Moderne Übersetzung:
20 Nun lebe ja keineswegs ich. Es lebt der Christus in mir. Das, was ich im Physischen als Leben trage, kann ich nur deshalb als Leben tragen, weil es seine Wirklichkeit durch den Sohn des Gottes erhält, der mich liebt und sich für mich hingibt.
21 Nur so würdige ich die Gnade des Gottes. Denn hätte das Gesetz Gerechtigkeit gebracht (bzw. bringen können), wäre der Tod Christi völlig überflüssig gewesen.
Revidierte Lutherfassung:
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.
Die moderne Übersetzung aus dem Griechischen wurde von Hergen Noordendorp vorgenommen.
Das angeführte Pauluszitat erscheint an unzähligen Stellen im Gesamtwerk Rudolf Steiners in der verkürzten Form: »Nicht ich, sondern der Christus in mir.«
Es erschien daher notwendig, den vollen Wortlaut zur besseren Information zu übertragen. Wenn man die moderne Übersetzung mit derjenigen Luthers vergleicht, so kann einem schon deutlich werden, wie weit entfernt die antike griechische Redeweise von unserem heutigen Verstehensvermögen liegt, wenn sie nur Wort für Wort übertragen wird und nicht mit Verständnis auf ihre innere Sprachdynamik.
Insbesondere das Wort »pisteuein«, welches üblicherweise mit »glauben« übersetzt wird, verdunkelt den Sinn für den modernen Menschen in dieser Übertragung, weil ihm der Begriffsinhalt des Nichtwissens untergeschoben wird. Genau das aber will Paulus gar nicht sagen, sondern mit dem Wort »glauben« ausdrücken, dass seine Aussage nur dann inneren Sinn macht, wenn mit dem Glauben oder Vertrauen die höchste Wirklichkeitsgewissheit für das Bewusstsein des Menschen verbunden ist.
Nur wenn für einen Menschen evident ist, dass er selbst in seinem täglichen Leben gar nicht lebt, sondern dass das, was er sein Leben nennt, die vitale Betätigung des Christus in ihm bis hinunter in seinen physischen Leib ist, dann hat er den wirklichen Begriffsinhalt für das griechische Wort »pisteuein« - »glauben« gefunden.
Der vielleicht interessanteste Teil dieses Pauluszitats ist der Vers 21. Er macht ja die äußerst verblüffende Feststellung, dass vom Gesetz keine Gerechtigkeit zu erwarten ist.
Denn worin besteht ein Gesetz? Es ist ein Normenkodex, der erfahrungsgemäß nicht zur Ausbildung einer höheren Moral führt, sondern mit seiner Setzung stets die Abweichung des menschlichen Willens- und Tatenwesens von der moralischen Norm, die in seiner Setzung niedergelegt wurde, feststellt.
Die Ausbildung einer höheren Moral im Sinne dieses Gesetzes ist in die Freiwilligkeit des jeweils einzelnen gelegt. Wendet er seine individuelle Kraft dazu auf, das Gesetz in sich zu verwirklichen, dann beginnt er eine höhere Moral zu leben oder besser gesagt, der Christus in ihm beginnt diese höhere Moral zu leben. Dadurch aber wird der Christus im Menschen zum Erfüller des Gesetzes.
»Ich bin nicht gekommen, das Gesetz abzuschaffen, sondern es zu erfüllen.«
Wo ein Mensch aber in Kenntnis des Gesetzes willentlich von dessen Satzungen abweicht, wird er kriminell. Und analog zu dem Eingangssatz müsste er sagen:
»So lebe nicht ich, sondern der Nichtchristus lebt in mir.«
Ein anderes Wort für Nichtchristus ist Antichrist.
In diesem Sinne wird deutlich, dass das Gesetz von sich aus niemals zur Verbesserung, sondern immer nur zur Bewusstmachung von Abweichungen führen kann. Darauf weist auch der Christus hin, wenn er sagt, dass das Gesetz die Sünde offenbar mache. Genau hierauf will Paulus an dieser Stelle hinweisen. Sein Ausspruch ist dabei global zu verstehen, denn unter den Begriff Gesetz fällt alles, was sich seiner Art nach mit Paragrafen fassen lässt: also auch eine kirchliche Dogmatik.
Damit fällt ein überaus helles Licht auf das ganze Heilwerk Christi. Denn durch die Eigentümlichkeit all dessen, was Gesetzescharakter hat, wurde das Todesopfer Christi notwendig. Gerade dadurch ist völlig ausgeschlossen, dass dieser Tod vergeblich oder überflüssig gewesen ist. Im Gegenteil:
Das Todesopfer Christi stellt gegenüber der Wirklichkeit des Gesetzes eine höhere Wirklichkeit dar, welche diejenige des Gesetzes erst zu einer von Leben durchdrungenen macht und damit aus der Starre zu wahrer, dynamischer und liebevoller Wirksamkeit herausführt, gerade dadurch, dass er sie in ihrer Erscheinung als Tod angeht.
Das Gesetz ist der Vater.
Das Gesetz ist aber auch der Tod.
Der Vater ist die Weltsubstanz.
Also ist der Vater auch die im Tod befindliche Weltsubstanz.
Sie bedarf der Wiederbelebung.
Der Christus bezeichnet seinen Weg ans Kreuz in den Tod als den Weg hinein in den Vater.
Der Christus ist das Leben, welches der Vater an ihn gegeben hat, damit Er (der Vater) in seiner Offenbarung als Substanz den Tod zur Erscheinung bringen könne.
Wenn der Christus zurück in den Vater geht, bringt er diesem das Leben zurück oder vereinigt er das Leben wieder mit dem Vater.
Solches meint Paulus, wenn er davon spricht, dass das Gesetz nicht die Gerechtigkeit gebracht hätte. Es bringt sie erst dadurch, dass der Christus das Gesetz aus einem »Todesbewusstmacher« zu einem Lebensträger durch den eigenen Weg in den Tod verwandelt und damit zugleich für alle Menschen, die von der Evidenz dieser Heilsvorgänge so für ihr Wahrheitsverständnis berührt werden können wie von der Evidenz etwa des mathematischen Satzes, dass die Summe der Winkel eines Dreiecks 180 Grad ist.