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Die Bewusstseinsseele
Während das Ich in der Empfindungs- und Verstandesseele mit all den Eindrücken und Erinnerungen umgeht, die an sinnlichen oder äußeren Begebenheiten erlebt und erinnert wurden, so ist hiermit noch keineswegs alles an Möglichkeiten ausgeschöpft. Durch das Selbsterlebnis in der Innerlichkeit hat sich das Ich von der äußeren Welt dadurch unterscheiden gelernt. Es nimmt deren Einflüsse nicht mehr unwidersprochen in sich hin, sondern sucht einen Teil von ihnen kraft der Entscheidungsfähigkeit des Verstandes auch zu vermeiden. Aber der Blick ist dabei immer auf das Außen gerichtet. Ein Ich fühlt sich diesem gegenüber gestellt und benennt sich mit einem zu diesen Realitäten passenden Namen, den es nur für sich allein benutzen kann, nicht aber ein anderes äußeres Wesen. Dieser Name heißt »Ich« und hat zu seinem Anlass die Einmaligkeit, mit der sich dieses Ich-Wesen selbst in der übrigen Welt auffasst. Es macht zur Identifikation dieser Besonderheit die biografischen Details aus dem bisher gelebten Leben und den Umgang hiermit zu seinem einmaligen Inhalt. Es lernt, sich bewusst von allem Äußeren in seinem eigentlichen Wesen zu unterscheiden und sich davon auch als unabhängig aufzufassen. Es beginnt mit der Pflege eines »Gartens der Geheimnisse«, also einem Bereich, zu dem niemand anderes Zugang hat, als nur es selbst ganz allein. Hier ist das »verborgene Heiligtum« der Seele. »Der Gott, der im Menschen wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt. Wie die Empfindungsseele und die Verstandesseele in der äußeren Welt leben, so taucht ein drittes Glied der Seele in das Göttliche ein, wenn diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen Wesenheit gelangt.« (R. Steiner, Geheimwissenschaft im Umriß.) Dieses Seelenglied nennt die hermetische Wissenschaft die Bewusstseinsseele. Es soll der Klarheit wegen auch hier wieder genau gesprochen werden. Es ist nicht gemeint, dass das Ich in der Bewusstseinsseele des Menschen Gott sei, sondern dass es mit dem Göttlichen von einerlei Art und Wesenheit sei, etwa so, wie ein Tropfen Wasser, nicht der ganze Ozean, aber sehr wohl mit dem Wasser des Ozeans von einerlei Art und Wesenheit ist. Es ist also gesagt, dass der Mensch in sich das Göttliche finden kann, wie er sich selbst innerhalb seiner Bewusstseinsseele findet, weil sein Ich von gleicher Art und Wesenheit wie das Göttliche ist, aus dem es entnommen wurde, wie ein Tropfen Wasser aus der Fülle des Ozeans. Aber es ist eben entnommen, nicht das umfassende Göttliche selbst. Will das Ich sich selbst in der Bewusstseinsseele ergreifen, dann geht das nicht anders, als dass es in besonderen Momenten sich von seinem Hingegebensein an äußere Eindrücke völlig loslöst. Dieses Lösen geschieht nicht automatisch, sondern durch eine innerlich zu erwerbende entschiedene Tätigkeit dieses Ich gegenüber sich selbst. Man könnte die zeitweilige Loslösung von den Sinneseindrücken auch als einen zeitweiligen Verzicht bezeichnen. So, wie in der Empfindungs- und Verstandesseele die Expansion herrscht, so wird für die Selbsterfahrung des Ich das Erlernen des Verzichten-Könnens in der Bewusstseinsseele unabdingbar. Denn Selbstbesinnung geht nur über Weltvergessen. Damit aber Weltvergessen nicht in Weltfremdheit mündet und endet, darf das Ich nicht in ständiger Selbstbesinnung verharren, sondern muss sich hierfür die Augenblicke frei bestimmen und diese ebenso frei jederzeit wieder verlassen können. Die Versuchung, weltvergessenem Selbstgenuss zu verfallen, ist ungeheuer groß, die Steigerung des Egoismus erschreckend, und daher ist die am härtesten zu erlernende Disziplin für die Bewusstseinsseele das Erwerben der Fähigkeit, aus freien Stücken und in sachbezogener Einsicht auf Selbstgenuss verzichten zu können, wo es der zuvor errungenen Einsicht als notwendig erscheint. Denn, wer nicht erfasst, dass das Ich zwar dem Göttlichen entnommen, aber nicht identisch mit dem Göttlichen als solchem ist, läuft ständig Gefahr in eine Art ungesunden Cäsarenwahnsinns abzugleiten. Und davor kann einen niemand, auch nicht das Göttliche bewahren, nur das Ich sich selbst, indem es sich gewissermaßen unausgesetzt selbsttätig und selbstkontrollierend in die Hand nimmt. Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons |