Nicht ich, der Christus in mir.

Kontemplation über die Identitätsproblematik bei der Ichentwicklung der Menschheit - Teil 1
Hergen Noordendorp

In oben zitierter Form ist vielen Anthroposophen ein Ausspruch des Paulus geläufig, der sich im 2. Kapitel des Briefes an die Galater1 findet und wird von ihnen deshalb gerne zitiert, weil Rudolf Steiner immer wieder darauf anspielt. Wenige haben sich jedoch Gedanken gemacht über den Kontext, in welchen diese theologische Pauluslehre eingebettet ist. So scheint es sinnvoll, den gesamten Sinnzusammenhang zunächst aufzuführen, wie er sich in den Versen 19 bis 21 findet. Sie sollen zunächst in der gängigen revidierten Fassung der Einheitsübersetzung vorgestellt werden, danach in einer Übertragung durch den Verfasser dieses Aufsatzes.

Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben.

Mein Ich ist aber von Gesetzes wegen für das Gesetz sterblich geworden, damit es für das Göttlichen lebendig werden könne. Folglich hat dieses Ich kein Leben aus sich selbst, sondern aus dem Christus, der in ihm das Leben ist. Denn was aus meinem Ich sich durch das Physische hindurch als lebendig offenbart, erströmt als Lebenswirklichkeit aus dem Vertrauensbund mit dem Göttlichen Sohn, der sein Wesenhaftes in Liebe meinem Ich eingeströmt hat. Mein (wahres) Ich verschließt sich folglich niemals gegen die Göttliche Gnade. Denn ohne Christi Todes-Lebens-Opfer ist das Gesetz selbst außer Stande, überhaupt Gerechtes zu bewirken.


Paulus war ein jüdischer Pharisäer mit römischer Staatsbürgerschaft. Er sprach neben seiner Muttersprache aramäisch wohl auch hinreichend lateinisch. Aber die von ihm versandten Briefe an die Gemeinden in Kleinasien und nach Griechenland sind in einem literarisch hoch stehenden Griechisch abgefasst, welches von Lukas, dem Verfasser der Apostelgeschichte und des Evangeliums redigiert wurde. Man muss sich, um es zu verstehen, in die Vielschichtigkeit der griechischen Ausdrücke vertiefen. Gelingt dies ein wenig, dann blickt man in andere theologische Dimensionen als diejenigen es sein können, welche über die Jahrhunderte in Dogmen leblos geworden sind. Zu welchen Auffassungsunterschieden dies führen kann, zeigt der Vergleich zwischen den beiden oben aufgeführten Übertragungen.

Paulus setzt die Begriffe "Gesetz" und "Gnade" in eine Polarität, deren fortwährender Ausgleich, deren fortwährende Überbrückung sich im Mysterium des Opfertodes Christi am Kreuz vollzieht, geschichtlich gleichsam physisch einmal in der Zeitenwende, dann aber weiter in einem unablässigen Geistes-Lebens-Strom, von dem der reale Fortbestand des menschlichen Ichs substanziell abhängig ist.

Recht schwierig ist schon der Begriff "Gesetz" aufzufassen. In der Sicht des Juden Paulus ist er weitgehend gleichbedeutend mit dem mosaischen Gesetz oder der Thora. Es geht um Rechtssetzungen, die aus der geistig-göttlichen Welt als Offenbarungen heruntergelangt sind. Im Griechischen hingegen hat der Begriff "Gesetz", der dort "nómos" heißt, nicht einen theokratischen Bezug, sondern dient der Regelung der Rechtsverhältnisse derjenigen Menschen Griechenlands, die sich als freie Bürger einzelner Stadtstaaten verstanden. Im römischen Sinne schließlich wird das Gesetz zur Lex, zum allgemeinen Staatsbürgerrecht im persönlichen Sinne.

So wird man, um Paulus nicht grob misszuverstehen, das Gesetz als aus dem Göttlichen kommend auffassen müssen, nicht nur bezogen auf die moralischen Komponenten, die sich insbesondere in den zehn Geboten zum Ausdruck bringen, sondern auch etwas allgemeiner als eine aus dem Göttlichen erwirkte Natur- oder Evolutionsgesetzlichkeit. Unter keinem anderen Gesichtspunkt wäre es sonst möglich, sagen zu können: "Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben". Paulus will darauf hinweisen, dass diejenige Evolutionsgesetzlichkeit, die am Beginn der Erdenentwicklung zu walten begonnen hat, ihr Werk so vollzieht, dass sie zwar ein Ichhaftes hervorbringt, diesem aber nicht auch zu einem lebendigen Inhalt verhelfen kann. Es vermag eine Tod durchdrungene Hülse mit ichhaftem Charakter zu schaffen. Diese Hülse oder Hülle wird im antik-theologischen Sinne "Fleisch" genannt, der moderne anthroposophische Ausdruck dafür wäre "Physis" oder "physischer Leib". Das Charakteristische der physischen Materie, aus welcher diese "Physis" besteht, liegt darin, dass sie in ihrem Physischsein undurchdringlich ist, also einen anderen physischen Körper an dem Ort und in der Zeit, an welchem sie sich selbst aufhält, ausschließen muss. Mit anderen Worten: Die waltende Natur- oder Evolutionsgesetzmäßigkeit, soweit aus ihr der physische Plan der jetzigen Erdentwicklung hervorgegangen ist, sie schließt sich durch ihre Eigengesetzlichkeit in dem einen physischen Gegenstand von ihrer gleichartigen Eigengesetzlichkeit in irgendeinem anderen physischen aus, hebt sich in ihrer Wechselwirkung zwischen dem Physischen der Erscheinungen im Wesentlichen auf. Die Folge davon ist, dass eine Befreiung vom Prinzip der Notwenigkeit erreicht wird, die seelisch erlebt werden kann von jenen Geschöpfen, die auf der Stufe der Identitätserlangung stehen. Physischer Ausschluss von einem anderen Physischen führt zu einem spezifischen Identitätsbewusstsein, welches sich so artikulieren kann: Ich bin ich dadurch, dass ich frei bin von all dem anderen um mich herum, das sich nicht an dem Ort aufhalten kann, den ich selbst für mich einnehme. Das Ausschlusserleben in seiner fortschreitenden Evolution wird allmählich sehr umfassend. Und mit dem erwachenden Erkenntnisvermögen solcher Seelen, die in dieser Weise "von Gesetzes wegen" zu einem Selbsterleben und dann auch zu einer Selbstauffassung gelangen, reift früher oder später die Einsicht: Ich bin, weil ich alles andere nicht bin. Ich bin in der Negation. Und diese Negation legt sich schließlich auf alles, auch auf das, was man das Leben nennt und führt zu der Auffassung: Ich bin nicht. Paulinisch ausgedrückt: Mein Ich ist aber von Gesetzes wegen für das Gesetz sterblich geworden. Und das heißt, dass alle Evolutionsgesetzlichkeit, die vom Erdbeginn gewirkt hat, den Geschöpfen, die ihr Selbstbewusstsein zu entwickeln haben, sie völlig vom ureigenen Göttlichen absondert, dem Leben - und damit dem Erleben des Todes und des Sterbens ausliefert.

Paulus benennt aber sogleich den Zweck dieser ganzen Einrichtung: damit das Leben von sich entwickelnden Selbstbewusstseinen eben nicht in einer toten Stoffesumwelt gesucht werde, sondern im Göttlichen, das durch diese Stoffeswelt vorläufig verborgen ist für das Erkennen.

Nun wird man nur schwer in der Betrachtung vorankommen, wenn nicht ein kurzer Blick auf den Gottesbegriff geworfen wird, wie er in der aramäischen Sprache angelegt ist, die seinerzeit Jesus von Nazareth gesprochen hat. (Siehe hierzu auch den Beitrag von Harrie Salman zum Thema "das Böse" "Lazarus" Heft 4-02, Seite 13) In dieser ist "Gott der Vater" nicht rein männlich, wie in der hebräischen Auffassung, sondern vereinigte in sich auch die weibliche Komponente. Man würde also im Aramäischen von einem "Vater-Mutter-Gott" sprechen. Man hat so einerseits "Vater-Mutter", andererseits den göttlichen Sohn, also auch hier die heilige Trinität, aber so, dass sich ihr zeugender und hervorbringender Anteil im Absoluten befinden, dass aber das zeugende oder schaffende Hervorgebrachte - der Sohn oder der Logos - in der sich evolvierenden Welt waltet, welche der Zeit unterworfen ist. Man mache sich die gewählte Formulierung "das schaffende Hervorgebrachte" nur sehr klar. Es heißt nichts anderes, als dass dieses Sohnesprinzip in der schaffenden Komponente das väterliche Element und im Hervorgebrachten oder im Geborensein das mütterliche Element trägt. Dieses mütterliche Element der Trinität wird im Hebräischen "Ruach hakadosh" oder "heiliger Geist" genannt. Und Ruach ist weiblich. Im Sohn aber offenbart sich diese Vater-Mutter-Urgottheit als Welt zeugende und Welt gebärende Evolutionsidentität, als einer, der einen Namen trägt, den nur er selbst kennt. Diese "Ichhaftigkeit" ist "Ichanwesendheit" der höchsten göttlichen Identität, die aber von keinem Geschöpf der erschaffenen Welt in ihrer ganzen Tiefe erfasst werden kann. Es gibt einen Erzengel, der dieses Geheimnis in seinem Namen trägt: Michael. Üblicherweise übersetzt man das mit: Wer ist wie Gott? "Wie" steht aber gar nicht in diesem Namen darinnen. Dort steht nur: Mi - wer, cha - du, el - Gott. Und das heißt: Wer bist du, Gott? Das aber ist die kompromisslose Frage nach der Identität des höchsten Trinitarischen in seiner göttlichen Offenbarung während einer Evolution.

Kehren wir nach diesem kleinen, aber notwendigen Exkurs zurück zu Paulus. Liest man ihn genau, dann findet man zwei Komponenten, die bei ihm das Göttliche ausmachen: das Gesetz einerseits und die Gnade andererseits. Nun könnte man die Auffassung haben, dass das Vaterprinzip dem Gesetz zugeordnet werden müsse. Das mag vielleicht unter anderen Gesichtspunkten zulässig sein, hier aber würde es manches durcheinander bringen. (Diese Problematik wird deshalb noch einmal gegen Ende des Aufsatzes aufgenommen und fortgeführt. Hier geht es jedoch zunächst um Folgendes.)

Ein Gesetz hat mit Strukturen zu tun. Strukturen sind Charakteristika von geformten Phänomenen. In seinen esoterischen Betrachtungen ordnet Rudolf Steiner das Formprinzip immer wieder dem Geistprinzip zu. Formen sind das Ergebnis von Hervorbringungen oder Geburten. Es gibt einen griechischen Ausdruck, der eigentlich mit "Hervorbringung" übersetzt werden müsste: Exousia. Ganz richtig ist er so zu verstehen: Die Hierarchie der Exousiai, das sind die Hervorbringer, die Geister der Form. Und das griechische Wort ist sogar weiblich2 .

Nach dieser Betrachtung fällt es nicht schwer, die göttliche Gnade dem Vaterprinzip zuzuordnen. Und wie Paulus im Gesetz dasjenige auffasst, was das Tote bewirkt, so sucht er das göttliche Leben in der Gnade, die er ausdrücklich als notwendige Ergänzung zum Wirken des Gesetzes darstellt. Und den Sohn fasst er auf als dasjenige Prinzip, als diejenige Kraft, die sich dann als eine geistig lebendige Identität offenbart, wenn diese Kraft aus der in ihr selbst liegenden Liebe sich als Leben in eine tote Hülle eingießt, die dann aus ihrer Erstarrung erlöst und wieder dynamisch und evolutionsmitgehend wird, während die bloße Hülle, welche aus dem Gesetz allein resultiert, zu völliger Bewegungslosigkeit sklerotisieren muss. Kraft heißt griechisch "Dynamis" und deutet auf den zweiten Chor der mittleren Hierarchie: die Dynameis. Die Gnade schließlich liegt im fließenden lichten Lebensprinzip, welches die Kyriotetes am Beginn der alten Sonnenentwicklung dem Menschenwesen als Lebensorganisation schenkten.

Der ganze paulinische Ausspruch ringt also um ein Verständnis des trinitarischen Wirkens, insofern es ein freies ichhaftes Menschenwesen zum Schaffensziel hat. Er sucht dieses vom Menschlichen Begriffsvermögen nicht fassbare Wirken des Absoluten auf in den Tätigkeiten der drei Chöre der zweiten Hierarchie, wo es als Schöpfungsabbild aufscheint.

Die Exousiai schufen im Beginne das Menschenwesen als Formwesen, das ihrer Gestalt nachgebildet war. Aber sie mussten nach dem Einwirken der luziferischen Kraft diesem Menschenwesen den Zugriff zum Leben entziehen, nachdem diese im Menschenwesen eine vorzeitige Urteilsfähigkeit geweckt hatte, die dem luziferischen Element gemäß mit der Weisheit der früheren Mondenentwicklung im Zusammenhang steht, aber sich jetzt durch eine egoistische Komponente offenbarte. So wurde die Menschengestalt zwar weise entwickelt, aber sie musste dafür immer mehr auf die innere Lebendigkeit, die innere Dynamik oder Dynamis verzichten. Diese Kraft wurde aufgespart. Sie blieb in dem Bereich der Kyriotetes, in dem Gebiet, das Paulus die göttliche Gnade nennt. Alle drei Chöre, Kyriotetes, Dynameis und Exousiai sind Sonnenwesen. Und mit der Jordantaufe sehen sie für sich den Zeitpunkt als gekommen an, der jetzt ganz vom Toten durchdrungenen Menschenform der Exousiai in einem Opferakt der Liebe (Tugendkraft - Dynameis) dieser physischen Hülle so das Leben oder die göttliche Gnade (Kyriotetes) einzugießen, dass diese wie von innen heraus die finstere Materiehülle immer mehr licht durchdringt, will sagen, von innen her immer mehr wieder lebendig macht. Wohl nennt Rudolf Steiner das Christuswesen, welches sich mit der Jordantaufe herabsenkt die Fülle der Exousiai, also des untersten Chores der zweiten Hierarchie. Dieses ist aber nicht unbedingt ein Widerspruch zum gerade vorgebrachten. Denn man versteht den wirkenden Geist nicht, wenn man ihn analytisch zu verstehen versucht. Man muss versuchen, zu verstehen, was in einer Offenbarung des Geistes zusammenwirkt. Diese ist umso erhabener, je größer die Fülle des hierarchischen Wesensstromes ist, welcher sich in das unterste Glied dieses Prozesses, den man gleichsam als Geisteskelch bezeichnen könnte, hineingießt. Hierauf wird insbesondere der dritte Teil dieser Aufsatzreihe eingehen.

Jetzt soll noch einmal auf den oben gemachten Einwand eingegangen werden, der sich auf nachstehenden Passus bezieht:

Nun könnte man die Auffassung haben, dass das Vaterprinzip dem Gesetz zugeordnet werden müsse. Das mag vielleicht unter anderen Gesichtspunkten zulässig sein, hier aber würde es manches durcheinander bringen. Ein Gesetz hat mit Strukturen zu tun. Strukturen sind Charakteristika von geformten Phänomenen.

Eine differenzierende weitere Betrachtung zu diesem Zitat ist, wie oben schon angedeutet, deswegen nötig, weil man spontan immer das Machtprinzip, welches sich in allem Gesetzesartigen zeigt, mit dem Vater assoziiert. Daher scheint sich ein Widerspruch zu dem oben Gesagten zu ergeben. Die Lösung des Problems kann folgendermaßen gesucht werden.

Es wurde vorgebracht, dass "Gebären" dem Geistprinzip und "Zeugung" dem Vaterprinzip der Trinität entspricht. Insofern sich diese Prinzipien aber zu einer physisch-leiblichen Gestaltung verdichten, kehren sich die Komponenten um. Rudolf Steiner weist immer wieder darauf hin, dass man in der geistigen Welt Phänomene komplementär zu dem verstehen muss, was man in der Gegenstandswelt vorfindet. Wenn sich also in der physischen Welt das männliche Element zeugend betätigt, dann kommen von ihm die differenzierenden, strukturierenden Einflüsse. Das Physisch-Männliche bewirkt hier also die Formung. Hingegen erströmt aus dem Physisch-weiblichen die Fähigkeit, mit Leben zu durchdringen und so lebendig hervorzubringen. Schaut man aber auf die Ebene des Ätherischen dahinter, so findet man bei der physischen Frau einen männlichen Ätherleib und beim Mann einen weiblichen. Und so wirkt eigentlich die zeugende Vaterkraft ätherisch gesehen durch den männlichen Ätherleib der Frau, die gebärende Geistkraft ätherisch gesehen durch den weiblichen Ätherleib des Mannes. Aber so herum oder so herum, das Kind, welches aus dieser ätherischen oder physischen Vereinigung hervorgeht, vereinigt in sich im tätigen Sinne diese beiden Komponenten. Es ist "das schaffende Hervorgebrachte", in ihm liegt der ganz Keim der Zukunft. Bezogen auf die Vater-Mutter-Polarität im Ätherischen würde man dieses Kind einen Gottessohn nennen, bezogen auf diejenige im Physischen einen Menschensohn.

Paulus geht in dem, was er in diesen Versen an die Galater ausspricht, weit über dasjenige hinaus, was wirklich mit den Fähigkeiten der Verstandesseele, die nach Rudolf Steiners Angaben in der Epoche des Paulus menschheitlich entwickelt wurde, begriffen werden kann. Sein Anliegen richtet sich an ein Auffassungsvermögen, welches erst für die Bewusstseinsseele greifbar wird. Paulus hatte sein christliches Einweihungserlebnis vor Damaskus erhalten durch den Christus selbst. Ihm wurde es möglich, dessen Auferstehungserscheinung zu erleben, wie es der Menschheit erst in der unmittelbaren Gegenwart bevorsteht. Rudolf Steiner weist an verschiedenen Stellen seines Werkes darauf hin, dass das Bewusstsein eines Eingeweihten sich vom "Normalmenschen" dadurch unterscheidet, dass er zu einer gewissen Zeit schon dasjenige bewusst erlebt, welches der Menschheit erst in der nächsten Epoche zu erringen möglich ist. Vor diesem Hintergrund wird auch erst verständlich, weshalb Paulus sich nach seinem Damaskuserlebnis als "Fehlgeburt" oder unzeitige Geburt3 bezeichnet.

Nun ist eigentlich das Griechisch der paulinischen Zeit wenig geeignet, Bewusstseinsseelenartiges zu transportieren. Paulus (bzw. Lukas sein Lektor) stehen ständig vor den Grenzen des für sie noch Ausdrückbaren. Wirklich verständlich wird ein Paulustext daher für den heutigen Menschen wohl erst, wenn er in Ausdrücke einer modernen Bewusstseinsseelensprache umgegossen wird, was aber ein Abgehen von der verbalen Übertragung erfordert.

Denn was Paulus zutiefst berührt hat in seinem Damaskuserlebnis, war die Tatsache, dass er das Christuswesen als innersten, aber unermesslichen Inhalt seines eigenen Menschseins erfahren hat. Eine solche Erfahrung ist nicht durch andere Menschen vermittelbar oder als Glaubensinhalt missionierbar (Verstandesseele), sondern sie erfließt aus einem intimen Hin- und Herströmen zwi-schen dem Christus im Wesenszentrum des Paulus und dem Paulus als der persönlichen Peripherie zu diesem Zentrum (Bewusstseinsseele).

Weiteres dazu in Teil 2.

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1 Griechisch für "Kelten"
2 Ein einzelnes Mitglied aus der Hierarchie der Exousiai ist demnach eine(!) Exousia.
3 Siehe 1. Korinther 15, 8. "Als letztem von allen erschien er auch mir gleichsam als einer Fehlgeburt. Der griechische Begriff hier für lautet: "ektroma". Er leitet sich vom Verb "titrosko" ab, was "verwunden" oder "verletzen" bedeutet, zumeist aber mit Einstichen in den Brustkorb oder den Unterleib in Zusammenhang gebracht wird. Hier liegt der Bezug zum Geburtsvorgang. Nur dass der Vorgang des Verletzens durch die Vorsilbe "ek" - "heraus" in "ek-troma" (das Verb hierzu wäre dann "ek-titrosko") umgekehrt wird. Sie vollzieht sich von innen her und verletzt den Mutterleib, weil der rechte Geburtsaugenblick noch nicht da ist. Die zur rechten Zeit sich vollziehende Geburt wird nicht als Verletzung aufgefasst.

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