Die Nebenübungen von Rudolf Steiner

Bei diesen von Rudolf Steiner angegebenen Nebenübungen handelt es sich um Vorkehrungen, die der Harmonisierung der drei menschlichen Seeleneigenschaften von Denken, Fühlen und Wollen dienen.

Sie werden in verschiedenen seiner Übungsschriften - zum Beispiel in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten« - dargestellt und dienen der Ausbildung derjenigen 6 der 12 Blätter des Herzchakras, die der Mensch selbst in Tätigkeit versetzen muss.

Es handelt sich der Reihe nach hierbei um die folgenden Übungen:

   1. Das rechte Urteilen.
Man hat sich einen einfachen Gegenstand des täglichen Lebens - etwa ein Streichholz - bildlich ins Bewusstsein zu rücken. Dann bemüht man sich während 5 Minuten nur solche Gedanken und Vorstellungen mit diesem Gegenstand zusammen zu denken, die unmittelbar inhaltlich mit ihm in Verbindung stehen.
Beim Streichholz ginge es darum, das Material zu beschreiben, die technische Art seiner Fertigung, den Zweck seiner Erfindung.
Nicht jedoch geht es darum, sich etwa in Vorstellungen eines Waldbrandes oder anderer durch ein Streichholz ausgelöster Katastrophen zu ergeben.
Fehlen einem sachliche Vorstellung darüber, wie das Material eines Streichholzes in die entsprechende Form gebracht wird, dann ist es sinnvoll, sich diesen Mangel an Wissen einzugestehen und bis zur nächsten Übung an Hand von Sachbüchern zu beseitigen.

Wer so übt, gewöhnt sich daran, seinem denkenden Urteilen eine sachlich möglichst richtige Basis zu geben und alle Spekulation mit ihren fehlerhaften Vermutungen zu vermeiden.

   2. Die rechte Initiative.
Man nimmt sich zu einer frei festgesetzten Zeit vor, eine kleine, nicht vom allgemeinen Tagesablauf vorgegebene Handlung zu vollziehen. Beliebt sind Handlungen wie die, sich etwa zu einer bestimmten Uhrzeit mit dem rechten Zeigefinder dreimal über den Nasenrücken zu streichen.
Es kommt für diese Initiativübung darauf an, dass man nicht etwas vollzieht, dass sich jemand anderes ausgedacht hat, sondern dass man selbst die Idee dazu entwickelt.

Hat man diese Übung einige Zeit lang mit Regelmäßigkeit durchgeführt, fügt man zu einer anderen Tageszeit eine weitere Übung dieser Art hinzu. Der allmählichen Steigerung durch weitere Übungen sind nur dort Grenzen gesetzt, wo die täglichen Verpflichtungen sie nicht zulassen.

Der Zweck dieses - zugegebenerweise überaus schwierigen - Vollziehens der Initivübung ist, dass man sich allmählich abbringt davon, sich gedankenlos Dinge zur Durchführung vorzunehmen, die man dann doch nicht tut. Rudolf Steiner nennt es ein sich Trennen von »wesenlosem Begehren«.

   3. Ausgleich der Emotionen.
Diese Übung dient dazu, das Empfindungsleben beherrschen zu lernen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Beherrschen heißt hier nicht Unterdrücken.
Es geht vielmehr darum, sich seinen Empfindungen und Emotionen in einer Weise hinzugeben, die es erlaubt, diese zu durchleben, ohne dass man ihnen sofort einen äußeren Ausdruck verleiht.
Wer in traurigen Situationen dazu neigt, sogleich in Tränen auszubrechen, der übe jetzt, seine Trauer so zu durchleben, dass er zwar trauert, aber nicht mehr dabei weint. Wer dazu neigt, in Zorn auszubrechen, der übe, seinen Zorn so zu durchleben, dass er äußerlich dabei so ruhig bleibt, als wäre nichts geschehen.

Zweck dieser Übung ist es, innerlich immer empfindungsfähiger zu werden, aber zugleich auch so stark, dass man die Empfindungen beherrscht und nicht die Empfindungen einen selbst.

   4. Die rechte Positivität.
Bei dieser Übung geht es darum, in einem Umstand des Lebens, der sich in einer unschönen, oft auch negativen Art zeigt, neben dem berechtigten Anerkennen dieses Umstandes dessen äußeren Schein dahingehend zu durchdringen, dass man auch das berechtigte Gute oder Schöne darin noch zu erkennen vermag.
Man mag beim Anblick eines verwesenden Kadavers sich im Abscheu über dessen Anblick ergehen, man kann aber, wie es in einer Legende Buddhas erzählt wird, auch seinen Blick auf die herrlich weißen Zähne des Gebisses richten.

Der Zweck dieser Übung ist die Beherrschung des Zusammenspiels von Fühlen und Denken (Urteilen).

   5. Die rechte Unbefangenheit
Bei dieser Übung geht es darum, sich nicht mehr von den äußeren Sachzwängen beherrschen zu lassen.
Zwar wird man kaum solche Zwänge vermeiden können. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, dass diese nicht die eigene Initiative mehr lähmen.
Ein äußerer Sachzwang wäre etwa eine Zwangsversteigerung von Gütern, die einem gehören. Hier käme es darauf an, durch rechte Unbefangenheit nicht in ein Hadern mit dem Schicksal zu geraten, sondern eine solche innere Haltung zu erlangen, die einem den Blick nicht für jene Ideen und Maßnahmen verstellt, welche die Richtung weist, in der es weitergeht.

Der Zweck dieser Übung ist die Beherrschung des Zusammenspiels von Wollen und Denken.

Rudolf Steiner nennt diese Übung auch einmal die des »rechten Glaubens«.

   6. Harmonisierung
Die vorgenannten 5 Übungen stehen zueinander in einer Steigerung. Man beginnt immer mit der ersten, wenn man sich entschließt, sie zu üben. Unter Beibehaltung der 1. schreitet man zur 2. fort und so weiter.
Schließlich gelangt man dahin, alle 5 Übungen parallel zu üben. Wenn man hierzu gelant ist, stellt das die inrede stehende 6. Übung der Harmonisierung dar.

Durch diese Übungen werden diejenigen sechs Blätter des Herzchakras in Bewegung gesetzt, die des Menschen Initiative hierzu bedürfen. Die anderen 6 setzten sich dann von geistiger Seite aus wieder in Bewegung.

Wichtig ist noch anzumerken, dass das Herzchakra das eigentlich menschliche Chakra ist. Hat es eine gesunde Struktur, dann kann sich das menschliche Ich in rechter Weise in der Welt betätigen.
Diese rechte Weise ist insbesondere dann beeinträchtigt, wenn man Meditationsübungen durchführt, ohne die hier dargestellten Übungen zu vollziehen.
Im Herzzentrum und -chakra liegt die geistige Begegnungsstätte des Menschen mit der Christuskraft. Beginnt ein Mensch damit, dieses Zentrum im obigen Sinne auszubilden, dann fließen ihm hierzu die Kräfte des Christus selbst zu. Man könnte auch sagen: immer wenn ein Mensch diese Übungen macht, dann macht sie der Christus mit ihm.

Hierin liegt das Einzigartige dieser Übungen

Denn die rechte Verbindung mit dem Christus über ein gesundes Herzchakra ist gleichbedeutend mit einer rechten Verbindung des Menschen zu seiner irdischen Umgebung, welche mit dem Ereignis von Golgatha der Wohnsitz der Christuswesenheit geworden ist.

Beginnt ein Mensch mit Meditationsübungen, dann begibt er sich auf den Weg in die geistige Welt, die in ihrer Art ganz anders ist als seine irdisch-physische Umgebung. Für diesen Weg bedarf er der Begleitung durch geistige Wesen, die schon in dem Bereich zu Hause sind, den er zu betreten wünscht. Da aber der Erkenntnisbereich des Menschen durch den Fall in die Materie zugänglich wurde für Wesen, die den Menschen von der Erde fortlocken wollen, entstehen ernste Gefahren durch solche Meditationsbestrebungen.
Zur Überwindung gerade dieses Materiefalles ist das Golgathageschehen des Christus eingetreten.
Werden nun meditative Bemühungen ohne das Streben, sich zugleich übend mit dem Christus zu verbinden, durchgeführt, dann führen sie in den Wirkensbereich derjenigen Wesen, die den Menschen aus seiner Evolutionsrichtung ziehen wollen.
Beginnt man jedoch die inrede stehenden Nebenübungen, bevor man seine eigentliche Mediationspraxis beginnt, bleibt man auch dann in der Obhut Christi, wenn man sich für den Weg durch die geistige Welt denjenigen Wesen anvertrauen muss, die einen sonst auf Abwege bringen würden. Jetzt kann dieser Weg gefahrlos beschritten werden.

Siehe auch: Die Reikiprinzipien.

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