt hatte er dieses Priesteramt mit seiner Menschensohnwerdung vor dem Grab des Lazarus wahr gemacht. Für die ätherische Welt geschah dies, das Golgathaopfer erweiternd, durch ein weiteres Opfer, diesmal in der ätherischen Welt. Dabei opferte der Christus sein Bewusstsein hin, wie Rudolf Steiner angibt, während es auf Golgatha der Leib war. Er ging gewissermaßen durch eine Art Tod des Bewusstseins. Seit der Auferstehung aus diesem Ätheropfertod um das Jahr 1932 kann man Christus als Priester wesenhaft im Äther und in der Elementarwelt finden, also in derjenigen Welt, in welcher die vier Erzengel den Zeitenraum des Evolutionskultus weiten. Daher lässt sich dieser Zeitenraum für kultische Feiern als Auferstehungsraum bezeichnen, weil der aus seinem Bewusstseinskarfreitag 1932 auferstandene Christus in ihm als Priester tätig wird.

Der übersinnliche Raum, der in der Freien Eucharistiefeier zu Beginn invoziert wird, ist also ein dynamischer oder zeitlicher, der den physischen berührt. Physisch treten die Feiernden in räumliche Himmelrichtungsverhältnisse. Zu gleicher Zeit aber vollzieht sich der Kultraum in seiner Zeitbezogenheit. Es ist bewusst gesagt worden, dass er sich vollziehe . Denn die vier Repräsentanten der apokalyptischen Tiere reichen sich, um ihn wirklich zu machen, die »goldenen Eimer« in einer ganz besonderen Weise weiter.

Michael eröffnet ihn als Antlitz Christi, indem er die Säule des Evangeliums wird. Er reicht das Gesetz des Evangeliums an Uriel weiter, der es durch die Opferung führt. Raphael waltet heilend in den Transsubstantiationsvorgängen, wenn er den Eimer von Uriel gereicht bekommt. Und wenn er ihn dann an Gabriel weitergegeben hat, kann dieser die Vereinigung oder Kommunion bewirken. Inmitten von allem aber ist Christus selbst als Priester handelnd. Er macht wahr, was in der Mission seines Mysteriums der Weltvollendung liegt. Und er kann es mit den erweiterten Kräften, die er errungen hat in der Selbstlosigkeit eines Opfers in der Ätherwelt.

Der Kultraum also, in dem die Christuswesenheit in Wahrheit das umfassende Geschehen der Eucharistie vollzieht, ist in Wahrheit derjenige, der sich als Auferstehungskultraum ereignet , indem in ihm alle zur Feier Versammelten mit den Raumeswächtern und dem Christus als ihrer wirklichen priesterlichen Mitte von Evangelium über Opferung und Transsubstantiation zur Kommunion zeit-räumlich voranschreiten.

»Alles Physische«, das ist in diesem Zusammenhang der äußerlich gegenständliche Kultraum, in dem wir Menschen physisch-leiblich anwesend sind, und in dem auch die Substanzen von Brot und Wein dargebracht werden. Hierüber hat der Sohn eine Ermächtigung bekommen, die darin besteht, diesen physischen Raum in einen solchen zu verwandeln, dass er ihn zeitlich wirksam werden lässt, also durch den Prozess von Evangelium, Opferung, Transsubstantiation und Kommunion. Er verwandelt dadurch das Physische des Kultraumes, das räumlich im Tod liegt, in das Prozessuale des Auferstehungsraumes, das zeitlich durch den Strom des Lebens geht.

Das Einzigartige an der Menschensohnwerdung und der sich daran anschließenden Golgathatat des Christus besteht darin, dass er die unvorstellbar göttliche Macht und Kraft erlangt hat, den Kreis und das Kreuz des physischen Raumes in die gekreuzte Lemniskate des Lebens zu verwandeln. Und das tut er fortwährend, seit 1932 nunmehr selbst anwesend als Priester in seiner Auferstehungsgestalt, mit den Substanzen Brot und Wein und als Folge davon auch im Menschen und in allen mit dem Menschen zusammenhängenden Daseinsebenen. Das ganze christliche Heils- und Heilungsprinzip mit dem daraus resultierenden Frieden beruht auf der Erschaffung der Lemniskate aus dem Kreis und dem damit vereinigten Prinzip der Stellvertretung. Das aber hat, so paradox es klingen mag, zur Folge, dass Christus mit der schrittweisen Verwesentlichung des Priesteramtes in sich selbst das ihn noch in früheren Zeiten stellvertretende menschliche Priesteramt durch Weihe nach und nach aufhebt. Denn die höchste Wirklichkeit erhält priesterliches Tun durch den einzig wahren Priester selbst, durch Christus. Und handelt er für die Anwesenden Mitfeiernden bewusst wahrnehmbar, dann brauchen sie selbst nicht Priester zu sein und auch keinen anderen Priester in ihrer Mitte als Christus allein.

Wesen, die nur den Kreis begreifen können oder wollen, sind nicht in der Lage, das nachzuvollziehen. Sie sind als »von diesem Kosmos«. Das Reich des Christus ist aber nicht von diesem Kosmos, sondern von demjenigen, in welchem das konstituierende Prinzip die Lemniskate ist.

Der Kreis als Sinnbild für das Ich und den Egoismus geht mit dem Schwert um. In ihm kann der Fundamentalismus zu Hause sein und jeden anderen bekämpfen. In Wahrheit gebiert der Kreis den Krieg.

Die Lemniskate als Sinnbild für das Ich im Altruismus, das Ich, das seine Selbstverwirklichung in der Stellvertretung sucht, es gebiert Frieden, Verständnis und Gesundung.

* Hierbei handelt es sich um eine freie Eucharistiefeier, die von einigen Menschen seit Pfingsten 2002 gefeiert wird. Was hier über das Geistige von Kulträumen vorgebracht wird, lässt sich mit der nötigen Veränderung aber auch auf diejenigen anwenden, die in Verbindung stehen mit Kirchenräumen herkömmlicher Konfessionen.

Die freie Eucharistiefeier ist entstanden im Rahmen von AorimReikiShiki®, um auch dort die Möglichkeit einer kultischen Feier zu haben. Was zu ihrem Verständnis nötig ist, kann jedoch aus der Kenntnis der Anthroposophie Rudolf Steiners gewonnen werden.

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