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Die Verstandes- oder Gemütsseele.
Während die Empfindungsseele der Verwalter des Besitztums an Erinnerungen ist, kann das Ich oder Selbst des Menschen über dieses bloße Verwalten hinausgehen und diesen Erinnerungsschatz in der vielfältigsten Weise nach seinen Impulsen organisieren. Es muss sich dazu in gewissem Sinne dieser Summe an Erinnerungen in sich selbst gegenüber stellen, um sie anschauen und organisieren zu können. Dazu muss es eine Fähigkeit erringen, die über das bloße Erinnern hinausgeht. Es muss Verstand entwickeln. Verstand ist eine Art Kombinationsgabe, die es ermöglicht, die Erinnerungen als Wissensinhalte in einer Weise miteinander zu verknüpfen, dass sie zu ganz anderen Ergebnissen und Erlebnissen führen können, als die jeweiligen Erinnerungen aus sich allein begründen würden. In diesem Seelenglied werden Fähigkeiten wie List, Schläue, Entschiedenheit, Raffinesse usw. entwickelt. Daher nennt die hermetische Wissenschaft dieses Seelenglied des Menschen auch die Verstandesseele. Es geht in ihr um die Fähigkeit der Urteilsbildung, jener seelischen Betätigungsart, durch die der Mensch als Erkenntniswesen seine Wahrnehmungen mit Begriffen verbindet. Wahrnehmungen allein stellen noch keine Wirklichkeit dar. Erst nachdem ein rechtes Paar aus Wahrnehmung und Begriff gebildet worden ist, kann von einer Wirklichkeitserkenntnis gesprochen werden. Die unzutreffende Verbindung einer Wahrnehmung mit einem Begriff stellt demgegenüber einen Irrtum dar. Die Verstandestätigkeit als Erkenntnisakt von Wirklichkeiten wird zunächst an Wahrnehmungen der Sinneswelt erübt und erzogen. Die Sinneswelt als Erfahrungswelt ist stark genug, um einer irrtümlichen Wirklichkeitserkenntnis korrigierend entgegenzuwirken. Ist eine solche Erziehung der Verstandesfähigkeiten erfolgt, dann können diese auch auf nicht sinnliche Wahrnehmungen angewendet werden, solche mit zutreffenden Begriffen verbinden und entsprechend zu einer nicht sinnlichen Wirklichkeitserkenntnis entwickeln. Auf Zusammenhänge dieser Art spielt Rudolf Steiner im 11. Bild seines 2. Mysteriendramas an, wo er Maria zu Ahriman, dem Geist von Irrtum und Täuschung sagen lässt: »Es gibt nur ein Gebiet im Geistesland, In dem das Schwert geschmiedet werden kann, Vor dessen Anblick du verschwinden musst. Es ist das Reich, in dem die Menschenseelen Sich aus Verstandeskräften Wissen bilden Und dann zur Geistesweisheit umgestalten. Und kann ich mir in diesem Augenblicke richtig Das Wahrheitswort zum Schwerte schmieden, So wirst du diesen Ort verlassen müssen. So höre du, der Vater ist der Täuschung, Ob ich vor dir die Siegeswahrheit spreche.« Beiden, der »Empfindungsseele« und »Verstandes- oder Gemütsseele« ist es eigen, dass sie auf den Schatz an Erinnerungen zurückgreifen, die an vielfältigen Wahrnehmungserlebnissen erworben wurden. Sie gehen diesen Schatz aber in unterschiedlicher Weise an. Je entwickelter der Inhalt von »Empfindungsseele« und »Verstandes- oder Gemütsseele«, also je umfassender er ist, desto gebildeter würde man eine solche Seele nennen. Gemeinsam ist ihnen ferner, dass sie über ihre expandierende Dynamik die Egoität und damit die Neigung zum Egoismus steigern. Kann sich das Ich in der Empfindungsseele fühlen, so gelangt es in der weiteren Entwicklung innerhalb der Verstandes- oder Gemütsseele jetzt zu einem Erlebnis von seinem eigenen Vorhandensein gegenüber der Welt - Verstandesseele - im Spiegel seiner Bedürfnisse - Gemütsseele. Es fasst sich selbst als individuell-persönlich auf und leitet daraus Ansprüche ab. Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons |