Die Empfindungsseele

Der aller erste Selbstbewusstseinsfunke im seelischen Element der Innerlichkeit ist etwas, das eine Art Selbstgefühl oder -empfindung hervorruft.
Man erlebt das in spontanen Ekelempfindungen, Wutausbrüchen, Depressionen, kurz allen Emotionen, die in irgendeiner Weise kundtun, wie sich der entsprechende Mensch oder genauer gesagt sein Ich, sein Selbst fühlen, nachdem durch äußere Einwirkung auf die drei Körper ein Impuls in die Innerlichkeit oder den Seelenraum gelangt ist und im Sinne einer Selbstbewusstwerdung wirkt. Hier gilt es, sehr genau zu denken.

»Nicht, dass ein Wesen z.B. Hunger empfindet, kann ihm ein Ichgefühl geben. Der Hunger stellt sich ein, wenn die erneuerten Veranlassungen zu ihm sich bei dem betreffenden Wesen geltend machen. Es fällt dann über seine Nahrung her, weil eben diese erneuerten Veranlassungen da sind. Das Ichgefühl tritt erst ein, wenn nicht nur diese erneuerten Veranlassungen zu der Nahrung hintreiben, sondern wenn bei einer vorhergehenden Sättigung eine Lust entstanden ist, so dass nicht nur das gegenwärtige Erlebnis des Hungers, sondern das vergangene der Lust zu dem Nahrungsmittel treibt.«
(R. Steiner, Geheimwissenschaft im Umriss)

Selbstbewusstsein basiert also auf der Fähigkeit sich erinnern zu können.
An dieser Stelle gilt es, einen präzisen Begriff von »Erinnerung« zu bilden. Erinnerung ist die Fähigkeit, ein einmal gegenwärtig gewesenes Erlebnis in Bezug auf dessen aufbewahrten vergangenen Nachklang innerlich hervorbringen zu können, d.h. nicht darauf angewiesen zu sein, immer wieder die neuerliche Veranlassung für das Erlebnis selbst aufsuchen zu müssen.

Darin besteht geradezu die vom Ich erbrachte Leistung, dass es sich anhand seiner Erinnerungen mit Erlebnissen wieder in Beziehung setzen kann, die als solche der Vergangenheit angehören. Es bildet sich eine Erinnerungsvorstellung von jedem gemachten Erlebnis. Und es kann diese Vorstellung so benutzen, dass es durch sie alle Mittel wiederfindet, die nötig sind, um beispielsweise erneut den Genuss zu bekommen, den das damalige Erlebnis vermittelt hat.

Wohlgemerkt, die Erinnerung ist nicht der Genuss, beinhaltet aber die Orientierungsmittel, um den Genuss äußerlich wieder aufsuchen zu können. Das ist so einem Tier nicht möglich. Es ist darauf angewiesen, real dem Ereignis, welches es zu einer Handlung veranlasst hat, zufällig wieder zu begegnen, um zu einer vergleichbaren Handlung wie damals zu kommen. Die hermetische Wissenschaft nennt diesen Wesensteil des Menschen die Empfindungsseele. Man könnte sie auch als Erinnerungsseele bezeichnen.

In der Erinnerungsfähigkeit unterscheidet sich die Empfindungsseele vom Astralleib. Dieser ruft Empfindungen in die Bewusstheit, wenn ein äußerer Anlass dazu vorhanden ist. Die Empfindungsseele kann unabhängig von einem solchen äußeren Anlass die Empfindung kraft der Erinnerungsfähigkeit erzeugen.

Eine bloße Empfindung ist Ausdruck von Bewusstheit. Eine durch Erinnerung hervorgerufene Empfindung ist Ausdruck von Selbstbewusstheit.

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